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Fernsehen : Die neun Geschworenen

Hoch her geht's bei der „Konferenz” (Arte): Günther Maria Halmer Bild: HR / Bettina Müller

Viel zu selten erlaubt sich das Fernsehen Filme, die von solch gesellschaftspolitischer Brisanz sind und dabei so unterhaltsam: Das Arte-Drama „Die Konferenz“ ist ein Höhepunkt des Jahres.

          Zu Beginn eines Jahres sollte man vorsichtig sein mit Attributen wie „Höhepunkt“ - da kann so viel noch kommen. Doch muß man kein Hellseher sein, um dem neuen Film von Niki Stein große Wirkung zu prophezeien.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei paßt „Die Konferenz“ - nach dem Drehbuch von Bodo Kirchhoff - alles andere als in die Kategorie „Fernseh-Event“. Was Arte an diesem Freitag zeigt, ist kein opulenter historischer Mehrteiler, sondern ein Kammerspiel auf beklemmend engem Raum, das durch eben diese Beschränkung der Mittel zu seiner Wucht und Intensität findet. „Die Konferenz“ handelt im Hier und Jetzt, an einem Ort, der uns allen vertraut ist: der Schule. Viel zu selten erlaubt sich das Fernsehen Filme, die von solch gesellschaftspolitischer Brisanz sind und dabei so unterhaltsam.

          Ein ungeheuerlicher Vorwurf

          Vordergründig geht es um eine Vergewaltigung, genauer: um den Vorwurf eines solchen Verbrechens. Victor Leysen, gerade achtzehn geworden, wird von seiner Mitschülerin Tizia beschuldigt, nach einer Theaterprobe handgreiflich geworden zu sein. Was sich im Keller des Frankfurter Hölderlin-Gymnasiums zugetragen hat, darüber kann man nur spekulieren; Leysen dementiert, es steht Aussage gegen Aussage.

          Senta Berger als Schulleiterin und Nina Petri als Lehrerin Kahle-Zenk

          Soweit die Vorgeschichte. Der Film beginnt, als sich an einem kalten Winterabend neun Lehrer in der verwahrlosten Schulbibliothek treffen, schon das eine politische Aussage, um über das Schicksal Leysens zu beraten. Durch die Heizungsrohre dringen aus der Tiefe des Kellers dumpfe Klopfgeräusche, der Hausmeister sucht vergeblich, die Heizung in Gang zu bringen.

          Zerstörung mit einem Wort

          Die Entscheidung über einen Schulverweis fällt nicht leicht. Ein Teil der Lehrerschaft sieht in Leysen jemanden, der fähig ist, „einen Menschen mit einem Wort nur zu zerstören“. Andere warnen, daß sich in der Anklage womöglich ein gebrochenes Herz manifestiere, das, ohnmächtig vor Schmerz und Trauer, zum Äußersten greift. „Die Seele schützt ihre Flanken, wenn es sein muß, auch mit Öffentlichkeit“, weiß der Lateinlehrer. Die Situation ist ausweglos; zu welcher Entscheidung man sich auch durchringt, es nimmt ein böses Ende.

          „Bei der Liebe bleibt immer einer auf der Strecke“, zischelt die Mathematiklehrerin Kahle-Zenk; im Fall Leysen und Tizia auch. Denn zuletzt dreht es sich um die Frage, wo die Liebe aufhört und die Vergewaltigung beginnt; ob Tizia wollte oder nicht wollte. „Wer ,ja' zu Leysen sagt, sagt ,nein' zu Tizia“, rechnet Frau Kahle-Zenk vor. Rolf C. Pirsich, der Biologielehrer, hält mit der Bienenkunde dagegen: Wenn die Königin ihren Begatter durch den Schutzwall vorläßt, muß sie ihn nach dem Akt für die Übertretung töten.

          Von der Gesellschaft abgestraft

          Also geht es nicht um ein Verbrechen, sondern um den Verlust von Scham? Die Lehrer wissen es nicht, können es nicht wissen - und sind auch nicht zuständig; dafür gibt es Gerichte. Trotzdem werden sie als Stellvertreter herangezogen. Das ist das unausgesprochene Thema des Films. Daß Probleme aus der Mitte der Gesellschaft an die Lehrer delegiert werden. „Daß wir von Lehrern erwarten, daß sie Probleme lösen, die wir zu Hause nicht gelöst bekommen“, sagt der Regisseur Niki Stein. Dieser Rolle können sie nicht gerecht werden, zugleich aber werden sie von der Gesellschaft abgestraft.

          Tizias Mutter droht mit Klage, sollte die Lehrerschaft keinen Schulverweis gegen den Schüler aussprechen, umgekehrt droht dessen Vater mit dem Gang vor Gericht. Natürlich bildet hier Erfurt die geistige Folie. Denn auch wenn die Lehrerkonferenz mit dem Beschluß, Robert Steinhäuser der Schule zu verweisen, keinesfalls ursächlich war, gab sie den Anstoß für die Katastrophe. Die Angst der Lehrer vor den unabsehbaren Folgen ihrer Entscheidung - „Ich sage nur Erfurt“ - ist in dieser kalten Frankfurter Nacht stets präsent.

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