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Fernsehen : Der schon wieder

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Und noch ein Hitler: Robert Carlyle Bild: RTL II

Und noch einmal Adolf Hitler im Film: RTL 2 zeigt den amerikanischen Zweiteiler „Hitler - Aufstieg des Bösen“ mit Robert Carlyle in der Titelrolle. Der Film hat erwartbare Schwächen und unerwartete Stärken.

          Manchmal setzt einem in letzter Zeit der Eindruck zu, übers Jahr würden allmählich mehr Hitlerfilme gezeigt, als es in der Weimarer Republik Parteien gab. Wird das denn so lange weitergehen, bis jede deutsche Redakteurin, jeder deutsche Publizist so ein Ding rezensiert hat, ja womöglich so lange, bis wir am Ende reif für einen Fernsehsender sind, der ausschließlich dergleichen bringt, "Hitler 24" vielleicht oder "htv"?

          Der Zweiteiler "Hitler - Aufstieg des Bösen", eine CBS-Produktion mit vorzüglicher Edelbesetzung in der Regie von Christian Duguay, enthält neben anderem, durchaus erfreulichem - dazu gleich - einen Haufen historischer Inakkuratessen: Hindenburg faselt in intimer Gesellschaft salbungsvoll von "unserer Demokratie", als wäre er der alte Papa Heuss kurz nach Geburt der Bundesrepublik und kein anständiger, aber sturer und eitler alter Soldat des Kaisers; Fritz Gerlich wird vom glühenden Nationalisten, feurigen Katholiken und bis zu seinem Tod im Konzentrationslager Dachau aufrechten Hitlergegner zu so einer Art amerikanischem Star-Reporter, für den es nichts Schöneres und Heiligeres gibt als Pressefreiheit und den investigativen Knüller; die Sozialdemokraten werden zur Partei der bürgerlichen Mitte umgeschminkt; der fast schon fertige Diktator verkauft sein "Ermächtigungsgesetz" als genau dies, mit genau diesem Wort, statt als Nothilfe; und im Weimarer Staat gab es in den Häusern wohlhabender Sympathisanten Hitlers offenbar Dienstboten, die nicht nur ihrer werten Herrschaft auf der Treppe Spott über den künftigen Führer aller Deutschen aus satirischen Artikeln der "Systempresse" vorlasen, sondern bei Zurechtweisung auch noch patzig darauf bestanden, doch wohl lesen zu dürfen, was ihnen beliebt - als hätten sie zu viele Michael-Moore-Filme gesehen.

          Das Problem mit der NS-Aura

          Das größte Problem dokumentarischer Verfahrensweisen bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die solche rührenden Macken grundsätzlich vermeiden wollen, ist natürlich die Tatsache, daß die meisten Hitlerbilder, die wir haben, leider Bilder sind, wie sie Hitler erwünscht waren: Keine noch so kritische Biographie, die nicht allein durch ihr Umschlagfoto schon NS-Aura verbreitete. Mitten im Wahlkampf kann demgegenüber heute jedes Boulevardblatt den mißliebigen Kandidaten beim Nasebohren oder mit Schweppes-Gesicht ablichten - die Botschaft kommt sofort an, auch wenn sie ohne Bildzeile bleibt.

          Wenn aber einer wie der hochbegabte Robert Carlyle, der in "Hitler - Aufstieg des Bösen" den fraglichen Aufsteiger gibt, keine andere Orientierungshilfe für die Wahl seiner Posen hat als alten Propagandadreck aus der Zentrale des Verbrechens, dann müßte die ganze Veranstaltung eigentlich schnell trostlos werden - wäre da nicht die große Chance einer finanziell gut gefütterten Produktion wie dieser, neben der Inszenierung eines leicht geschmacklos "Herr der Ringe"-haften Ersten Weltkriegs mit geilen grünen Gasangriffen und viel Schlamm, herzlich unecht wirkenden Alpen und Münchner Fassaden aus Pappe auch international bekannte Qualitätsschauspieler aufzufahren.

          Seine große Stärke

          Denn die tun mit ihrer Arbeit, was ein an sein Original gefesselter Hauptdarsteller oder eine Dokumentation nie könnte: die gezeigten Vorgänge interpretieren, kommentieren, neu kontextualisieren. Drolligerweise ist also genau das, was der Bierernst aller Händler mit negativ moralisch aufgeladenen Hitler-Devotionalien das Verachtenswerteste an so einem Film finden muß, seine große Stärke - die Anbindung an die Kulturindustrie und ihr bewährtes, fähiges Personal.

          Wenn nämlich etwa der als ewig zwielichtige Gestalt aus Wes-Craven-Horrorfilmen bekannte ausgezeichnete Ambivalenzmaskenträger Liev Schreiber Hitlers Außen-Pressechef Ernst Hanfstaengl verkörpert, wird einem plötzlich klar, daß eben auch ein wichtiger Prozentsatz des Personals der glamourösen, ästhetizistisch großbürgerlichen Machtfraktion in der Weimarer Moderne dem Nationalsozialismus mit aufgeholfen hat, nicht nur irgendwelche Bierdimpfel. Und Peter Stormare, den man als Charakterdarsteller aus Lars von Triers "Dancer in the Dark" kennt, bereichert das Ernst-Röhm-Bild um Facetten, bei denen der SA-Chef erstaunliche Ähnlichkeiten mit gegenwärtigen Sicherheitstheoretikern und -praktikern offenbart.

          Die begnadete Jena Malone schließlich, in "Donnie Darko" noch die zarte Liebste eines schizophrenen Welterlösers, gerät in Filmen offenbar immer an die falschen Männer, liefert aber mit ihrer sensiblen Verkörperung von Hitlers unglücklicher Nichte Geli Raubal einen interessanteren Beitrag zur Frage des männlich-faschistischen Irren und seiner Projektionsopfer ab als zehn Bände "Gender Studies". Das Fazit liegt auf der Hand: Wenn denn schon alle filmische Befassung mit diesem unappetitlichen Zeug notwendig Kitsch produziert, dann aber doch bitte, wie hier, zutiefst undeutschen Weltklasse-Kitsch.

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