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„Ewige Jugend“ im Kino : Die Überlebenden des Zauberbergs lassen grüßen

Damen und Herren im Bad: Szene aus Paolo Sorrentinos „Ewige Jugend“ Bild: Gianni Fiorito

Vor seinem Film „Ewige Jugend“ hatte man den Regisseur Paolo Sorrentino für einen Blender halten können, einen visuellen Trickser ohne Erzähltalent. Auf dreitausend Meter Höhe kommt die Tiefe wie von selbst.

          4 Min.

          Es gibt Filme, die unser Misstrauen verdienen. Paolo Sorrentinos „Youth“ gehört dazu. Dieser Film heißt „Jugend“ – im englischen Original, das der deutsche Verleih zu „Ewige Jugend“ verschlimmbessert hat –, aber er erzählt vom Greisenalter. Von zwei Greisen, genauer gesagt, einem Komponisten und einem Regisseur, die von der Höhe eines Wellnesshotels bei Davos auf ihr Leben hinabschauen. Und auf die anderen Patienten, Ärzte, Pflegerinnen, die mit ihnen die Kulisse bevölkern. Ein Rentnerfilm also, einer, in dem viel mehr geredet als gehandelt wird, ein Abgesang, in dem die Musik noch spielt, doch es ist die Musik verflossener Tage. Altes Kino für alte Augen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein weniger selbstbewusster Film, eine jener amerikanischen Studioproduktionen beispielsweise, die exakt für die Bedürfnisse der Generation Kukident kalibriert sind, von der inzwischen das halbe Kinogeschäft lebt, würde jetzt alles tun, um den Klischees, an die er rührt, zu entkommen. Nicht so „Youth“. Er benutzt das Klischee wie einen Spazierstock: mal als Krücke, mal als Degen.

          Auf einmal ergibt alles einen Sinn

          Gleich in den ersten Minuten sieht man, wie Ballinger, der Komponist im Ruhestand, eine Karriereoption erster Klasse ausschlägt. Ballinger soll ein Geburtstagskonzert für Prinz Philip dirigieren, aber er weist den Mann, den die Queen persönlich zu ihm geschickt hat, wie einen dummen Jungen ab. Wer sich selbst so alt aufführt, hat keine zweite Jugend verdient – das erfährt Ballinger spätestens am folgenden Abend, als die ebenfalls in dem Berghotel kurende Miss Universum, ein schmollmundiges Wunder der plastischen Chirurgie, an ihm vorbei stracks auf den depressiven Hollywoodstar zustöckelt, der einen Sessel weiter das Konzert der eigens eingeflogenen Retro-Band genießt. Nachts aber träumt der Komponist von der Schönen.

          Kinotrailer : „Ewige Jugend“

          Er hangelt sich bei Hochwasser auf einem Laufsteg über den Markusplatz, sie kommt ihm im Siegerbustier entgegen und presst ihre Oberweite gegen seinen Smoking. Dann versinkt alles in den Fluten der Lagune. Am Morgen tauschen Ballinger und sein Freund, der Regisseur Mick Boyle, wieder ihre Krankendaten aus: „Hast du heute gepinkelt?“ – „Vier Tropfen. Und du?“ – „Mehr oder weniger dasselbe.“ – „Mehr oder weniger?“ – „Weniger.“ Letzte Chancen, feuchte Träume, trockene Windeln, das sind die Tage von Davos.

          Lena Ballinger (Rachel Weisz) am Hotelpool
          Lena Ballinger (Rachel Weisz) am Hotelpool : Bild: GIANNI FIORITO

          So vergeht eine Dreiviertelstunde von „Youth“, und man denkt, es kommt nichts mehr. Der Film selbst, scheint es, hört auf zu denken, er macht es sich bequem in seinen Bildern, die wie eine Folge von Werbeclips auf der Suche nach dem passenden Produkt sind. Ein dicker Mann mit Marx-Tattoo auf dem Rücken wälzt sich schnaufend wie ein Walross aus dem Pool und gibt am Hotelzaun Autogramme. Eine Masseurin mit Zahnspange übt Hip-hop am offenen Fenster. Und Ballinger geht auf eine Almwiese und dirigiert das Konzert der Kuhglocken und Spechte, als wäre es ein Orchester aus Kafkas Naturtheater. Ein Ensemble schöner Bilder sei abscheulich, hat ein kluger Franzose geschrieben, und Paolo Sorrentinos Film ist kurz davor, ihm recht zu geben.

          Aber dann, auf einmal, passiert etwas. Nicht an der Oberfläche des Films. In seinem Inneren. Plötzlich beginnt er zu sprechen. Die Szene, in der das geschieht, spielt in Fred Ballingers Hotelzimmer. Sie erzählt davon, wie der Komponist dem Abgesandten des Buckingham Palace ein zweites Mal erklärt, warum er seine „Simple Songs“, die ihn berühmt gemacht haben, nicht für die Queen und ihren Prinzgemahl dirigieren will. Er habe die Songs für seine Frau geschrieben, sagt Ballinger, und nur sie könne sie singen, aber das gehe nicht mehr. Und während er redet, sitzt Lena, seine Tochter, hinter ihm und beginnt zu weinen, weil sie begreift, dass das, was sie gerade mit anhört, eine Liebeserklärung an ihre abwesende Mutter ist. Und auf einmal ergibt alles – Ballingers Kälte, das Kurhotel, der Traum von Venedig, das Kuhglockenkonzert – einen Sinn.

          Denn „Youth“ handelt, anders als seine zuckersüßen, zwanghaft virtuosen Bilder uns lange Zeit glauben machen, in Wahrheit nicht vom Alter und seinen Trübnissen. Sondern von der Jugend, die darin steckt wie die Puppe in der Puppe. Von der Zeit, die vergangen ist, aber nicht vergehen will. Deshalb trägt jeder Insasse des Berghotels, in dem der Film spielt, neben seinem sichtbaren Ich noch ein unsichtbares, früheres mit sich herum. Der Mann im Pool, dessen Bauch in keine Hose mehr passt, war einmal ein Maradona, ein Fußballgott. Der Hollywoodstar, der wie eine Mischung aus Johnny Depp und Leo DiCaprio aussieht, hat einmal in einer Low-Budget-Produktion eine Figur gespielt, die er wirklich liebte, doch nur ein kleines Mädchen erinnert sich daran. Und Fred Ballinger, der Komponist, hat seine Karriere auf den Lebensverzicht seiner Frau gebaut, aber nur er weiß, wie viel sie ihm bedeutet. Am Ende besucht er sie in ihrer Klinik in Venedig. Sie ist erloschen, ein Gespenst ohne Gedächtnis. Die „Simple Songs“ kann sie nicht mehr hören. Aber er wird sie dirigieren.

          An dieser Stelle muss von den Schauspielern die Rede sein, die dieses Zauberberg-Puzzle, das immer kurz davor ist, in Eleganz zu erstarren wie Sorrentinos voriger Film „La grande bellezza“, in Bewegung halten. Von Rachel Weisz, die hier mehr denn je eine Ikone nicht des Kinos, sondern des Lebens ist. Von Harvey Keitel, der seine längst zu Tode gerittene Elder-Statesman-Masche auf eine Weise wiederbelebt, dass man ihm alles glaubt. Und von Michael Caine, der mit Woody-Allen-Hut und Strickjacke der einzig legitime Erbe von Marcello Mastroianni ist – so wie „Youth“ von „Achteinhalb“.

          Ein Held mit zwei Köpfen

          Dies ist der erste Film von Paolo Sorrentino, in dem nicht ein Mann im Mittelpunkt steht, sondern zwei. Das hat Folgen für die Geschichte. Denn der melancholische Held, der bislang fast jedes Mal von Toni Servillo verkörpert wurde, hat hier gleichsam zwei Köpfe, Ballinger und Boyle. Einer ist das Gegenbild des anderen: Wo der Komponist jeden kleinen Finger, den ihm das Leben hinhält, mit beiden Händen wegschlägt, träumt sein Freund, der Regisseur, von einem großen Alterswerk, einer Summe früherer Erfolge. Zuletzt, das ist die tiefe Ironie von „Youth“, bekommt keiner von beiden, was er will.

          Ballinger muss noch einmal ins Rampenlicht treten, und Boyle zieht nach der Absage seiner Hauptdarstellerin – Jane Fonda in einem unsterblichen Fünf-Minuten-Auftritt – und dem Scheitern seines Projekts die tragische Konsequenz. Aber vorher schenkt ihm Sorrentino eine der schönsten Szenen, die es in diesem Jahr im Kino zu sehen gab. Auf einer Wiese erblickt Boyle all die Frauenfiguren, die er für die Leinwand erfunden hat: Zauberinnen, Mörderinnen, Agentinnen, Ladys und Lolitas. Sie rufen ihn. Sie locken ihn. Sie machen ihm Angst. Als der Tagtraum vorbei ist, steht Harvey Keitel wie ein Geist in der Alpenlandschaft. Die Bilder haben ihn verlassen. Jetzt lockt ihn nur noch der Tod.

          Nach „Il divo“, „Cheyenne“ und besonders „La grande bellezza“ konnte man Paolo Sorrentino für einen Blender halten, einen visuellen Trickser ohne Erzähltalent. Das ist vorbei. Mit „Youth“ zeigt Sorrentino, dass er seinem Kinogott Fellini nicht vergeblich geopfert hat. Offenbar musste er auf dreitausend Meter Höhe steigen, um dort etwas zu finden, was seine Filme vorher nicht hatten. Jetzt hat er es. Tiefe.

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