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Fernsehen : Faustrecht ist Pflichterfüllung

Kiefer Sutherland als Jack Bauer im Kampf gegen den Terror Bild: AP

Ein Dienstleister der inneren Sicherheit. Ein zwangsneurotischer Soziopath, der seinen Job aus innerer Getriebenheit durchzieht. Warum Kiefer Sutherland als Antiterrorpolizist Jack Bauer aus der Fernsehserie "24" so gefährlich genau in unsere Zeit paßt

          Einer bei Feuilleton und Underground-Publizistik gleichermaßen beliebten Idee zum Trotz, wonach jeder Pop-Künstler, der einen gewissen fixen, bescheidenen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad überschreitet, nur ein Affe sein kann, bleibt festzuhalten: Popularität ist ein Vergrößerungsglas. Wer fast nichts kann, kann überhaupt nichts mehr, sobald ihn die Massen lieben, wer gut ist, wird dadurch nur noch besser. Der Schauspieler Kiefer Sutherland hat den Popularitätsschub, den seine Darstellung des Antiterrorpolizisten Jack Bauer in der Fernsehserie "24" mit sich gebracht hat, ansehnlich überstanden.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Leute mit kompaktem Dachschaden spielt Sutherland nämlich immer gern, seine Physiognomie, findet er, kommt dem entgegen: "Ich sehe nicht gerade aus wie der typische positive Held", ein Problem, das er mit anderen sehr guten Schauspielern wie Gary Sinise oder Kevin Bacon teilt. Nicht, daß er deshalb ausschließlich Irre spielten würde - ausgerechnet im "Twin Peaks"-Spielfilm "Fire Walk with Me" von 1991, den mit David Lynch immerhin ein echter Irrer gedreht hat, gibt Sutherland einen ganz normalen, höchstens leicht schüchternen Polizisten.

          Beeindruckende Sammlung menschlicher Seelenhaushaltsdefizite

          Es muß auch nicht, wie bei Klaus Kinski, immer dieselbe Macke sein, die der Star verkauft: Vom hitzköpfigen jugendlichen Kinderquäler in "Stand by me" (1986) über den seinem General sklavisch untergebenen, eiskalten Offizier in "Eine Frage der Ehre" (1992) bis zum leicht dämlichen, haltlos schießwütigen Drogengangster in seinem eigenen Regiedebüt "Truth Or Consequences N.M." (1997) hat er seinem Schauspieler-Portfolio eine beeindruckende Sammlung menschlicher Seelenhaushaltsdefizite einverleibt.

          Was für die Kritik abfällt, wenn ein Darsteller so ein Programm mit wenigen Lücken konsequent durchhält, ist eine Reihe von Schaustücken einer Theorie des Verhältnisses von Beklopptheit und Rollenverhalten an sich. Nicht nur verschiedene Drehbücher brauchen verschiedene Wahnsinnige, sondern auch verschiedene Gesellschaften - wer es im spanischen Mittelalter als Inquisitor zu was gebracht hätte, muß im Schweden der siebziger Jahre eine gesellschaftliche Randexistenz als Frauenmörder führen.

          Bei der Rolle, die Sutherland seinen größten Erfolg seit Jahrzehnten, vielleicht den größten seiner bisherigen Karriere verschafft hat, Jack Bauer von der Los-Angeles-Zweigstelle der Bundesbehörde CTU, passen die Umstände, als hätte sie jemand mit dem Stahlhammer ineinandergetrieben: Auf so einen hat das verunsichertste Amerika, das es je gab, nur gewartet. Er sägt Kronzeugen den Kopf ab, um damit gegenüber Gangstern seine Glaubwürdigkeit zu dokumentieren, schüttelt einem Rechtsradikalen erfreut die Hand, der gerade ein Regierungsgebäude gesprengt hat, fügt sich Verletzungen zu und läßt sich zur Not sogar auf einen Handel ein, bei dem jemand straffrei ausgeht, der ihn erschießt. Erst mal rein in die Situation, wie wir rauskommen, können wir uns dann immer noch überlegen.

          „Den Kriminalroman auf die kalten Straßen der amerikanischen Metropolen holen"

          Das Sichverlassenmüssen des mit Kriminellen konfrontierten Helden auf sein eigenes Urteil ist an sich keine neue Idee. Sam Spade und Philip Marlowe, die großen klassischen Privatdetektive, waren aber keine amoklaufenden Solitäre, sondern Privatiers der Gerechtigkeit. Ihr Ehrenkodex ersetzte die gesetzesförmige Begründung des Zugriffs auf Bösewichter, ihre Dunkelheit war die einer freien Marktwirtschaft, in der das Handwerk als nicht industriezeitaltergemäß zwar gerade abstirbt, aber ein paar vereinzelte Handwerker - Tierpräparatoren, Schuster, Detektive - noch recht und schlecht überleben.

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