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Joel Schumacher wird 80 : Er filmt uns den Tod lebendig

Joel Schumacher zwischen Jim Carrey und Virginia Madsen 2007 bei den Dreharbeiten zu „The Number 23“ Bild: Picture-Alliance

Hits und Klassiker des Massenkinos wie der Michael-Douglas-Ausraster „Falling Down“ oder der Mystery-Thriller „Flatliners“ sind von ihm: dem Filmregisseur Joel Schumacher zum Achtzigsten.

          3 Min.

          Weniger vital als in „Batman & Robin“ (1997) hat der sprechende Energy-Riegel Arnold Schwarzenegger nie vorher und nie danach ausgesehen. Die bläulich-bleiche Eisgestalt, die er hier darstellt, der böse Mister Freeze, illustriert die merkwürdige Einsicht, dass die Verneinung des Lebens nicht nur als klapperdürres Skelett vorstellbar ist, sondern auch als massig vor sich hin wütendes Gefrierfleisch mit unmenschlich wachen Augen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie ein Mensch aussieht, den sein Beruf dazu zwingt, sich einen solchen Blick anzugewöhnen, nämlich ein Ermittler, der mehr über Leben und Sterben herausbekommt, als er wissen wollte, weil manche Menschen sterben müssen, damit andere sich das angucken, führt in einem anderen Film des „Batman & Robin“-Regisseurs Joel Schumacher mit zerfallenden Gesichtszügen Nicolas Cage vor: „8 mm“ (1999) erzählt von Mordpornografie, aber auch davon, dass das Hinschauen unter Umständen genauso böse ist wie das Wegschauen – und man in einer Welt, in der sich das so verhält, darüber nicht von Moralpredigten unterrichtet wird, sondern von Kameras, im Kino.

          Unfassbar jung, unbegreifliche Frisuren

          Mit dessen Mitteln lässt sich sogar mehr als nur die Verderblichkeit des Leibes vorführen, nämlich der Vorgang bebildern, dass eine Seele stirbt. Zum Beispiel die des bürgerlichen Menschen ganz allgemein, dargestellt von Michael Douglas in Schumachers zusammenbruchsphilosophischem Spitzenerzeugnis „Falling Down“ (1993).

          Das Sterbliche, das Tödliche und das Mörderische setzt Schumacher in seinen Filmen allgemein ins Bild, wie die Totentanzgraphiker des Mittelalters, aber anders als sie ist das Thema für ihn nicht schwarzweiß gehalten, sondern gehört ins Neonlicht und von Kunstnebel umwabert. Am tiefsten durchdacht hat er das in der Medizinermoritat „Flatliners“ (1990), am schönsten in Fahrt gebracht in „The Lost Boys“ (1987), neben „Fright Night“ (1985) einer der besten Vampirfilme einer Zeit, in der Untote sich mit den Menschen der Achtziger herumärgern mussten, also mit Leuten, die aussahen, als wären sie, genau wie die Vampire, komplett seelenlos, aber mit Haarlack und Selbstbräuner künstlich gegen das längst fällige Verfaulen geschützt.

          Wer wissen will, worum Joel Schumachers ganzes Film- und Fernsehschaffen kreist (auch „2000 Malibu Road“ hat er mitgestaltet und zweimal bei „House of Cards“ ausgeholfen), aber nicht mehr als zwei Stunden Zeit investieren möchte, sollte wohl „Flatliners“ sehen: Kiefer Sutherland, Kevin Bacon, Julia Roberts, Oliver Platt und William Baldwin studieren in diesem Mystery-Thriller gemeinsam Medizin, sind gemessen an den Images, die sie später bekannt machten, unfassbar jung, haben unbegreifliche Frisuren und bringen sich beziehungsweise einander der Reihe nach um, jeweils für ein paar Minuten bis zur professionellen wechselseitigen Wiederbelebung (nur Platt macht nicht mit, er ist der lebende Begleit-Text zum Ganzen und steht fürs Publikum).

          Die jungen Irren wollen nämlich wissen, was nach dem Tod passiert. Der Film, der ihnen antwortet, ist eines der seltsamsten und reizvollsten Mischgeschöpfe aus Fantasy, Horror und Science Fiction, die das Kino je geboren hat. Er weiß das selbst offenbar auch, denn die verschiedenen Farbwerte, Körnungen, Rhythmen von gegeneinander auf alle möglichen Arten abgesetzten Szenen darin fangen erstens ganz offensiv einen eigenen, unwiederbringlichen Moment in der Entwicklung des Mediums ein und bedienen sich zweitens sehr selbstbewusst bei dessen Vorgeschichte im Filmarchiv.

          Alltagskram als Jenseitszeichen

          Die Gruppendynamik der jungen Stars ist, dies zum ersten Punkt, besonders nach Sutherlands erster Wiederbelebung, ganz nach Achtziger-und-Neunziger-Mustern inszeniert, wie sie damals ein eigenes „Diese Jugend wird das nächste Jahrtausend bestimmen“-Genre beherrschten; die meisten Filme dieser Gattung hat John Hughes gedreht, einer stammt auch von Schumacher, „St. Elmo’s Fire“ (1985).

          Viele kleine, sehr hübsche Momente in „Flatliners“ gefallen sich aber auch, dies zum zweiten Punkt, in Neuerfindungen von bereits Erfundenem – der Augenblick zum Beispiel, als das Geräusch eines vorbeisausenden Rudels von Fahrradfahrern den verstörten Sutherland wie ein kranker Wind aus dem Jenseits irritiert, ist die Wiederbelebung der Technik „Alltagskram als Jenseitszeichen“, die zu Zeiten von Val Lewton, in Hollywoods bester Schwarzweißzeit, das Gruselkino trug.

          Mit Neon und Trockeneis die Licht-und-Schatten-Ära fortschreiben wollten in den Achtzigern und Neunzigern auch andere als Schumacher, Paul Schrader in seiner Val-Lewton-„Cat People“-Hommage von 1982 zum Beispiel. Aber stimmiger, nämlich zugleich aktueller und jenseitiger als Schumacher mit „Flatliners“ hat das damals niemand hingekriegt. Dass man diese Tat dreißig Jahre später mit einem „Flatliners“-Remake, einer einfallslosen Totgeburt voll langweiliger Spezialeffekte, wiederum zu historisieren versucht hat, wird den Urheber des Originals nicht weiter gekratzt haben. Er hat es jedenfalls, wie seine Medizinerbande ihr schreckliches Experiment, gut überstanden. An diesem Donnerstag wird Joel Schumacher achtzig Jahre alt.

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