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Falludscha : Irakischer Mitarbeiter des ZDF im Irak getötet

Der Todesfall des zweiunddreißig Jahre alten Mahmoud Hamid Abbas, der im Irak für das ZDF arbeitete, wirft ein Licht auf die Art und Weise, in der Bilder für Fernsehbeiträge zustande kommen.

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          Der Todesfall eines Journalisten im Irak wirft ein Licht auf die Umstände, unter denen Reporter in Krisenregionen arbeiten und auf die Art und Weise, in der Bilder für Fernsehbeiträge zustande kommen: Am Sonntag ist in der umkämpften irakischen Stadt Falludscha ein freier Mitarbeiter des ZDF getötet worden. Es ist der zweiunddreißig Jahre alte Mahmoud Hamid Abbas, der im Irak als freier Cutter und Producer für verschiedene Sender und regelmäßig auch für das ZDF arbeitete. Der Sender hatte in Bagdad am frühen Sonntagnachmittag zum letzten Mal Kontakt mit dem Mitarbeiter, der im Auftrag des ZDF nach Falludscha aufgebrochen war. Dort wollte er Aufnahmen von den Kämpfen zwischen Amerikanern, irakischen Regierungstruppen und aufständischen Sunniten machen. In einem Telefonat habe Abbas noch erklärt, er habe ein von der amerikanischen Luftwaffe bombardiertes Haus gefilmt und werde nun nach Bagdad zurückkehren. Eine knappe halbe Stunde später habe er sich abermals gemeldet und berichtet, daß er und seine Begleiter beschossen würden. Dann brach die Verbindung ab.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Einen Tag später erreichte das ZDF die Meldung, daß Unbekannte fünf Leichen in eine Moschee in Falludscha gebracht hätten, darunter den Leichnam des vermißten Mitarbeiters. Die Identifizierung durch den Bruder des Getöteten habe die Gewißheit erbracht, daß Mahmoud Hamid Abbas zu den Toten zählte, so das ZDF. Ein freier Kameramann, mit dem Abbas unterwegs war, und der für ihn Bilder machte, soll sich in der Gefangenschaft von Aufständischen befinden.

          Recherchieren, Kontakte knüpfen, das Leben riskieren

          Abbas habe, so der Sender, seit eineinhalb Jahren regelmäßig für das ZDF und die Europäische Rundfunkunion EBU, in der die europäischen öffentlich-rechtlichen Sender organisiert sind, in Bagdad gearbeitet, vor allem im Bildschnitt. Wegen seiner Herkunft und familiären Bindungen nach Falludscha sei er wiederholt bei Aufnahmen in der Sunnitenregion im Nordwest-Irak eingesetzt worden. Er sei bei seinen Einsätzen besonders umsichtig und vorsichtig gewesen. Abbas hinterläßt seine Frau und drei Kinder.

          Der irakische Cutter war also für das ZDF auf einer jener gefahrvollen Reisen unterwegs, mit der die häufig ungenannten, anonymen Mitarbeiter, die als "Producer" bezeichnet, aber den Zuschauern gegenüber so gut wie nie beim Namen genannt werden, erst für die Bilder sorgen, die Korrespondenten in ihren Überblicksberichten zusammenstellen und kommentieren. Dabei sind es häufig die jeweils einheimischen Producer, die recherchieren, Kontakte knüpfen, Gesprächspartner finden, das Terrain sondieren und ihr Leben riskieren. Ohne ihre Unterstützung und Kenntnis von Land und Leuten kommen ausländische Korrespondenten nicht aus beziehungsweise nicht weit. Während es im angelsächsischen Journalismus Usus ist, auch einmal die Leistung des Teams zu benennen und den jeweiligen Beitrag freier Mitarbeiter zum großen Ganzen auszuweisen, verschwinden sie als Wasserträger im hiesigen Journalismus häufig hinter den vom Bildschirm bekannten Gesichtern. Erst ein tragisches Geschehen wie dieses rückt ihre wichtige Mitarbeit für viele in den Blickpunkt.

          Die hart umkämpfte Stadt verlassen

          Der Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, teilte mit, daß die genauen Umstände, die zum Tod des Mitarbeiters führten, noch unklar seien: "Sein gewaltsamer Tod ist für das ZDF-Team ein Schock. Arabische Kollegen und unser Korrespondent Ulrich Tilgner in Bagdad setzen alles daran, um die Umstände des Todes von Mahmoud Abbas aufzuklären. Das ZDF wird der Familie zur Seite stehen."

          Im Irak war im vergangenen Jahr am 7. April während des Feldzugs der Amerikaner der Korrespondent des deutschen Magazins "Focus", Christian Liebig, bei einem Raketenangriff der irakischen Armee ums Leben gekommen. Er hatte den Krieg als sogenannter "eingebetteter" Korrespondent begleitet, sich aber entschlossen, dem letzten, entscheidenden Panzervorstoß der Amerikaner ins Innere der irakischen Hauptstadt nicht direkt zu folgen. In dem vorgeschobenen Hauptquartier verlor er bei dem Angriff sein Leben wie auch ein Kollege aus Spanien von der Zeitung "El Mundo" und zwei amerikanische Soldaten. Im Andenken an Liebig hat der Burda-Verlag gemeinsam mit den Eltern des getöteten Korrespondenten eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen.

          In der südirakischen Stadt Nassirijah ist unterdessen ein amerikanischer Journalist entführt worden. Wie der stellvertretende Gouverneur der Stadt, Adnan el Scharifi, mitteilte, arbeitete der Journalist Michael Garen an einer Reportage über archäologische Stätten in der Region. Er sei auf dem zentralen Markt der Stadt von Unbekannten überfallen und verschleppt worden. Garen ist Gründer und Chef des Unternehmens "Four Corners Media", das, wie die Agentur AFP berichtet, auf Video-, Foto- und Text-Dokumentationen spezialisiert ist.

          In Basra war am vergangenen Freitag der britische Journalist James Brandon entführt worden. In Nadschaf haben die amerikanischen Streitkräfte sämtliche Journalisten aufgefordert, die Stadt zu verlassen, in welcher sich der schiitische Prediger Muqtada al Sadr mit seiner sogenannten Mahdi-Armee verschanzt hält. Polizisten hatten allerdings gedroht, jeden Journalisten, der sich auf der Straße blicken ließ, zu erschießen. Inzwischen hat der Polizeichef von Nadschaf auf einer Pressekonferenz versichert, den Journalisten drohe von Seiten der Polizei keine Gefahr. Seine Aufforderung an die Medienvertreter, die hart umkämpfte Stadt zu verlassen, habe aber weiterhin Bestand.

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