https://www.faz.net/-gqz-ywei

Eine Begegnung mit Julie Christie : Es muss wohl aus Liebe sein

  • -Aktualisiert am

Für viele war sie eine der schönsten, wenn nicht die allerschönste Frau im Kino der Sechziger. Auch heute, mit 67, ist sie eine strahlende Erscheinung. Mit definitiv eigenem Kopf. Ein nicht ganz schlechter Abend mit Julie Christie.

          Wenn man am Ende eines Abends von Julie Christie mit einem breit gelächelten „Sleep well!“ verabschiedet wird und später erzählen kann, man habe ihr vier Mal Feuer gegeben, dann kann es kein ganz schlechter Abend gewesen sein.

          Wer das Glück hatte, Christie zu bemerken, wie sie sich beim Filmfest München, wo vergangene Woche eine kleine Werkschau mit ihren Filmen lief, fast anonym unter die Gäste einer Party mischte, und dann den richtigen Ton fand, um nicht gleich abgewiesen zu werden, der konnte neben ihr Platz nehmen und ihr auf Augenhöhe begegnen - was bei diesen tiefblauen Augen schon allein ein besonderes Erlebnis ist. Auch heute, mit 67, ist Christie eine strahlende Erscheinung: Das Kinn spitz und vorgeschoben, die starke Unterlippe leicht heruntergezogen, im wahren Leben noch etwas schlanker aussehend als auf der Leinwand, erinnert sie äußerlich noch immer ein wenig an ihre Anfänge im britischen „Free Cinema“.

          Mehr als ein sinnliches Naturgeschöpf

          Für viele war sie eine der schönsten, wenn nicht die allerschönste Frau im Kino der Sechziger. Ihr Gesicht schien all das auszudrücken, was die Epoche an Utopien parat hielt, und doch Sicherheit zu geben, Vertrauen zu erwecken, etwas Klassisches, durch Zeiten und Kulturen Kompatibles zu enthalten. Julie Christie war „ein Typ“ des Jahrzehnts, ohne je so „typisch“ zu sein wie eine Twiggy, wie Jane Fonda oder Anna Karina, aber andererseits auch nie so völlig zeitlos der Epoche enthoben wie Catherine Deneuve oder Jeanne Moreau.

          Ihre Schönheit hat immer leicht die anderen Seiten der Julie Christie überdeckt. Mit ihrer wilden blonden Mähne, den vollen Lippen und kräftigen Backenknochen wirkte sie romantisch, wie prädestiniert für jene Rolle der Lara in David Leans globalem Hit „Doktor Schiwago“, der sie im Nu auf höchste Höhen des Starglamours und der Weltberühmtheit katapultierte. Ihr öffentliches Abbild war dann das des sinnlichen Naturgeschöpfs. Doch sieht man heute alte Fotos von ihr aus jenen Jahren wieder an, glaubt man oft zu erkennen, dass sie sich nicht ganz wohl fühlt auf ihnen, nicht ganz bei sich ist, zwar mitmacht, aber doch eigentlich nur eine weitere Rolle spielt.

          Nichts gegen „Doktor Schiwago“

          Im Rückblick waren es kurze, knapp 15 Jahre, in denen Julie Christie ein Weltstar war. Es begann mit John Schlesinger. Der hatte die gerade 20jährige, die auch schon in belanglosen Kinokomödien und höchst seriösen Theaterrollen aufgetreten war, im Fernsehen entdeckt, in der Science-Fiction-Serie „A for Andromeda“. In „Billy Liar“ (1963) fiel sie auf als ein Little Lost Girl aus der Provinz der englischen Lower Middle Class auf dem Weg nach London, in ein vielleicht freieres Leben. Christie bestand darauf, dass „Billy Liar“ in der Werkschau gezeigt werden müsse, obwohl sie nur eine Nebenrolle spielt. „Mit diesem Film“, erklärt sie, „entdeckte das britische Kino die Klassengesellschaft und ergriff Partei für die Unterprivilegierten jenseits der oberen Mittelklasse.“ Tatsächlich erfasst dieser Film den Augenblick zwischen Nachkriegszeit und „Swinging London“, man kann in „Billy Liar“ sehen, dass die sechziger Jahre schon existierten, aber es handelt noch von der Zeit unmittelbar davor, vom Aufbruch in die phantastische hedonistische Periode, die kommen sollte.

          Im zweiten Schlesinger-Film „Darling“ bezauberte sie dann alle als egozentrisches, melancholisches Modell, gewann einen Oscar und war über Nacht in eine der Ikonen der Epoche verwandelt worden, in den Inbegriff des neuen Cool, des klassenlosen, freien Geistes dieser Dekade. Da hatte Lean ihr mit der Hauptrolle als süßem Russenmädchen im Schneegestöber von „Doktor Schiwago“ bereits den ersten jener Auftritte angeboten, der Christie einen Platz in der Filmgeschichte sicherte, von dem Christie aber im Rückblick offenkundig wenig beeindruckt ist: „Ich weiß, er wird immer zu Weihnachten wiederaufgeführt. Ich bin froh, dass ich ihn gemacht habe, denn ohne ihn säße ich heute nicht hier. Darum möchte ich auch nichts dagegen sagen.“

          Weitere Themen

          Wie viel Leben passt in einen Film?

          Film „Roma“ : Wie viel Leben passt in einen Film?

          In seinem Film „Roma“ erzählt Alfonso Cuarón die Geschichte seiner Kindheit im gutbürgerlichen Teil Mexiko-Stadts. Doch im Kern ist es eine offensichtliche Hommage an das Kindermädchen Cleo, das in der Frage von Leben oder Tod die Klassenschranke hinter sich lässt.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Umfrage zu Russland : Mächtig, aber unbeliebt

          Wer Macht hat, ist nicht automatisch beliebt. Auf Russland trifft das zu, wie eine neue Umfrage des Pew-Instituts zeigt. Auf den zweiten Blick offenbaren sich interessante Unterschiede unter den Befragten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.