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Fall Boßdorf : Eine neue Aktenlage

  • -Aktualisiert am

Muß entscheiden: Jobst Plog Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Verwaltungsrat des NDR prüft die neuen Stasi-Akten über seinen designierten Sportchef Hagen Boßdorf. Es gebe, so hört man vorab, „eine neue, eine andere Aktenlage“. Was wird die Konsequenz sein?

          Mittwoch nachmittag, 14 Uhr, war in Hamburg beim NDR Ortstermin in Sachen Hagen Boßdorf: Der Intendant Jobst Plog traf sich mit den Chefs seines Verwaltungsrats, Rosemarie Wilken und Wulf Schulemann.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am Morgen war im Sender das Konvolut der Stasi-Akten eingetroffen, das die Birthler-Behörde zu IM „Florian Werfer“, wie der ARD-Sportkoordinator bei der DDR-Auslandsspionage hieß, zusammengetragen hat. Die „neuen Akten“ würden nun geprüft, teilte der NDR mit. Am kommenden Dienstag, dem 13. Dezember, will sich der Verwaltungsrat mit der Sache befassen. Am Montagabend habe man die Akten bekommen, sagte die Verwaltungsratsvorsitzende Wilcken im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es läßt sich seither sagen: Es gibt eine neue, es gibt eine andere Aktenlage, die wir sorgfältig prüfen.“ Bis zum kommenden Dienstag werde der Intendant dazu eine Vorlage erarbeiten.

          Andere Schlüsse?

          Das klingt schon etwas anders als die Einlassungen zuvor, zumal diese sich in einem Streit zwischen NDR und Birthler-Behörde erschöpften. Ob die Verwaltungsräte des NDR nun andere Schlüsse ziehen als die Chefs der ARD aus dem gestern an dieser Stelle zitierten Schreiben des ARD-Sportkoordinators Boßdorf vom 20. Januar 2002? Damals war in der Birthler-Behörde die Karteikarte mit der Erfassung von Boßdorf als IM der Stasi-Auslandsspionagetruppe HVA gefunden worden. Und also hatte Boßdorf Anlaß, sich seinen Chefs zu erklären. Was er auch tat, mit Blick auf seine Zeit beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ und seine Kontakte zur Stasi.

          Er habe keine Verpflichtungserklärung, sondern nur die Verpflichtung zur „Geheimhaltung der Gespräche“ unterschrieben, schrieb Boßdorf. Zudem habe er sich „ab Mitte 1988 in unregelmäßigen Abständen zu Gesprächen“ mit Stasileuten in Leipzig getroffen. Es sei kein Druck auf ihn ausgeübt worden, sich mit der Stasi zu treffen, „der mich heute rehabilitieren würde“. In den Gesprächen sei es fast nur „um allgemeine politische Fragen, um Kultur-, Sport- und Universitätspolitik“, nicht um Beurteilungen oder Auskünfte über Menschen gegangen. „Mit einer Ausnahme: einer mündlichen Erkundigung nach einem befreundeten Studenten, der heute auch als Sportjournalist tätig ist.“ Er habe ihm sofort von der Anfrage erzählt und sei bis heute mit ihm befreundet. Das letzte Gespräch mit Mielkes Leuten habe im Herbst 1989 stattgefunden. „Die Stasi-Diskussionen waren zu diesem Zeitpunkt schon in vollem Gange. Ich fragte abschließend meinen Gesprächspartner, ob ich irgendwo registriert wäre und es Akten über mich gäbe. Er sagte mir, daß dies nicht der Fall wäre.“

          Was tat ein IM?

          Man fragt sich, wie die Leser des Briefes von 2002 die Dinge gewichtet hätten, wenn es sich nicht um den anerkannten Sportfachmann aus den eigenen Reihen gehandelt hätte. Was tat ein IM? Wie ist jemand einzuordnen, der zu einer Zeit, da die Demonstranten der „Friedlichen Revolution“ in der Nikolai-Kirche und andernorts sich zu Zehntausenden sammelten, sich Sorgen machte, ob und wenn ja, wie er bei der Stasi registriert war?

          Man könnte meinen, es handele sich um eine Geschichte, wie sie das ZDF kürzlich in dem Film „Die Nachrichten“ von Matti Geschonneck nach der Vorlage von Alexander Osang geschildert hat: Ein Journalist aus dem Osten gerät unter Stasi-Verdacht, seine Vita seit 1989 zählt nichts mehr, er soll sich erinnern, an was er sich nicht erinnern kann, weil es nichts zu erinnern gibt. Man könnte aber auch meinen, daß der NDR vor einer echten Aufgabe steht. Darauf verweist der stellvertretende Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen von Mecklenburg-Vorpommern, Jochen Schmidt.

          Er findet bereits die vom NDR angeführte „Interpretation grotesk, als mache es einen Unterschied, ob es sich um Ost- oder West-Deutsche gehandelt habe, die von der Stasi bespitzelt wurden.“ Bei seinen Mitarbeitern in Schwerin habe sich der Sender ganz anders verhalten. „Der NDR hat sich besonders im Landesfunkhaus Schwerin in vorbildlicher Form und mit klaren Maßstäben der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit angenommen. Dies gilt sowohl für den personalrechtlichen als auch für den redaktionellen Umgang mit dem Thema Stasi. Wenn die Sendeanstalt insgesamt glaubwürdig bleiben will, müssen diese klaren Maßstäbe jetzt auch auf den Fall Boßdorf in Hamburg angewendet werden.“

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