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Europäischer Filmpreis : Lasst dies Herz alleine haben

Fatih Akin mit seinem Drehbuchpreis Bild: ddp

Zum zwanzigsten Mal wurde der europäische Filmpreis verliehen. Doch die Gala war langweilig. Das illustrierte ein durch die Reihe der Ehrengäste stolpernder Jan-Josef Liefers als Ko-Moderator. Da half auch die schöne Emmanuelle Béart nicht.

          2 Min.

          Wenn man von einer Feier kommt, bei der auch Emmanuelle Béart, Jeanne Moreau, Julie Delpy, Virginie Ledoyen und Julia Jentsch waren, ist es schwer zu erklären, warum man sich gelangweilt hat. Darf man wirklich ungeduldig werden, wenn die Béart im zartgrauen Abendkleid auf der Bühne steht und die Macht des Kinos beschwört? Man darf. Die zwanzigste Verleihung der Europäischen Filmpreise am Samstagabend in Berlin war der Beweis.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine kurze Episode mag den Unterhaltungswert des Abends illustrieren. Der Schauspieler Jan Josef Liefers, Béarts Ko-Moderator bei der Preisverleihung, läuft durch die Reihen der Ehrengäste, um sich von ihnen bekannte Filmtitel in ihrer Muttersprache vortragen zu lassen. Er trifft die Französin Sabine Azéma, den Dänen Mads Mikkelsen, die Schwedin Liv Ullmann, die sich als Norwegerin entpuppt, und jeder von ihnen sagt sein Sprüchlein auf; so soll der Reichtum der europäischen Sprachen zum Vorschein kommen. Aber die Nummer zündet nicht, weil sie weder gut einstudiert noch geschickt choreographiert ist; sie rumpelt dahin, bis Liefers, der seine Moderation in sächselndem Englisch fortsetzt, endlich zum Schluss kommt. Auch eine Filmpreisgala ist eine Art Film, mit Haupt- und Nebendarstellern und einer inneren Dramaturgie. Die Feier der Europäischen Filmakademie am Samstag war ein Stück aus der „Dogma“-Rumpelkammer, mit vielen verpatzten Einsätzen, echten und falschen Tränen und einem berühmten australischen Kameramann, der betrunken auf der Bühne herumtobte, aber ohne den Kontrollblick eines Lars von Trier.

          Die Urväterliga der Filmakademie

          Die echten Tränen, halb vor Schmerz und halb vor Zorn, verbiss sich Wim Wenders, als er mit belegter Stimme die Absage Jean-Luc Godards bekanntgab, der nach Andrzej Wajda, Ennio Morricone, Claude Chabrol und anderen endlich auch für sein Lebenswerk geehrt wurde. Wenders, man sah es, hätte Godard gern im Namen der ganzen Welt umarmt, aber Godard mochte sich nicht umarmen lassen. Zur Entschuldigung hatte er ein Gedicht von Mörike geschickt: „Lass, o Welt, o lass mich sein! Locket nicht mit Liebesgaben, / Lasst dies Herz alleine haben / Seine Wonne, seine Pein . . .“. Eine Karriere, ließ er ausrichten, habe er allerdings hinter sich, aber nur im Sinn jenes Steinbruchs, den das Wort auf Französisch auch bedeute. Godard hat offensichtlich keine Lust, in die Urväterliga der Filmakademie aufzurücken. Lieber macht er noch ein bisschen Kino.

          Emmanuelle Beart moderierte die Verleihung des Europäischen Filmpreises

          Neben Godard waren auch andere prominente Preisträger der Verleihung ferngeblieben: Helen Mirren, die für ihre Hauptrolle in „The Queen“, Frank Griebe, der für die Kamera in Tykwers „Parfum“, und Alain Resnais, der für „Herzen“ mit dem Preis der Europäischen Filmkritik ausgezeichnet wurde. Michael Ballhaus immerhin nahm die Ehrung für seinen Beitrag zum Weltkino persönlich entgegen, und auch Fatih Akin kam, um den werweißwievielten Drehbuchpreis für „Auf der anderen Seite“ zu empfangen. Der Portugiese Manoel de Oliveira, der demnächst hundert wird und immer noch Filme dreht, hielt eine gefühlte hundert Minuten lange Rede, und die inzwischen zur Ausflugsdampfer-Combo heruntergekommenen Leningrad Cowboys klampften so markerschütternd, dass man sich in jenes gallische Dorf versetzt wünschte, in dem die Troubadoure beim Wildschweinessen gefesselt und geknebelt im Baum hängen.

          Am Ende gewann dann doch der richtige Film. Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ bekam nach der Goldenen Palme auch den Preis der Europäischen Filmakademie, und der Regisseur gratulierte sich selbst mit dem knochentrockenen Satz: „Ich bedanke mich jetzt nicht bei meinem Produzenten, denn ich bin selbst mein Produzent.“ So stellen wir uns einen Autorenfilmer vor. Im kommenden Jahr soll die Preisverleihung in Kopenhagen stattfinden. Hoffen wir also auf die skandinavische Professionalität. Oder, um es mit den Worten eines großen Troubadours zu sagen: Dänen lügen nicht.

          Die Gewinner 2007

          Europäischer Film : „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“, Rumänien
          Regie : Cristian Mungiu für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“
          Schauspielerin : Helen Mirren in „The Queen“
          Schauspieler : Sasson Gabai in „Bikur Hatizmoret“ (The Band's Visit)
          Drehbuch : Fatih Akin für „Auf der anderen Seite“
          Kamera : Frank Griebe für „Das Parfum“
          Komponist : Alexandre Desplat für „The Queen“
          Entdeckung : „Bikur Hatizmoret“ (The Band's Visit) von Eran Kolirin, Israel
          Prix d'Excellence : Uli Hanisch für das Production Design von „Das Parfum“
          Prix Fipresci : „Cœurs“ von Alain Resnais
          Kurzfilm : „Alumbramiento“ von Eduardo Chapero-Jackson, Spanien
          Publikumspreis : „La sconosciuta“ von Giuseppe Tornatore, Italien
          Preis fürs Lebenswerk : Jean-Luc Godard
          Prix Screen International : Michael Ballhaus
          Dokumentarfilm : „Le papier ne peut pas envelopper la braise“ von Rithy Panh, Frankreich
          Ehrenpreis : Manoel de Oliveira

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