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Fassbinder Center in Frankfurt : Ein neuer Ort für den deutschen Film

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Seine Mutter tippte die Diktate ab

Aufnahmegerät und Tonbänder gehören ebenfalls zum neu erworbenen Konvolut und zeugen noch deutlicher von Fassbinders Arbeitswut als die Schriften. Viele der Aufnahmen dauern mehrere Stunden, während derer Fassbinder spricht, bis er einschläft, um dann, kaum aufgewacht, sofort weiterzusprechen. Seine Mutter Liselotte Eder tippte die Diktate später mit der Schreibmaschine ab. Sie führte auch seine Buchhaltung und war nach seinem Tod an der Gründung der Fassbinder Stiftung maßgeblich beteiligt. Und er arbeitete in der Zwischenzeit schon an dem nächsten Projekt. Anhand solcher Dokumente wird es Forscherinnen und Forschern künftig möglich sein, die Arbeitstechniken des wie besessen arbeitenden Fassbinder besser nachzuvollziehen. „Das ist nicht irgendein ein Fetisch, dem wir hier nachgehen. Wir wollen zeigen, was die Filmemacher verschiedener Zeiten umtrieb, und verstehen helfen, wie aus einer Idee in vielen Arbeitsschritten schließlich ein Film wird“, sagt Haß. Das Fassbinder Center leistet so einen Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Erbe des deutschen Films.

Auch darum sei der neue Standort ideal, so Haß, denn im Vergleich zu früher seien die Räumlichkeiten jetzt viel benutzerfreundlicher. Und tatsächlich lädt ein großzügiger Lesesaal zur ausgiebigen Lektüre ein, wohingegen der alte Standort in Rödelheim zu klein geworden sei. „Das waren nur bessere Lagerhallen, wenig einladend, völlig unpraktisch gelegen und erst noch zu klein.“ Jetzt hat das DFF auf Veranlassung und Finanzierung von Carlo Giersch – eine halbe Million haben die Instandsetzung und Einrichtung gekostet – schöne Räumlichkeiten in einem ehemaligen Bankgebäude bekommen, wo auch im Untergeschoss viel Tageslicht vorhanden ist. Den größten Vorzug stellt aber zweifellos die zentrale Lage dar: Die Universität, mit der das Filminstitut immer wieder zusammenarbeitet, ist nur ein paar hundert Meter entfernt.

Schätze wie Fassbinders Tonbandgerät, seinen Videorekorder oder seine Triumph-Schreibmaschine werden die Besucher im Fassbinder Center allerdings nicht zu Gesicht bekommen, genauso wenig wie die Jukebox aus Wim Wenders’ „Der amerikanische Freund“ oder die Originalkostüme diverser Filme. Denn sie sind sicher in den Archivräumen verwahrt, geschützt vor Tageslicht und Temperaturschwankungen. Auch wer eines der „Großobjekte“ sehen möchte, zu denen Mobiliar und Requisiten von Filmsets, aber auch Fassbinders Flipperautomat gehören, muss sich schon gedulden, bis die wertvollen Stücke als Leihgabe in einer Ausstellung gezeigt werden. Nutzer können sich an den Regalen und Lagerkammern denn auch nicht einfach bedienen, vielmehr vereinbaren sie einen Termin und bestellen sich ihre Materialien in den Lesesaal, dessen Beamer im Übrigen die einzige Möglichkeit darstellt, hier Filme zu sehen.

Und dort, im Leseraum, kommen Fassbinder-Fans dann doch noch auf ihre Kosten. Links und rechts neben der Tür stehen zwei braune, außerordentlich hässliche Ledersofas, Originale aus dem Besitz des Regisseurs. Wer sie sieht, weiß, warum sie „Wurstsofas“ genannt werden.

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