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Trickfilm „Hello World“ : Eng verschränkte Geschenke

Unter Bäumen flüstern bis die Liebe da ist: Naomis Angebetete Ruri
Unter Bäumen flüstern bis die Liebe da ist: Naomis Angebetete Ruri : Bild: Koch Films

Heute wiederum erleben wir einerseits neue Anwendungsverheißungen, vor allem im Rechnerwesen, zwischen Verschlüsselung und Datensuche, andererseits aber ist der Streit darum neu entbrannt, was die ganze so vielfach messbestätigte Theorie eigentlich bedeutet, das heißt: welches (wenn’s denn kein besseres Wort dafür gibt) „Weltbild“ sie uns abverlangt. Während so etwa der noch recht junge „QBism“ (kurz für: „Quanten-Bayesianismus“), eine Vermählung der Wahrscheinlichkeitslehre des Thomas Bayes mit Plancks Erbe, laut Leuten namens Christopher A. Fuchs und Hans Christian von Baeyer die Wahrscheinlichkeitsangaben der Quantenphysik als numerische Maße persönlicher Grade des Fürwahrhaltens einer Behauptung durch den beobachtenden Menschenverstand interpretieren soll, macht sich der Physiker Gerard ’tHooft bereits Gedanken darüber, ob man die mehrgleisige Denkweise, die das quantenmechanische Arbeiten grundiert („Ein Ereignis namens A kann, je nachdem, ein Ereignis namens B1, ein anderes namens B2 oder auch eines namens B3 verursachen“) nicht doch alltagsverstandeskompatibel („A verursacht B verursacht C und so weiter“) beschreiben kann, nämlich als Realisierung einfacher Algorithmen durch die Natur (wie in „The Cellular Automaton Interpetation of Quantum Mechanics“, 2016). Der Computerwissenschaftler Stephen Wolfram geht von diesem Ansatz aus gar noch einen Schritt weiter: Kann so ein Software-Verständnis des Universums nicht die gesamte, weit über die Quantenmechanik bis in die mit ihr bislang unverträgliche Beschreibung großräumiger kosmischer Strukturen hinausreichende Physik umdeuten? (Wolframs weitläufige Abhandlung dazu, „A Project to Find the Fundamental Theory of Physics“, ist eben erschienen.)

Die Krähe grüßt

Von schwierigstem Rätselstoff solchen Kalibers also handelt „Hello World“, aber auf einem Anschaulichkeits- und zugleich Abstraktionsniveau, das man einem Zeichentrickfilm (zumal einem, dessen Stab beim Dreh wohl nicht über den Etat von Megaproduktionen des Genres wie „Your Name“ oder „Weathering With You“ verfügen konnte) kaum hat zutrauen dürfen.

Allzu trocken wird das hier nie, denn als Wachmacher-Kaffeekrokant hat man lauter visuelle und intellektuelle Perlen und Edelsteine über die Handlung verstreut, die immer wieder Neugier zünden, vom Spiel mit dem Atomgewicht des Eisens bis zu den Reichtümern japanischer Kultur (die unheimlichen Refaktorierungs-Agenten des Quantenrechners, die für Programmkohärenz sorgen sollen, tragen wunderschöne, sehr unheimliche traditionelle Theater-Fuchsmasken).

Am Ende wird die kaum fassbare Verschränkung des weit Auseinanderliegenden, die Menschenhorizonte übersteigt und eben noch eine gefürchtete Gefahr war, zum Geschenk für Ruri und Naomi. Die Krähe grüßt, die Erde atmet auf, Menschen weinen, teils erleichtert. Und das Ergebnis der riskanten Rechnung ist gefunden: Jedes Mal, wenn jemand nicht allein, sondern für jemand anderen aufwacht, aus Koma oder Alltag, gelangt eine Unendlichkeit ans Licht.

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