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Doku über Walter Kaufmann : Überall im Kampf

Bis unmittelbar vor seinem Tod führte Walter Kaufmann noch Gespräche mit Karin Kaper und Dirk Szuszies für deren Film über sein Leben. Bild: Karin Kaper Film

Walter Kaufmann wurde 1924 in Berlin geboren und ist dort 2021 gestorben, Was dazwischen geschah, erzählt der Dokumentarfilm „Walter Kaufmann - Welch ein Leben!“.

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          In diesem Film hätte es mit dem Protagonisten rund um die Welt gehen sollen. Und da der Schriftsteller Walter Kaufmann erst Exilant, dann ­jahre­lang Seemann und später als Berichterstatter mit australischem Pass für diverse DDR-Medien ohne jede Reisebeschränkung unterwegs war, wussten die Dokumentaristen Karin Kaper und Dirk Szuszies, dass der Wirkungskreis jenes Mannes, dem sie ihren Film widmen wollten, tatsächlich die ganze Welt umfasste: Japan, Kuba, Vereinigte Staaten, Israel, natürlich Australien, Großbritannien – um nur einige zu nennen. Und Deutschland in vielfacher politischer Verfasstheit: Weimarer Republik, „Drittes Reich“, BRD, DDR, wiedervereinigtes Land. Walter Kaufmann, 1924 in Berlin geboren, starb im April 2021 ebendort. Dazwischen hatte er viel Lebenszeit und viel Lebens­mühe, und er war überall.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Für ihren Dokumentarfilm „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“, der nun, ein halbes Jahr nach Kaufmanns Tod, im Kino läuft, sind Kaper und Szuszies nicht überall hingekommen. Aber die Dokumentation kam zustande, und das will nach zehnjährigem Anlauf dazu etwas heißen. Ermöglicht wurden die Dreharbeiten schließlich durch die Fördermittel zum aktuell laufenden Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, und auch das Internationale Auschwitz-Komitee und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes haben sich für die Fertigstellung engagiert. Kaufmann war Jude und verfolgt, doch er entkam Auschwitz, weil seine Adoptiveltern ihn rechtzeitig nach Großbritannien geschickt hatten. Aber sie beide, Johanna und Sally Kaufmann, wurden in Auschwitz ermordet. Deshalb beschloss der zwischenzeitlich nach Australien gelangte Sohn, sein Leben in den Dienst des Kampfs gegen den Faschismus zu stellen, und dazu be­sann er sich eines Aspekts, der ihm zuvor nichts bedeutet hatte. „Erst als ich nach Deutschland zurückkehrte, bestand ich auf mein Judentum: Hier sind die Mörder, und hier bin ich.“

          New York war für Walter Kaufmann ebenso faszinierend wie erschreckend. Hier ist als Journalist auf Reisen in den Vereinigten Staaten vor der Kulisse von Manhattan zu sehen.
          New York war für Walter Kaufmann ebenso faszinierend wie erschreckend. Hier ist als Journalist auf Reisen in den Vereinigten Staaten vor der Kulisse von Manhattan zu sehen. : Bild: Karin Kaper Film

          Die Schauplätze von Kaufmanns Leben in Deutschland aufzusuchen, war für Kaper und Szuszies kein Problem, aber den Weg über die deutschen Grenzen hinaus machte ihnen die Pandemie unmöglich. Und Kaufmann war mittlerweile uralt: „Ich hätte gerne hundert geschafft“, sagte er den beiden Filmemachern, „aber ich sehe es nicht.“ Damit er noch ihr Porträt seines Lebens zu sehen bekäme, entwickelten Kaper und Szuszies eine Idee: Sie baten befreundete Kameraleute in den von Kaufmann ehedem besuchten Ländern um Filmaufnahmen der einschlägigen Orte. Da dabei stilistisch ganz unterschiedliche Impressionen herauskamen, sind nunmehr die ge­filmten Aufnahmen der Gespräche mit Walter Kaufmann die Klammer der Dramaturgie. Es ist ein disparater Film, aber ein harmonischer wäre der Persönlichkeit dieses Protagonisten gar nicht gerecht geworden.

          Seine ersten Bücher schrieb Kaufmann auf See und auf Englisch; bis sie ins Deutsche übersetzt wurden, dauerte es Jahre, und es brauchte dazu seinen Status als Antifaschist in der DDR. 1985 wurde er Generalsekretär des dortigen PEN – „das war etwas ganz anderes als im Schriftstellerverband“, aber ein überzeugter Linker blieb Kauf­mann über 1990 hinaus: als Abgrenzung gegen rechts. Dass der Film jetzt ohne seine aktive Zeitzeugenschaft auf Kinotour gehen muss, ist jammerschade; Kaufmann verstand es, lapidar, aber ergreifend aus seinem Leben zu erzählen. 1961 in Kuba traf er als Berichterstatter gleich mehrere Schriftstellerkollegen aus der DDR, die damals auch das neue Musterland der Revolution bereisten, darunter Eberhard Panitz. Wie es der zynische Zufall will, ist nun auch Panitz gestorben, in der Startwoche des Films. Wir brauchen solche Zeitzeugnisse, weil die Zeitzeugen bald nicht mehr da sein werden.

          Bis unmittelbar vor seinem Tod führte Walter Kaufmann noch Gespräche mit Karin Kaper und Dirk Szuszies für deren Film über sein Leben.

          Filmtrailer : „Walter Kaufmann – Welch ein Leben“

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