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Tierfilmausstellung in Paris : Von segelnden Seepferdchen und kraxelnden Kraken

  • -Aktualisiert am

In seinem berühmtesten Film beschäftigt sich Jean Painlevé mit der Fortpflanzung der Seepferdchen. Bild: Les Documents Cinématographique

Mit genauem Blick auf Frankreichs glitschige Küstenfauna: Eine Ausstellung im Pariser Jeu de Paume entdeckt das Werk des Naturfilmers und Widerständler Jean Painlevé neu.

          4 Min.

          Le Vampire“, zwischen 1939 und 1945 entstanden, ist ein Klassiker des Dokumentarfilms. Zu Beginn folgen einander, rasch und unverbunden, Aufnahmen segelnder Seepferdchen, kraxelnder Kraken, räuberischer Raupen, zwickender Zecken. Der Bauch eines kamerunischen Käfers habe, so die Erzählerstimme aus dem Off, vielleicht „Negermasken“ inspiriert – den Schwarz-Weiß-Streifen grundieren die Klänge zweier Hits aus Duke Ellingtons lautmalerischer „Jungle“-Periode. Dies alles erkläre – aber gemäß welcher Logik? –, dass die menschliche Vorstellungskraft den titelgebenden Vampir in ein menschliches Wesen verwandelt habe, das Blut direkt aus einer dem Menschenhals zugefügten Wunde sauge – „wie Nosferatu in Murnaus Film“. (An dieser Stelle zuckelt besagter karpatischer Graf, kreidebleich und rattenzähnig, über die Leinwand.)

          Doch der Vampir existiert, fährt die Offstimme fort: Sein wissenschaftlicher Name lautet „Desmodus rotundus“. Die zweite Hälfte des knapp neunminütigen Filmchens zeigt ein eher mickriges Exemplar dieser südamerikanischen Fledermausart, wie es einem unbeeindruckt dreinblickenden Meerschweinchen Blut von der Nase schlürft. Ist die musikalische Anspielung auf Chopins Trauermarsch am Ende der mehr belustigenden als beunruhigenden Sequenz nicht eine Spur überrissen? Sie ist es keineswegs, fasst man die – durch Desmodus rotundus übertragenen – Trypanosomen ins Auge, die eine mikroskopische Aufnahme da flüchtig um menschliche Blutzellen herumwuseln zeigt. Sie können als eine Metapher für eine andere, ideologische Infektion verstanden werden, die zur Entstehungszeit des Filmchens die Hirne von Frauen und Männern in ganz Europa befiel.

          Häutung unter der Lupe

          Viel von dem, was der Filmemacher und Widerständler Jean Painlevé war, findet sich – explizit oder implizit – in „Le Vampire“. Der 1902 in Paris geborene und 1989 daselbst gestorbene Sohn des bedeutenden Mathematikers und zweimaligen französischen Premierministers Paul Painlevé gilt als ein Pionier des Dokumentarfilms, mit Fokus auf die Tierwelt, und insbesondere auf Frankreichs glitschige Küstenfauna. Sein Leben lang hat er Krabben und Nesseltiere gefilmt; sein berühmtester Streifen gilt der Fortpflanzung der Seepferdchen. Im Gegensatz zum ungleich bekannteren Jacques-Yves Cousteau arbeitete Painlevé nie unter der Meeresfläche, sondern lichtete die Helden seiner Filme meist hinter dem Glas von Aquarien ab.

          Jean Painlevé bei der Arbeit Bilderstrecke
          Pionier des Dokumentarfilms : Aufnahmen von Jean Painlevé

          Aus seinen für die Forschung entstandenen, rein beobachtenden „films de recherche“ montierte er zwischen 1927 und 1982 zwanzig „films de vulgarisation“. Diese waren zunächst für das Vorprogramm von Lichtspieltheatern bestimmt und setzten auf allerlei Kunstgriffe, um die Gunst gemeiner Kinogänger zu gewinnen: Begleitmusik, oft eigens komponiert; Zwischentitel oder gesprochene Texte, mit Humor gewürzt; dazu die Vermenschlichung der tierischen Protagonisten, vor allem aber die Befruchtung wissenschaftlicher Objektivität mit künstlerischer Subjektivität. So entstanden schwer klassifizierbare filmische Objekte, die laut eigener Definition zugleich Instrumente der Kultur, Lehrmittel, Schauspiele und Kunstwerke waren.

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