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Europäischer Filmpreis : „Die Nacht der Offenbarung“

  • Aktualisiert am

Julia Jentsch: Abermals ausgezeichnet für die Rolle der Sophie Scholl Bild: dpa/dpaweb

Eine müde Party ohne Glamourfaktor - braucht man ihn wirklich, den Europäischen Filmpreis? Immerhin: Michael Hanekes Psychodrama „Hidden“ gewann fünf „europäische Oscars“ und Sophie-Scholl-Darstellerin Julia Jentsch wurde zur besten Schauspielerin gekürt.

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          Braucht man ihn wirklich, den Europäischen Filmpreis? Die Sieger wie Michael Hanekes „Hidden“ räumten schon bei anderen Festivals Preise ab. Der Glamourfaktor tendierte gegen Null: Zur Party Tristesse verirrte sich am Samstag abend in die zugige, düstere Halle im Berliner Stadtteil Treptow neben ein paar nationalen Größen nur ein mißgelaunter Sean Connery.

          Und die Ehrung verlief zäh, erst nach drei Stunden waren die Preise in den 17 Kategorien vergeben. Einen großen Sieger brachte der Filmpreis immerhin hervor: Michael Hanekes Psychodrama „Hidden“ gewann gleich fünf der namenlosen Trophäen, die von der veranstaltenden Europäischen Filmakademie gern als „europäische Oscars“ bezeichnet werden.

          Gefühl wie bei einem Revival

          In der Königskategorie „Bester Film“ setzte sich die bereits bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnete Produktion durch, Haneke wurde zum besten Regisseur gekürt, Hauptdarsteller Daniel Auteuil zum besten Schauspieler und auch der Schnitt war siegreich. Darüber hinaus gab es den Kritikerpreis.

          Regisseur Michael Haneke: Sein Psychodrama „Hidden” gewann gleich fünf der „europäischen Oscars”

          Der in Paris lebende Haneke reagierte cool: „Natürlich freue ich mich“, erklärte er mit ernstem Gesicht und fügte hinzu, er habe ein bißschen das Gefühl wie bei einem Revival, da er bereits in Cannes mit dem Regie- und dem Kritikerpreis ausgezeichnet worden sei.

          In dem Thriller, einer internationalen Co-Produktion (Frankreich, Österreich, Deutschland, Italien) wird gezeigt, wie die Fassade einer gutbürgerlichen Familie zusammenbricht, nachdem sie von einem Stalker belästigt wird.

          Ende der deutschen Siegesserie

          „Hidden“ machte auch der kleinen deutschen Siegesserie beim Europäischen Filmpreis ein Ende: Vor zwei Jahren gewann Wolfgang Beckers Komödie „Good Bye, Lenin!“, im vergangenen Jahr Fatih Akins Drama „Gegen die Wand“.

          In diesem Jahr gingen die als Mitfavoriten gestarteten deutschen Filme „Don't come knocking“ von Wim Wenders und „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ von Marc Rothemund in der Königskategorie leer aus.

          Trophäen für Wenders-Film und Julia Jentsch

          Dennoch konnte sich auch der deutsche Film an diesem trüben Abend freuen. Der Wenders-Film wurde für die beste Kameraführung ausgezeichnet, Sophie-Scholl-Darstellerin Julia Jentsch zur besten Schauspielerin Europas gekürt.

          Der erfreulichste Aspekt war der Auftritt von Jentsch, die für ihre Rolle als Widerstandskämpferin bereits bei der Berlinale den Silbernen Bären erhalten hatte. „Ich empfinde die Auszeichnung als große Anerkennung“, sagte die 27jährige, die ein langes rotes Kleid trug - und ihre Freude wirkte echt. Allerdings stehe nicht sie selbst im Vordergrund, sondern die Geschichte der Weißen Rose und von Sophie Scholl. „Es sollen sich so viele Leute wie möglich den Film angucken, darüber nachdenken und mithelfen, daß so etwas nie mehr passiert“, sagte sie.

          Die nationale Prominenz feiert allein

          Ganz anders präsentierte sich dann der eigentliche Star des Abends, der wenigstens für ein bißchen internationales Flair sorgen sollte. Sean Connery, der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhielt, redete kryptisch: „Das ist die Nacht der Offenbarung und Improvisation“, sagte er.

          Beim anschließenden Pressetermin ärgerte er sich über die lauten Fotografen und erklärte leise mit versteinerter Miene: „Die sind so zivilisiert.“ Sein Gesicht hellte sich erst auf, als er endlich die offenbar lästige Frageminute beenden konnte: Ja, morgen reise er wieder nach London, und jetzt werde er erst mal zum Buffet gehen.

          Andere Stars hatten die Reise nach Berlin gleich abgesagt. Der beste europäische Darsteller Daniel Auteuil ließ sich wegen „schwerer Familienprobleme“ entschuldigen. George Clooney, der mit „Good night, and good luck“ den besten nicht-europäischen Film produzierte, erklärte per Videobotschaft, er drehe gerade in Los Angeles. Orlando Bloom, der den Publikumspreis als bester Darsteller erhielt, war auch nicht gekommen.

          So mußten sich die nationale Prominenz - unter anderem waren Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Hannelore Elsner, Dieter Kosslick, Dani Levy und Moderator Heino Ferch gekommen - mit sich selbst vergnügen.

          Wim Wenders Kochstudio

          Im Foyer war eine riesige Küche aufgebaut, in der einige Filmakademie-Mitglieder, unter anderem Wenders, für die Gäste Lachs und Gemüse kochten. Unabhängig ob Spartrick der Akademie oder Gag - die Verleihung wurde dadurch noch mehr in die Länge gezogen.

          Auch der neue Kulturstaatsminister Bernd Neumann ließ sich blicken, um sichtlich nervös ein paar Grußworte zu sprechen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit durfte neben Connery Platz nehmen. Nach der kurzen Begrüßung saßen die beiden schweigend nebeneinander.

          Wowereit jedoch war freundlich. Als er an der Arena eintraf und die zehn frierenden Fans nahe des roten Teppichs sah, gab er ihnen ein Autogramm und sagte: „Wenn schon kein Star da ist, dann bekommt ihr wenigstens von mir ein Autogramm.“ Berlin darf im kommenden Jahr auf die Zeremonie verzichten. 2006 soll in Warschau gefeiert werden.

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