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Fernsehen : Am Himmel über Berlin

Der General und seine Liebste: Bettina Zimmermann und Heino Ferch Bild: Sat.1

Kein großes Welttheater, dafür eine zarte Liebesgeschichte mit einer Prise Machtpolitik: Sat.1 zeigt den historischen Zweiteiler „Die Luftbrücke“ mit Heino Ferch, Ulrich Tukur und Ulrich Noethen.

          Berlin im Jahr 1944. Axel Kielberg (Ulrich Noethen) muß an die Front. Über seiner rechten Schulter baumelt ein Rucksack, in der Hand hält er einen verschlissenen Koffer aus hellbraunem Leder. Der blaue Himmel taucht die Szene in eigenartiges Licht.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist kein guter Tag, um Abschied zu nehmen. „Ich will, daß das Beste im Leben noch vor uns liegt“, sagt der Arzt zu seiner schönen Frau Luise (Bettina Zimmermann), streicht ihr über die Wange, umarmt seinen Sohn Michael (Leo Natalis) und geht. Schnitt. Vier Jahre später. Es ist Frühsommer. Axel Kielberg gilt als gefallen. Berlin ist eine Trümmerwüste, in der sich lachende Kinder verstecken, rauchen und mit Schwarzpulver experimentieren. „I have a long experience“, murmelt Luise vor sich hin, sie hofft auf eine Stelle als Kellnerin im amerikanischen Casino des Flughafens Tempelhof und fährt, Englisch lernend, zum Vorstellungsgespräch. Wenige Momente später eilt sie lächelnd von Tisch zu Tisch, serviert Cola und Kaffee und Bier, während sich der politische Himmel über Berlin verdüstert.

          Dramaturgie auf drei Pfeilern

          So beginnt der Zweiteiler „Die Luftbrücke“ (Regie Dror Zahavi), hinter dem die Produktionsfirma Teamworx und ihr Hang zu historischen Stoffen sowie der Sender Sat.1 stehen. Rund sieben Millionen Euro hat dieses Mammutprojekt gekostet, eine stattliche Summe, die sich der Sender und einige Filmförderer fifty-fifty teilen. Die Dramaturgie der „Luftbrücke“, sagt Ariane Krampe, die den Film mit Nico Hofmann produziert hat, stehe auf drei Pfeilern: Der zarten Liebesgeschichte zwischen General Philip Turner (Heino Ferch) und seiner Sekretärin Luise, dem Reigen der Mächtigen und den Ereignissen um die Berlin-Blockade 1948/49, als Stalin West-Berlin von der Außenwelt abschloß und die „Rosinen-Bomber“ der Amerikaner und Briten den Himmel über der Stadt beherrschten.

          Zwischen General Turner und Luise entflammt die Liebe

          Doch diese drei dramaturgischen Pfeiler können der Last, die sie zu tragen haben, nicht immer standhalten. Es gibt Momente, da verliert die Geschichte die Balance und fällt aus ihrem filmischen Rahmen. Immer tiefer dringt man in die Seelenwelt der frisch Verliebten, verfolgt ihre Küsse und Blicke, bis man das politische Beben kaum noch spürt. Jene Szenen, die Stalin (Hansjürgen Hürrig) im Kreml zeigen, wie er nachdenklich auf und ab schreitet, aus dem Fenster sieht, die Luft durch die Nase zieht und sagt, daß der Winter bald kommen werde, dieser gute alte Freund, dem man vertrauen sollte, schließlich habe er die Russen noch nie im Stich gelassen, scheinen sehr weit weg. Sie wirken wie Fremdkörper, die sich in die Geschichte geschlichen haben.

          Das Dilemma des Films

          Selbstverständlich blickt die Kamera von Gero Steffen immer wieder auf die Start- und Landebahn und sieht den Piloten, die stets einen lockeren Spruch auf Lager haben und so cool daherschlendern, als bewegten sie sich in einem Hollywood-Film, dabei zu, wie sie bei dichtem Nebel ihre Maschinen tollkühn ins Nichts steuern. Auch der amerikanische Präsident Harry S. Truman (Jürgen Hentsch) tritt auf und zieht politische Fäden. Doch es sind nur Momentaufnahmen. Darin liegt das Dilemma dieses Films, der sich längst für die Liebesgeschichte entschieden hat, sich aber zugleich heftig dagegen wehrt.

          Es beginnt mit der Ankunft Turners. Sonnenbebrillt und in eine Fliegerjacke gehüllt, schreitet er ziemlich lässig über das Vorfeld des Tempelhofer Flughafens, wo ihn General Lucius D. Clay (großartig aufbrausend: Ulrich Tukur), der energische Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, empfängt. Einige Momente später Turner auf Luise Kielberg, und es dauert nicht lange, da sitzt sie in seinem Büro und tippt auf einer Schreibmaschine der Marke „Underwood“ irgendwelche Notizen ins Reine.

          Sie sind es, nicht wahr?

          Ganz langsam, ganz zart entspinnt sich erst sanfte Verliebtheit, dann Liebe. Und dieses vorsichtige Einanderumkreisen erzählt der Regisseur Dror Zahavi auf wunderbar einfühlsame Weise. Kein Schritt wird zu früh gegangen, kein Wort zu spät gesagt. Und doch begegnen sich die beiden zur falschen Zeit am falschen Ort. Denn eines Tages taucht der totgeglaubte Gatte wieder auf, zerfressen von Kriegserinnerungen. Als er irgendwann auf den Nebenbuhler trifft, stellt er jene Frage, die ihm den Schlaf raubt und sich in seine Gedanken gefressen hat: „Sie sind es, nicht wahr?“

          Eine kurze Szene, vielleicht ein, zwei Minuten. Man sieht nicht und glaubt nicht, daß es Stunden gedauert hat, bis sie endlich im Kasten war, bis die Bewegungen stimmten und die Sätze nicht mehr wie eine Wolke in der Luft hingen. Einmal verschwand Ulrich Noethen bei den Dreharbeiten zu früh Richtung Tür, ein anderes Mal stolperte Heino Ferch über seinen Text oder der Regisseur Dror Zahavi war schlicht unzufrieden mit der Mimik seiner Protagonisten. Ein Drehalltag in seiner ganzen Kompliziertheit. Vor jedem neuen Versuch huschte die Maskenbildnerin durch den Raum, kämmte Haare, puderte Wangen und Nasen und immer dann schienen alle im Raum für einen kurzen Moment aufzuatmen.

          Eindimensionaler Charakter

          Daß Heino Ferch die Rolle des verliebten Generals, der wie nebenbei die westliche Welt rettet, mit großer physischer Präsenz spielt, überrascht nicht, schließlich ziehen sich die Heldenrollen wie ein roter Faden durch seine Schauspielerbiographie. Wer ihn aber beobachtet hat, in Filmen wie „Hölle im Kopf“ oder „Mord am Meer“, vermißt diesmal den Zwischenraum der Rätselhaftigkeit. Zu eindimensional ist Turners Charakter gestrickt. Weder ihm noch seiner Liebe Luise fühlt man sich am Ende wirklich näher.

          Es gibt Filme, deren Bilder sich rasch wieder verflüchtigen und nie einen Weg ins Gedächtnis finden, weil ihnen trotz ihrer Mächtigkeit die Wucht des Erzählens fehlt. „Die Luftbrücke“ ist wahrscheinlich so ein Film. Man sieht ihn sich dennoch gerne an und bestärkt den Sender Sat.1 in dem Wagnis, die „Luftbrücke“ als Thema in Angriff zu nehmen. Bei RTL kommt zwar demnächst die „Sturmflut“, doch bis dahin bestimmt leider die Suche nach den „Superstars“ die Szene.

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