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„Ein ganz gewöhnlicher Held“ : Der Samariter aus der Stadtbibliothek

Autorenfilmer: Emilio Estevez führte in „Ein ganz gewöhnlicher Held“ Regie, schrieb das Drehbuch und spielte die Hauptrolle. Bild: Koch Films

Die Abkühlung kommt aus Amerika: In Emilio Estevez’ Film „Ein ganz gewöhnlicher Held“ verschanzen sich Obdachlose während einer Kältewelle in der öffentlichen Bibliothek von Cincinnati und stellen die Mitarbeiter vor eine harte Entscheidung.

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          Wozu braucht es heute noch Bibliotheken? Alles Wissen ist, rein theoretisch, doch nur einen Klick entfernt. Warum also sollte es noch diese öffentliche Institution geben, die Bücher bewahrt? Weil es nicht nur um die Bücher, sondern auch um die Menschen geht, die hierherkommen. Diesen Gedanken stellt Emilio Estevez seinem Film „Ein ganz gewöhnlicher Held“ voran. Und da er als Regisseur ungern plump mit Zitattafeln arbeitet, hat er einen rund sechzig Jahre alten Werbeclip ausgegraben. Über den schwarz-weißen Bildern erklärt eine sonore Sprecherstimme den Zuschauern, dass jene unter ihnen, die Bücher, Wissen und Lernen lieben und obendrein Menschen mögen, sich doch überlegen sollten, den Beruf des Bibliothekars zu ergreifen. Denn ein Bibliothekar stelle sein Leben in den Dienst der Bücher und der Öffentlichkeit.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Diesem humanistischen Ideal vergangener Dekaden folgt Stuart Goodson (gespielt von Estevez selbst). Er arbeitet in der öffentlichen Bibliothek in Cincinnati. Draußen wehen arktische Winde, drinnen suchen die Obdachlosen Schutz vor der Kälte. Als eines Nachts ein Mann vor den Türen der geschlossenen Bibliothek erfriert, beschließen die Obdachlosen, die Räume am Abend kurzerhand zur Notunterkunft zu deklarieren. Alle städtischen Einrichtungen sind längst überfüllt, und hier ist es immerhin warm. „Sagte Jesus nicht, führe jene ohne Obdach ins Haus?“, fragt einer, der nach dem Armeedienst aus dem amerikanischen Sozialsystem gefallen ist und nun in die Kälte müsste, den Bibliothekar Goodson. „Ja, aber Jesus sagte nicht, okkupiere das Haus“, antwortet er. Goodson wird den Männern trotzdem helfen. Mehr als ein kleiner Akt der Nächstenliebe, denn die Situation spitzt sich schnell zu.

          Alec Baldwin (Mitte im Jackett) sucht als Polizeiunterhändler nicht nur nach gewaltfreien Lösungen.

          Ein ehrgeiziger Anwalt (Christian Slater, skrupellos wie lang nicht mehr) will den Vorfall nutzen, um sich für die Position des Bürgermeisterpostens zu qualifizieren, indem er mit harter Hand für Recht und Ordnung sorgt. Ein strenger Polizeiunterhändler (Alec Baldwin) versucht seinen Job zu machen und spielt ein doppeltes Spiel, denn er vermutet seinen drogenabhängigen Sohn unter den Obdachlosen in der Bibliothek. Eine zynische Journalistin (Gabrielle Union) wittert eine Geschichte, die ihr den landesweiten Durchbruch oder zumindest ein paar tausend Follower bei Twitter bringen könnte, und ist gewillt, sämtliche Fakten zu ignorieren. Die Mitarbeiter der Bibliothek müssen sich also entscheiden, auf welcher Seite der Gesellschaft sie stehen wollen, und stellen dabei die Frage, was für eine Gesellschaft das überhaupt ist, in der sie das tun müssen.

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