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Fassbinder auf DVD : Ich will doch nur, daß ihr mich liebt

  • Aktualisiert am

Rainer Werner Fassbinder (31.5.1946 - 10.6.1982) Bild: dpa

Alle zwei Wochen erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung künftig eine Seite über Filme auf DVD. Zum Auftakt antworten elf Regisseure auf die Frage nach ihrem Lieblingsfilm von Fassbinder auf DVD.

          Von diesem Dienstag an gibt es im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine neue Seite, die ausschließlich Filmen auf DVD gewidmet ist. Sie erscheint alle zwei Wochen und wird von der Filmredaktion verantwortet.

          Filme auf DVD gewinnen eine immer größere Bedeutung, und die neue Technik hat unsere Art, Filme zu sehen, verändert. Schon in naher Zukunft wird die gesamte Filmgeschichte jedem Zuschauer ohne Mühe zugänglich sein. Der Markt für DVDs ist unübersichtlich. Einerseits werden mit erheblichem Aufwand Filmklassiker rekonstruiert. Der Umgang mit Filmen wird dadurch dem mit Büchern ähnlich, man kann vor- und zurückblättern, innehalten, vergleichen.

          Kommentare, mehrsprachige Versionen, Interviews und Hintergrundinformationen machen aus einer guten DVD-Edition eine verlegerische Glanzleistung. Andererseits aber wird auch minderwertiges Material vertrieben, gekürzte Filme in technisch unzureichender Qualität. Hier wollen wir Orientierungshilfen geben, alle zwei Wochen am Dienstag. Zum Auftakt der neuen DVD-Seite beschäftigen wir uns mit dem OEuvre des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, der an diesem Dienstag sechzig Jahre alt geworden wäre (F.A.Z.).

          Wim Wenders: Ein paar Tränen

          Über meinen „Lieblings-Fassbinder“ etwas zu sagen scheint etwas hirnrissig. Der Mann hat schließlich genügend tolle Filme gedreht, als daß man da einen einzigen hervorheben sollte, könnte, wollen würde. Aber wenn ich jetzt sofort jemandem einen Film von Rainer Werner zeigen sollte, müßte, dürfte, der noch nie einen gesehen hat, und wenn die jetzt alle als DVDs vor mir stünden, dann würde ich . . . Scheiße, dann würde ich lange zögern!

          Und schließlich den „Händler der vier Jahreszeiten“, „Effie Briest“ und „Die Ehe der Maria Braun“ hervorziehen und kurz meine Theorie erläutern, daß Rainer Werner in einige seiner Filme mehr Liebe und Geduld investiert hat als in andere und daß diese drei mit Sicherheit zu denen gehören würden, auf die er selber richtig stolz war. Und dann würde ich die Person bitten, die Augen zu schließen und blind einen Film auszuwählen. Und dann würde ich mich dazusetzen und während des Films wieder ein paar Tränen verdrücken, daß der verfluchte Idiot seinem Leben ein Ende gemacht hat, statt weiter so ein Wahnsinnskino zu machen! Außerdem hätte man ihm dann ordentlich gratulieren können . . .

          Jan Schütte: Brennende Klarheit

          Eine schwierige Frage: Die Wahrnehmung von Fassbinders Filmen hat sich für mich - wie bei kaum einem anderen Regisseur - immer wieder verändert. Vieles so Großartige erschien beim Wiedersehen doch sehr der Entstehungszeit verhaftet und hatte seine Kraft eingebüßt. Für zwei Filme gilt das jedoch ganz sicher nicht: für den „Händler der vier Jahreszeiten“ und für „Fontane Effi Briest“ - wobei ich mich zur Wahl gezwungen für „Effi“ entscheiden würde. Der Film ist von einer intensiven, fast brennenden Klarheit, ganz auf das Innenleben der Hauptfigur konzentriert, als wenn Fassbinders Kunst in dem fremden Stoff am größten zum Leuchten käme, mehr noch als in den eigenen Erfindungen. Auch nach über dreißig Jahren immer noch ein Meisterwerk.

          Benjamin Heisenberg: Was du nicht siehst

          Kurt Raab will in „Warum läuft Herr R. Amok?“ eine Platte kaufen, weil er ein Lied gehört hat. Er weiß nicht, wie das Lied heißt, nur daß er es mochte. Nachsingen kann er es zaghaft. Er wird ausgelacht von den ausgelassenen Mädchen an der Kasse, aber seine hilflose Ernsthaftigkeit rührt sie auch. Die Platte ist ein Geschenk für seine Frau, die er ein paar Szenen später mit einem Kerzenleuchter erschlägt - genauso hilflos, nicht zaghaft, ganz unspektakulär, weil sein Leben anmutet, wie ein „Ich sehe was, was du nicht siehst“-Spiel, bei dem niemand etwas vom anderen sieht.

          Hans Weingartner: Alles Simulation

          Fassbinder war völlig egal, was die anderen für Filme machten. Er sagte, was er zu sagen hatte. Dabei verschwendete er keine Zeit für Eitelkeiten. Seine Filme sind eigenartig und einzigartig. Und er war ein unglaublicher Visionär. In „Welt am Draht“ war er seiner Zeit zwanzig Jahre voraus. Großer Moment, wenn der Held erfährt, daß auch seine Welt nur eine Simulation ist. Vorbildlich sind seine Radikalität, seine Hingabe zum Film und wie er das Thema der Entfremdung behandelt. Lebte Fassbinder noch, er würde Thomas Bernhard verfilmen.

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