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Trickfilm „Hello World“ : Eng verschränkte Geschenke

Zwei Liebende, ein mysteriöser Gast in Weiß und eine Krähe mit kosmischen Kenntnissen: Kein Datenspeicher kann dieses Abenteuer fassen. Bild: Koch Films

Erste Liebe dank Quantencomputing: In Tomohiko Itôs Trickfilm „Hello World“ erweisen Wissenschaft und Technik sich als weltenverzehrende Leidenschaften.

          3 Min.

          Der Unterschied zwischen Alltag und Koma ist nur nominell, wenn man Träume mit niemandem teilen kann. Der sechzehnjährige Naomi Katagaki träumt, wenn er nicht gerade im Kyoto des Jahres 2027 zur Schule geht, von interstellaren Reisen. Auf seinem Schlafzimmer-Altar stehen die Science-Fiction-Klassiker des Verlags Hayakawa, mit deren Hilfe Naomi im Zeichentrickfilm „Hello World“ von Tomohiko Itô, der seit Ende letzter Woche als DVD, Blu-Ray und per Stream auf Deutsch bestaunt werden kann, anfangs im Stubenhockerkokon auf das anstrengende Leben außerhalb der Traumquarantäne verzichtet.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann aber stürzt eine merkwürdige Krähe aus orangefarbenen Lichtvorhängen über der Stadt und mopst dem Jungen ein Buch. Der setzt ihr nach und begegnet an geweihter Stätte einem Fremden unter weißer Kapuze, der zwischen Daumen und Zeigefinger ein Dateninterface aus Luft und Licht webt und sich schließlich vorstellt: „Ich bin du, aber erst in zehn Jahren.“ Seinem jüngeren Ich will der Zukunftsbote zur großen Liebe verhelfen. Das verlangt zunächst die Entscheidung zwischen zwei denkbaren Zielen der Sehnsucht, den Mitschülerinnen Misuzu und Ruri. Misuzu scheint permanent umgeben von Bubble-Tea-Blasen einladender Herzlichkeit, Ruri dagegen ist eine „Tsundere“, das heißt, sie gibt sich spröde und schroff, eine etwas zu anspruchsvolle Flirtmethode für den rührenden Wirrkopf, der fast in Ohnmacht sinkt, als er erkennt, dass sie seine Hingabe an die Literatur teilt. Holprig-lustig lernen Naomi und Ruri außer Büchern auch einander zu lesen. Bald schreiben sie kürzeste Mitteilungen, die Gleichaltrige sonst digital verschicken, in Briefe, die sie, rührend ernsthaft-altmodisch, einander gewissenhaft zustellen. Unter Bäumen flüstern sie zusammen; die Liebe ist da.

          Mitten in der „zweiten Quantenrevolution“

          Hier jedoch springt der Film vom Niedlichen ins Ungeheuerliche: Der künftige Naomi hat gelogen, die Gegenwart ist gar keine, sondern Archivinhalt eines Quantencomputers, der die Weltlinien unzähliger Individuen deren jederzeitigen Abfragen zur Verfügung stellt. Der Mann in Weiß ist kein Helfer, sondern ein Dieb, der Naomis und Ruris Glück stehlen will, weil er muss. Die harmlose Filmoberfläche aus Cel-Shading-Figurendesign und digitaler Raumsuggestion zerbricht daran; eine Erzählung über Herz und Hirn an beider Grenze zum Zerfall zeigt sich als Gleichnis auf die Wissensgegenwart des Filmpublikums. Dieses Publikum befindet sich, ob es das weiß oder nicht, mitten in einer „zweiten Quantenrevolution“, wie der Titel einer populären Darstellung der Materie von Lars Jaeger aus dem Jahr 2018 sagt. Die „erste Quantenrevolution“ war Max Plancks Entdeckung von Energiepäckchen im physikalisch Kleinsten, die allerlei Irrsinn mit sich brachte, von Heisenbergs Unbestimmtheiten elementarer Weltbausteineigenschaften über die Doppelgestalt von Licht und Materie als Welle wie Teilchen und die Nichtlokalität von Ereignismustern in weit auseinanderliegenden Raumzeitregionen bis hin zur gespenstischen „Verschränkung“ von entlegenen Messgrößen. Das alles ist Physikgeschichte.

          Unter Bäumen flüstern bis die Liebe da ist: Naomis Angebetete Ruri
          Unter Bäumen flüstern bis die Liebe da ist: Naomis Angebetete Ruri : Bild: Koch Films

          Heute wiederum erleben wir einerseits neue Anwendungsverheißungen, vor allem im Rechnerwesen, zwischen Verschlüsselung und Datensuche, andererseits aber ist der Streit darum neu entbrannt, was die ganze so vielfach messbestätigte Theorie eigentlich bedeutet, das heißt: welches (wenn’s denn kein besseres Wort dafür gibt) „Weltbild“ sie uns abverlangt. Während so etwa der noch recht junge „QBism“ (kurz für: „Quanten-Bayesianismus“), eine Vermählung der Wahrscheinlichkeitslehre des Thomas Bayes mit Plancks Erbe, laut Leuten namens Christopher A. Fuchs und Hans Christian von Baeyer die Wahrscheinlichkeitsangaben der Quantenphysik als numerische Maße persönlicher Grade des Fürwahrhaltens einer Behauptung durch den beobachtenden Menschenverstand interpretieren soll, macht sich der Physiker Gerard ’tHooft bereits Gedanken darüber, ob man die mehrgleisige Denkweise, die das quantenmechanische Arbeiten grundiert („Ein Ereignis namens A kann, je nachdem, ein Ereignis namens B1, ein anderes namens B2 oder auch eines namens B3 verursachen“) nicht doch alltagsverstandeskompatibel („A verursacht B verursacht C und so weiter“) beschreiben kann, nämlich als Realisierung einfacher Algorithmen durch die Natur (wie in „The Cellular Automaton Interpetation of Quantum Mechanics“, 2016). Der Computerwissenschaftler Stephen Wolfram geht von diesem Ansatz aus gar noch einen Schritt weiter: Kann so ein Software-Verständnis des Universums nicht die gesamte, weit über die Quantenmechanik bis in die mit ihr bislang unverträgliche Beschreibung großräumiger kosmischer Strukturen hinausreichende Physik umdeuten? (Wolframs weitläufige Abhandlung dazu, „A Project to Find the Fundamental Theory of Physics“, ist eben erschienen.)

          Die Krähe grüßt

          Von schwierigstem Rätselstoff solchen Kalibers also handelt „Hello World“, aber auf einem Anschaulichkeits- und zugleich Abstraktionsniveau, das man einem Zeichentrickfilm (zumal einem, dessen Stab beim Dreh wohl nicht über den Etat von Megaproduktionen des Genres wie „Your Name“ oder „Weathering With You“ verfügen konnte) kaum hat zutrauen dürfen.

          Allzu trocken wird das hier nie, denn als Wachmacher-Kaffeekrokant hat man lauter visuelle und intellektuelle Perlen und Edelsteine über die Handlung verstreut, die immer wieder Neugier zünden, vom Spiel mit dem Atomgewicht des Eisens bis zu den Reichtümern japanischer Kultur (die unheimlichen Refaktorierungs-Agenten des Quantenrechners, die für Programmkohärenz sorgen sollen, tragen wunderschöne, sehr unheimliche traditionelle Theater-Fuchsmasken).

          Am Ende wird die kaum fassbare Verschränkung des weit Auseinanderliegenden, die Menschenhorizonte übersteigt und eben noch eine gefürchtete Gefahr war, zum Geschenk für Ruri und Naomi. Die Krähe grüßt, die Erde atmet auf, Menschen weinen, teils erleichtert. Und das Ergebnis der riskanten Rechnung ist gefunden: Jedes Mal, wenn jemand nicht allein, sondern für jemand anderen aufwacht, aus Koma oder Alltag, gelangt eine Unendlichkeit ans Licht.

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