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„Everybody Wants Some!!“ : Rückblicke in eine versunkene Welt

Bild: Constantin Film

Die Tapeten stehlen den Jungs manchmal die Show, aber die Liebe zu den Achtzigern hält auch das aus: In Richard Linklaters Film „Everybody Wants Some!!“ geht es nur auf den ersten Blick um nichts.

          Ein Auto kommt an, voll beladen mit allem, was man im Spätsommer 1980 so mit sich führte, wenn man in einer fremden Stadt ein Studium aufnahm, also vor allem und unübersehbar der Plattenspieler und die dazugehörigen Platten. Gelenkt wird das Auto von einem jungen Mann mit kantigem Kinn, der nett aussieht und ein bisschen blöd; es hält vor einem Haus, das bis unters Dach von Altersgenossen des Novizen bewohnt wird, und damit ist die Sache eigentlich schon nach wenigen Filmminuten umrissen: Es geht um die letzten Tage, bevor das neue Semester beginnt, um den Moment des Übergangs, es geht um eine zusammengewürfelte Gemeinschaft junger Männer und um das, was sie verbindet - jenseits des Baseballsports, der die Champions ihrer jeweiligen Schulen in dieses Haus zusammengeführt hat.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Richard Linklaters Film „Everybody Wants Some!!“, der im März in den Vereinigten Staaten ins Kino kam und nun auch bei uns zu sehen ist, widmet sich seinem Gegenstand aus dem Abstand von 36 Jahren, also in etwa einer Generation. Der Graben ist tief genug, um das Gezeigte sehr seltsam wirken zu lassen, zugleich aber auch nicht so tief, dass die Generation der heute Fünfzigjährigen nicht doch in den wie besessen zusammengetragenen Accessoires einige Erinnerungen darin aufgehoben fände - sei es in den Autos, den Musikanlagen, den Möbeln, der Kleidung ohnehin, den Videospielen mit Pacman-Ästhetik und dem sehr seltsamen Tanzstil, der in der hiesigen Studentendisco üblich ist. Und natürlich tut die sorgsam ausgewählte zeitgenössische Musik das ihre, um den Anspruch zu betonen, dass hier ein semidokumentarisches Bild eines bestimmten historischen Moments erzeugt wird.

          Das ist nicht alles, natürlich nicht, aber diese manchmal etwas bemüht wirkende Annäherung färbt zunächst alles ein: Wenn Jake, der Neuankömmling, gespielt von Blake Jenner, das Haus der Baseballmannschaft betritt, nimmt man die Tapeten, die Küche und die Treppe ins Obergeschoss kaum weniger interessiert wahr als die Bewohner, die im Wesentlichen das Personal des Films bilden. Wir sehen ihnen zu, wie sie von Bar zu Bar fahren, wie sie feiern und die beiden Hausregeln (kein Alkohol! Keine Mädchen in den Schlafräumen!) ignorieren, wie sie sich prügeln und versöhnen, wie sie textsicher gemeinsam im Auto singen, und spätestens hier deutet sich an, dass Jakes Aufnahme in die Gruppe keine allzu großen Hindernisse entgegenstehen. Und auch, was dem abgewetzten Gemäuer, den Tapeten und Böden so zugesetzt hat.

          Entstanden ist so ein Werk in der Tradition der immer wieder auflebenden amerikanischen Collegefilme, der sich von diesen aber in einem Punkt auffällig unterscheidet: Es geht, auf den ersten Blick, um nichts, nicht um Initiation, nicht um den Abschlussball und auch nicht um den Sieg in irgendeinem Wettbewerb - selbst die Eroberung der Schauspielstudentin Beverly (Zoey Deutch) durch Jake ist kein Antriebsmoment für die Handlung. Stattdessen setzt der Film auf einzelne Momente, die das Lebensgefühl der Gruppe illustrieren soll: Da wird minutenlang vorgeführt, wie man einen fliegenden Baseball mit der Axt zerteilt, wie der Nervöseste von allen sich an der Bar in ungesunde Wut hineinsteigert oder wie ein und dieselbe Masche beim Kennenlernen von Studentinnen immer ähnliche Reaktionen hervorbringt, bis die Freunde die Sache desavouieren.

          Vor allem aber lässt Linklater seinen Protagonisten in einer seltsamen Mischung aus Aufnahmebereitschaft und innerer Resistenz durch ein ganzes Panorama unterschiedlicher Einflüsse gehen, vom kiffenden Welterklärer Willoughby bis zum völlig anders gelagerten Punker, mit dem er früher befreundet war und den er hier wieder trifft. Begabt mit einer gewissen Grundfreundlichkeit, durchläuft Jake Station um Station und bringt es fertig, auch sehr widersprüchliche Lebensentwürfe miteinander zu versöhnen.

          Und so trägt Jakes Existenz in diesem Film, der bereits als eine Art Fortsetzung von Linklaters „Dazed and Confused“ von 1993 gesehen wurde und doch in seiner friedlichen Grundstimmung völlig anders gelagert ist, durchaus märchenhafte Züge, gerade da, wo die Handlung das gängige Muster des Collegefilms still unterläuft: Jake ist zur Party bei Beverlys Künstlerfreunden eingeladen, seine rüpelhaften WG-Genossen bekommen davon Wind und wollen mit, und als Jake einwilligt, droht nach den Genregesetzen die Katastrophe inklusive der zwischenzeitlichen Trennung der Liebenden. Nichts davon hier, alles fügt sich, Linklaters Rückblick in diesen letzten Moment der Freiheit vor dem Studium ist vom Willen geprägt, Jake jeden Stein aus dem Weg zu räumen.

          Es ist die aufgehobene Zeit, die Linklater feiert, der in Bernstein aufgehobene Augenblick, und der ist naturgemäß nur deshalb besonders, weil Jakes Leben weitergehen wird. Was das bedeutet, zeigt der Film auch. Denn einer der Protagonisten wird rasch und beinahe beiläufig aus dem Paradies verstoßen, in das er sich hineingestohlen hatte, obwohl er ihm längst entwachsen war. Dass er noch um den Handschlag zum Abschied ringen muss, ist das bittere Gegenbild und eine zentrale Szene des Films. Noch so viel Mühe beim Ausstatten einer versunkenen Welt, so kann man sich das deuten, ändert eben nicht, dass diese Welt versunken ist.

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