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Fernsehen : Das kleine Krokodil

Genial daneben: Bernhard Hoëcker Bild: Pro Sieben

Hoëcker, Sie sind raus: Dieser Satz hat den Comedian Bernhard Hoëcker bekannt gemacht. Seine Paraderolle ist der kleine Mann, den der Zuschauer beschützen will, wenn die anderen gemein zu ihm sind.

          5 Min.

          Eine der abgründigsten Figuren der Trickfilmserie „The Simpsons“ ist Sideshow Bob, der Assistent von Krusty, dem Fernsehclown. Krusty erniedrigt und beleidigt Bob in einem fort. Weil Bob nun mal der ewige Zweite ist und weil einer immer das Opfer sein muß, gerade in der Comedy.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der gequälte Bob wehrt sich mit Haßtiraden auf das Fernsehen, hängt Krusty einen Mord an, versucht Bart Simpson umzubringen und landet im Gefängnis. Niemand mag Sideshow Bob, aber jeder hat wenigstens etwas Mitleid mit ihm, weil er der ewige Prügelknabe ist, dem sie die Torten und die Pointen um die Ohren hauen, weil man einem Sidekick wie Bob eben in die Seite kickt. Das ist ein Gesetz der Serie.

          Verdrehte Antworten

          Bernhard Hoëcker, der Sidekick unter den deutschen Comedians, flog immer raus. Damit ist er bekannt geworden, in der Comedy-Show „Switch“, die vor Jahren in ihren besten Momenten zeigte, wie sinnfrei intelligent und deshalb lustig Comedy sein kann. Zum Beispiel, wenn das Ensemble in einem Sketch über Stalin die Kolchose mit der Cordhose verwechselte. Bernhard Hoëcker flog immer deshalb raus, weil er in den Raterunden von „Switch“ verdrehte Antworten auf einfache Fragen gab. Heute, bei der erfolgreichen Raterunde „Genial daneben“ auf Sat.1, gibt er noch immer verdrehte Antworten auf mittlerweile ebenfalls verdrehte Fragen, nur wirft man ihn deshalb nicht mehr raus, sondern verleiht ihm den „Deutschen Fernsehpreis“ wie im Jahr 2004.

          Beherrscht die Pointen und sein Publikum

          Hoëcker gehört neben Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen zum festen Kern der Improvisationsshow, in der gelegentlich auch Olli Dittrich oder Michael Herbig auftreten, um etwa zu erklären, warum Ernst Kuzorra, das Schalker Fußballgenie, bei seiner Beerdigung eingegraben, ausgegraben und wieder eingegraben wurde. „Steh auf, wenn du Schalker bist“, sagte Michael Herbig damals. Solchen Sternstunden verdankt „Genial daneben“ seine Nominierung für den Grimme-Preis.

          Der Phantast der Runde

          Bernhard Hoëcker ist der Phantast der Runde, ein Sonderling, der sich in seinen Antworten davonträumt. Und der obendrein ein kleiner Mann ist, weswegen man ihn, anders als Sideshow Bob bei den „Simpsons“, auch schon zu „Switch“-Zeiten immer beschützen wollte, wann immer die anderen gemein zu ihm waren. „Wenn ein Kleiner was draufkriegt“, sagt Hoëcker, „haben die Leute Sympathie mit ihm. Wenn ein Gutaussehender was drauf kriegt, dann gönnen sie es ihm.“

          Hoëcker setzt deshalb seine Statur zum eigenen Vorteil ein: „Comedy vom Kleinsten“ verkündet das Plakat seines Solo-Programms, mit dem er seit dreieinhalb Jahren auftritt. Nutzt sich das nicht langsam ab? „Ich bin seit 34 Jahren der Kleinste in meinem Umfeld, und seit 34 Jahren werden darüber Witze gemacht“, sagt Hoëcker. „Also finden die Leute das noch immer witzig. Ich versuche aber auch, diese Witze zu vermeiden.“ Seinen Autoren hat er für das neue Programm aber untersagt, den kleinen Wuchs zum Witz zu machen.

          Kein Wagnis auf der Bühne

          Diese Gags sind aber eine zu sichere Beute beim Publikum, um sie nicht immer noch ins aktuelle Soloprogramm einzustreuen. Überhaupt geht Hoëcker allein auf der Bühne kein Wagnis ein, anders als bei „Genial daneben“ oder „Switch“. Es dreht sich alles um Männer und Frauen und deren verquere Kommunikation, Hoëcker beherrscht die Pointen und sein Publikum. Aber originell ist er erst dann, wenn ihm etwas rausrutscht. Hoëcker kennt diese Kritik: „Sobald er seinen Text verläßt, ist er gut, hat es mal in einer Kritik geheißen. Nur braucht man einen Text, um ihn verlassen zu können. Ich bewege mich auf der Bühne in konservativen Bahnen, weil sie mir mehr Stabilität geben.“

          Vielleicht sucht Hoëcker diese Haftung im bodenständigen Witz aber auch, weil er, seit er auf Bühnen spielt, immer Partner an der Seite hatte. So war es in der Theater-AG seiner katholischen Pfarrgemeinde in Endenich bei Bonn, so war es beim Jonglieren in der Schulgruppe, mit der er bei Firmenfeiern und Kindergeburtstagen auftrat. Bis die Jongleure endlich vor 400 Leuten auftreten wollten, die aber nicht gekommen wären, nur um Keulen in der Luft zu sehen, weswegen sich die Jongleure mit zwei anderen zusammentaten, die Sketche spielten. Einer der beiden hieß Bastian Bastewka.

          Monty Python statt Otto

          Das war Anfang der neunziger Jahre. Die „Comedy Crocodiles“, wie sie sich nun nannten, orientierten sich an „RTL Samstagnacht“, an Comedy und Helge Schneider, nicht an Kabarett oder Komikern: „Wir haben weniger Otto geguckt oder Didi Hallervorden, sondern eher Monthy Python oder Die nackte Kanone.“ Hoëcker erwähnt immer wieder auch Stan Laurel. Dessen Partner Oliver Hardy war zwar dick, aber Stan Laurel nie doof, sondern ein Anarchist, ein Meister des Understatements, was Hoëcker sehr gefällt. „Auf der einen Seite möchte man selbst der George Clooney sein, auf der anderen Seite liegen meist die Sympathien beim Opfer. Ich fand Stan Laurel immer viel lustiger.“

          Irgendwann Mitte der neunziger Jahre landeten die „Comedy Crocodiles“ dann bei der Jugendsendung „Lollo Rosso“ im WDR. Ein Redakteur dieser Show wechselte zu Pro Sieben, um „Switch“ zu produzieren, und erinnerte sich an Hoëcker. Der wurde engagiert, als Ausreißer der Gruppe, als Kippfigur, dessen Fall abgebremst wird vom Ensemble.

          Teil eines größeren Konzepts

          „Ich bin überhaupt kein Einzelmensch“, räumt Hoëcker, verheiratet mit Familie, denn auch ein. „Ich mache nur Teamarbeit. Ich, allein auf der einsamen Insel - das wäre ein sehr langweiliges Comedyprogramm, was ich da entwickeln würde.“ Seine Ideen entstünden eher im Gespräch. Wie bei „Genial daneben“ also. „Da bin ich Teil eines größeren Konzeptes. Weil es mit Hella von Sinnen so hervorragend harmoniert, kann ich zwischendurch entweder versuchen, wirklich eine Lösung zu einer Frage zu finden, weil ich weiß, sie fängt das auf, damit es witzig ist - oder aber ich baue nur Mist, weil sie dann irgendwann sagt: Jetzt laß uns doch mal ernsthaft überlegen.“

          „Genial daneben“ ist eigentlich nichts anderes als „Was bin ich?“ oder „Pssst!“: öffentlich-rechtliche Formate, die mit Gesichtern des Privatfernsehens auf Zielgruppe getrimmt wurden. Aus den „Ratefüchsen“ von damals sind allerdings „Panel-Existenzen“ (Harald Schmidt) geworden, die aufgereiht und abgefragt Humor produzieren. Wie beim Comedy-Boom, als die Sender immer neue, immergleiche Shows auf den Markt warfen, so sind jetzt diese „Panels“ das Humorrezept schlechthin, selbst für die vergangene Fußball-EM.

          Ein alternder Hase

          Und Hoëcker sitzt allzu häufig mittendrin. Was er aber gemerkt hat. „Irgendwann im letzten Sommer habe ich mir gesagt: Jetzt möchte ich nichts mehr machen außer den Sachen, die ich mache. Um mich nicht zu versenden.“ Ist er nicht längst ein Veteran dieses Geschäfts? „Ich würde lieber gern in zwanzig Jahren sagen: Ich war damals schon ein alter Hase“, antwortet Hoëcker. „Ein alter Hase ist ja jemand, den wenig überraschen kann. Und mich überraschen immer noch sehr viele Dinge. Aber es gibt zunehmend Dinge, von denen ich denke: Davon hast du schon mal gehört. Ich altere also.“

          Daß Pannen-Shows wie „C.O.P.S. - Die Comedy-Cops“, in der er neben Ingolf Lück auftrat, angesetzt und bald wieder abgesetzt werden, gehörte wohl zu diesem Reifeprozeß. „Die Fernsehsender sind vorsichtiger geworden“, sagt Hoëcker nüchtern. „Sie haben einfach Sorge, daß Formate zu lange laufen müssen, bevor sie etwas einbringen. Was ein Nachteil ist, weil viele Formate erst lange laufen mußten, bevor sie gut wurden.“

          Doch Hoëcker, der sich als Dienstleister versteht, sagt im nächsten Atemzug auch: „Kunst ist, was gefällt.“ Weswegen er sich zwar sehr über „stundenlange Primetime-Sendungen zur Heisenbergschen Unschärferelation“ freuen könnte - „aber das würde es einfach nicht bringen“. Einstweilen lebt er seine Liebe zu Physik und Neurochirugie im Solo-Programm aus, wo er Kommunikationsdiagramme zeichnet, die wie Ikea-Baupläne aussehen. „Worin unterscheidet sich Comedy vom Kabarett?“ fragt Hoëcker am Ende des Gesprächs. „Darin, daß es nicht um Moral geht, sondern um Naturwissenschaft.“ Darin also, daß sie genial daneben ist.

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