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„Fahrenheit 9/11“ : Agitprop für Amerika

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Patriotin und Bekehrte: Lila Lipscomb Bild: Publics PR

Lila Lipscomb, amerikanische Patriotin und Mutter eines gefallenen Soldaten, ist das Zentrum von Michael Moores Film „Fahrenheit 9/11“. Dank ihr könnte es Moore gelingen, seine eigentliche Zielgruppe nachdenklich zu machen.

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          Mit Lila Lipscomb läßt sich Michael Moore viel Zeit. Er steht in ihrer schmalen Küche, die er mit seinem massigen Körper fast ausfüllt, und läßt sie erzählen von den Dingen, die ihr wichtig sind: Familie, Gott, Vaterland.

          Er folgt ihr durch die Haustür in den Vorgarten, wo sie jeden Morgen die Flagge aufsteckt, ängstlich darauf bedacht, daß das Tuch nicht den Boden berührt. Sie redet von den gelben Bändern, den "yellow ribbons", die in Amerika traditionell an Türen und Laternenpfählen angebracht werden, um an die Soldaten im Feld zu gemahnen. Sie spricht von ihrer Tochter, die am Feldzug zur Befreiung Kuweits teilgenommen hat und unversehrt nach Hause zurückgekommen ist.

          Stets läßt Moore seine Kamera laufen, ohne selbst viel zu sagen, ohne die Aufnahmen von Mrs. Lipscomb so hektisch, dramatisch, suggestiv zu schneiden wie den Rest seines Films. Die Sequenzen über die Fünfzigjährige aus Flint, Michigan, haben derlei Einrichtung nicht nötig. Was sie sagt, formuliert jenseits aller Polemik, aller wüsten Witze die Essenz von Moores "Fahrenheit 9/11". Lila Lipscomb, Mutter, Patriotin, ist dessen Zentrum.

          Er hätte sie erfinden müssen

          Sie erzählt, während sie mit den Tränen kämpft, wie sie die Nachricht vom Tod ihres Ältesten erhalten hat, der zwei Wochen nach Beginn des Irak-Krieges mit seinem Black-Hawk-Hubschrauber abgeschossen wurde. Sie liest laut vor aus dem letzten Brief ihres Sohnes, der keinen Zweifel daran läßt, daß er den Einmarsch für einen Fehler hält. Und sie macht sich auf den Weg nach Washington, um wenigstens einen Blick auf die Rückseite des Weißen Hauses zu werfen, in dem der Mann sitzt, der, wie sie glaubt, ihren Erstgeborenen auf dem Gewissen hat. Hätte Moore diese Frau nicht über eine Notiz in "Newsweek" gefunden, er hätte sie erfinden müssen. Denn sie vollzieht vor den Augen des Zuschauers exakt die Kehrtwende, zu der "Fahrenheit 9/11" Amerika bewegen soll.

          Moore hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er parteiisch ist. Er tritt diese Woche am Rande der Versammlung der Demokraten in Boston auf, und er hat häufig genug erklärt, daß er mit seinem Film helfen wolle, Präsident Bush aus dem Amt zu jagen. Tatsächlich ist "Fahrenheit 9/11" der emotional wuchtigste, polemischste und längste Werbespot in der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe. Und weil er Wirkung entfalten soll, hat er, wie jeder professionell gemachte Wahlspot, eine genau definierte Adressatengruppe.

          Entscheidend für die Wahl

          Er zielt nicht, jedenfalls nicht vornehmlich, auf die Bush-Hasser in den großen Städten, auf die liberalen Intellektuellen, die "New York Times"-Leser, auf Studenten und College-Professoren, die den Republikanern nie ihre Stimme geben würden; und schon gar nicht richtet er sich an das europäische Publikum, das Bush und den Seinen ohnehin jede denkbare Schlechtigkeit zutraut. Moores Zielgruppe ist relativ klein, von Wahlforschern präzise beschrieben und nach allen Prognosen entscheidend für die Wahl im November.

          Die "New York Times" hat dieses Wählersegment jüngst die "Nascar Dads" genannt: weiße Familienväter ohne höhere Schulbildung, die am Wochenende zu Autorennen gehen.

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