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Erste Corona-Welle in New York : Das Sterben vor der Kamera

  • -Aktualisiert am

Nur einer von vielen: die Not der ersten Welle Bild: picture alliance / Everett Collection

Matthew Heineman hat einen Film über die erste Welle der Pandemie in New York gedreht. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis, das dem Zuschauer nichts erspart.

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          „Wir sind jetzt gerade dabei, ihn wiederzubeleben“, sagt eine Krankenschwester am Telefon. „Er hat es leider nicht geschafft, wir haben alles versucht“, eine andere. Ärzte rennen über den mit Betten verstopften Flur, ein Monitor zeigt nur noch eine gerade Linie, wieder hat ein Covid-Patient es nicht geschafft. Matthew Heineman rückt in seinem Film „The First Wave“ (Die erste Welle) den Patienten und Krankenhausmitarbeitern in New York so nahe, wie es nur geht. Seine Producer und Kameraleute drehten während der ersten vier Monate der Pandemie im Long Island Jewish Medical Center am Rand von Queens. Die Gesichter der Ärztinnen und Pfleger sind hinter den Masken und Schutzschirmen versteckt, doch ihre Augen und Gesten erzählen dem Zuschauer die Geschichte. Sie schütteln resigniert den Kopf, wenn wieder ein Patient stirbt, ihnen laufen die Tränen über die Wangen, wenn sie von ihrer Überwältigung sprechen. Niemand habe sie darauf vorbereitet, Angehörigen nur am Telefon vom Tod ihrer Liebsten zu erzählen, sagt die Krankenschwester Kellie Wunsch. Und die Internistin Nathalie Dougé erzählt, dass sie sich nie als Heldin fühle, auch wenn die New Yorker sie so nennen.

          Sie durfte ihr Baby nicht halten

          Heinemans Kameras sind dort, wo die Pandemie am schlimmsten war und ist: in den Großfamilien, die unter einem Dach leben, und in den kleinen Wohnungen der städtischen Angestellten und Krankenhausmitarbeiter. Brussels Jabon und viele ihrer Angehörigen arbeiten als Krankenschwestern und Pfleger – fast die gesamte Familie infizierte sich. Jabon ist schwanger, als sie sich ansteckt, ihr Baby muss per Notkaiserschnitt geholt werden. Sehen kann sie es nicht. Das Kind wird zu Cousins gebracht, denn die Jabons müssen weiter in der Gefahrenzone arbeiten, während Brussels intubiert um ihr Leben kämpft. Heineman zeigt, wie Menschen versuchen, die Distanz zu ihren Lieben zu überbrücken – das in Plastik gewickelte Tablet, das Schwestern Patienten hinhalten, ist eine Konstante im Film. Der fünfjährige Sohn von Ahmed Ellis schreibt ihm Geschichten, die der Schulpolizist nicht hören kann, weil er zu geschwächt ist. Auch Ellis ringt zwei Monate mit dem Tod. Wie die Jabons konnten er und seine Frau, die im Krankenhaus arbeitet, der Ansteckung kaum entgehen – und Ellis’ Diabetes macht ihn zu einem Risikopatienten.

          Es stimmt, dass die meisten Menschen in New York die Pandemie „abgeschirmt von der Realität“ verbrachten, wie der Filmemacher in einem Interview sagte. Heineman lässt seine Kameraleute so nah an diese Realität kommen wie nur möglich. Dabei überschreitet er Grenzen – und wenn ein sichtlich von Armut und langer Krankheit gezeichneter Patient vor der Kamera seinen letzten Atemzug tut, liegen ethische Fragen über Zugang, Würde und Einverständnis nahe. Doch es sind gerade diese Szenen des Films, die die schonenden Filter beseitigen. Die Familien, die Heinemans Teams Hunderte Stunden lang filmten, hatten ihre eigenen Gründe, ihren Kampf vor Zeugen zu führen. Brussels Jabon und ihre Familie kamen vor mehr als zwanzig Jahren von den Philippinen in die Vereinigten Staaten. Ahmed Ellis ist schwarz und wurde als Sohn von Einwanderern aus Guyana geboren. Jabon, Ellis und ihre Familien hätten nicht nur zugestimmt, um der Welt zu zeigen, wie gefährlich Covid ist, sagte Producer Gene Gallerano bei einer Aufführung in New York. Sie hätten sich mit den Kamerateams auch sicherer gefühlt. „So schien die Chance größer zu sein, dass ihre Lieben die optimale Versorgung bekommen.“ Die Pandemie machte deutlich, wie benachteiligt Menschen, die nicht weiß sind, im amerikanischen Gesundheitssystem sind.

          Ein ungerechtes Gesundheitssystem

          Heinemans Film verzichtet auf Experteninterviews, aber nicht auf Einordnung. Als George Floyd Ende Mai in Minneapolis ermordet wird, füllen sich die Straßen mit Demonstranten, verteilen Menschen Pizza und Schutzmasken, sitzen zusammen auf der Kreuzung vor der großen Bibliothek an der 5th Avenue, blockieren die Brücken von Brooklyn nach Manhattan. Nathalie Dougé, die afroamerikanische Ärztin, verlässt an einem dieser Tage ihre Wohnung mit einem Pappschild, auf dem steht: „Rassismus ist ein Problem des öffentlichen Gesundheitssystems“. Ärzte und Krankenschwestern organisieren Demonstrationen. Heineman zeigt, wie Polizisten Protestierende niederknüppeln. Dougé zieht einen jungen schwarzen Mann weg, der einen Polizisten anschreit.

          New York bleibt in der Pandemie eine geteilte Stadt. Gramercy Park, eine der weißesten und wohlhabendsten Nachbarschaften in Manhattan, meldete im Frühjahr 2020 31 Tote pro 100 000 Einwohner. In Far Rockaway, einem armen Viertel mit vierzig Prozent schwarzen Einwohnern und 25 Prozent Latinos, starben damals 444 Menschen per 100 000. Heineman baut seinen Film ganz um das Ringen um Leben und Tod auf. Szenen aus dem Krankenhaus und aus den Wohnungen der Familien werden nur vereinzelt von Nachrichtenbildern unterbrochen. Der damalige Gouverneur Andrew Cuomo, der inzwischen wegen Vorwürfen sexueller Belästigung und Nötigung zurücktrat, gab den New Yorkern mit seinen täglichen Pressekonferenzen Orientierung – und jeder, der die Pandemie in der Stadt verbracht hat, wird sich bei Cuomos Auftritten im Film an diese Zeit erinnern. Trotz der Wucht seiner Bilder verzichtet Heineman nicht auf dramatische Musik. Besonders die Krankenhausszenen hätten ohne diese Verstärkung bestehen können. Und der Regisseur zeigt die Nachrichtenvideos von den Massengräbern auf Hart Island mit ihrer missverständlichen Fernsehkommentierung. Er erklärt nicht, dass die Massengräber nicht wegen Covid entstanden sind, sondern dass es sie auf der Insel auch in normalen Zeiten gibt – für die vielen Menschen, die niemanden haben oder deren Angehörige zu arm für ein Begräbnis sind. Trotzdem ist der Film ein gelungenes Zeugnis von historischer Tragweite – und eine Warnung für alle Impfverweigerer, wenn sie ihn denn sehen würden.

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