https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/eindruecke-von-der-woche-der-kritik-17225829.html

„Die Woche der Kritik“ : Schlafende Museen, hellwache Kameras

  • -Aktualisiert am

Zwiegespräch mit den Werken des Symbolisten Gustave Moreau: Szene aus dem Festival-Film „Ein Museum schläft“. Bild: Camille de Chenay/ Maxime Bonan

Die 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin haben diese Woche begonnen, doch nicht jeder Film passt zur Berlinale. Die Schwesterveranstaltung bleibt beim eigenen Blick: Eindrücke von der „Woche der Kritik“.

          4 Min.

          Ein junger Mann verbringt eine Nacht im Freien. Am Morgen tätschelt er freundlich den Baum, der ihm Schutz gewährt hat. Der Baum kann auch sprechen, er unterhält sich mit einem weiblichen Baum über dies und jenes, und über den jungen Mann. In Camille de Chenays Film „“ („Ein Museum schläft“) ist alles auf geheimnisvolle Weise mit allem verbunden, nicht zuletzt die Kunst mit der Wirklichkeit.

          Ein Museum mit Bildern von Gustave Moreau, einem Symbolisten aus dem neunzehnten Jahrhundert, ist Ort der Begegnung zwischen dem jungen Mann Ornicar/Ornorso und der jungen Claire. Ihre Liebe gehört der Vergangenheit an, er hat sie für ein Jahr verlassen, um als ein anderer zurückzukommen. Aber hat die Liebe nun noch eine Chance?

          „Ein Museum schläft“ ist einer der Filme, den das Festival Woche der Kritik dieses Jahr ausgesucht hat. Es findet parallel zur Berlinale statt, zum siebenten Mal nun schon seit der ersten Ausgabe im Jahr 2015. Damals wollte es eine Gruppe von Cinephilen nicht länger damit bewenden lassen, an der Programmierung der Berlinale unter Dieter Kosslick herumzumäkeln. Sie wollten zeigen, dass das A-Festival trotz seines umfangreichen Programms mit jeweils deutlich über 300 Filmen immer noch wesentliche Positionen aus dem Weltkino übersah. Mit dem Namen Woche der Kritik spielten sie auf ein berühmtes Vorbild an: In Cannes wurde schon 1962 eine Semaine de la critique gegründet, um auf neue Strömungen in der Filmkunst reagieren zu können.

          Ein Zufluchtsort für Filme

          Bei der Berlinale gibt es inzwischen seit dem Vorjahr mit Carlo Chatrian einen neuen künstlerischen Direktor, der mit „Encounters“ auch gleich noch eine neue Reihe ins Leben gerufen hat. Dort versucht er etwas durchaus Ähnliches wie die Woche der Kritik, nämlich Filmen eine Plattform zu geben, die nirgends so richtig hinpassen. „Un musée dort“ könnte man sich durchaus auch in Encounters vorstellen, läuft nun aber eben bei der Parallelveranstaltung, und zwar im Rahmen einer Debatte über „Kunstsprache“. Ein artifizieller, verrätselter Film über das Thema, bei dem das französische Kino sich besonders kompetent fühlt („L’amour“), und über die Beziehungen zwischen Film und Phantasie. „Unsere Erinnerungen schlafen in den Bildern.“ Wann ist dann der Moment zum Erwachen?

          Dass sich die Liebe gern in Kunstsprachen äußert, dass sie Medien braucht, das leuchtet ein. Die Woche der Kritik aber hebt sich auch dadurch von einem konventionelleren Festival ab, dass die Programme deutlicher kuratiert sind. Die Filme kommen in der Regel in Paaren und mit Überschriften. „Un musée dort“ wird mit dem deutschen Beitrag „Freizeit“ von Caroline Pitzen zusammengespannt, und da zeigen sich gleich starke Reibungsmomente. Denn hier sieht man eine engagierte Jugend, die sich zu antifaschistischem Alarm herausgefordert fühlt, die auf dem Fahrrad zwischen den Investorenquartieren an der Spree in Ost-Berlin herumflitzt und die jederzeit die Devise unterschreiben würde, dass es viel besser ist, wenn Leute Häuser besetzen als fremde Länder.

          In der Form aber finden sich durchaus Ähnlichkeiten, auch „Freizeit“ sucht nicht einfach einen Gestus unmittelbarer Dokumentation, sondern zeigt ein Interesse (auch der Figuren) an ästhetischer Gestaltung, an der Überformung der politischen Willenssuche. Der jung verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau, der in der DDR etwas vertrat, was man heute als Identitätspolitik bezeichnen könnte, der aber auch am Kommunismus festhielt, als die D-Mark kam, wird bei Caroline Pitzen zu einer Bezugsfigur.

          Ein Gegen- oder Ergänzungsfestival zu einer Großveranstaltung wie der Berlinale, die ja mit dem Anspruch auftritt, ohnehin schon das ganze Kino in seiner Vielfalt abzudecken, steht unter dem Anspruch, nicht einfach noch ein paar bessere Filme zu zeigen. Im Idealfall kann eine Woche der Kritik so etwas wie Konventionen sichtbar machen, die den Betrieb längst prägen. Es gibt ja kaum noch unerschlossene Territorien, selbst Talente aus Lesotho oder Paraguay sind heute mit den Förderstrukturen in Europa bestens vernetzt. Für die Woche der Kritik bleiben dann in der Regel keine paradigmatisch neuen Arbeiten, sondern eher solche, die das feinteilige Instrumentarium des Kinos noch ein bisschen eigensinniger anwenden.

          Kritik an Israels Handeln im Palestina–Konflikt

          „An Unusual Summer“ von Kamal Aljafari ist so ein Fall. Aus einem Fenster in der Stadt Ramle in Israel sieht man eine Straßenecke, an der meist drei, manchmal vier Autos geparkt sind. Dahinter ein Garten, ein Baum, dessen Äste über den Zaun hängen. Vor Jahren wurde bei dem Auto des Vaters von Kamal Aljafari dreimal hintereinander eine Scheibe eingeschlagen. Der Vater installierte daraufhin eine Überwachungskamera, deren Bilder die Grundlage des Films bilden, den die Woche der Kritik im Rahmen einer Debatte über „Vom Suchen und Finden des Kinos“ zeigt. Meist ist nichts Besonderes zu sehen.

          Für kundige Betrachter aber eröffnet sich in den zufälligen Bildern auf dem immer gleichen Bildausschnitt eine Welt. Es ist eine Welt der palästinensischen Diaspora, wie sich allmählich herausstellt. Kamal Aljafari gehört zu einer Familie, die in Israel in einem Getto lebt. „An Unusual Summer“ ist eine großartige Meditation über die Spuren einer politischen Geschichte im Alltäglichen, in den Wiederholungen und täglichen Gängen und in dem porösen Videomaterial, das längst von besseren digitalen Auflösungen überholt ist, das aber eben auch etwas von Geschichte erzählt.

          Wieder muss man eine Weile überlegen, wie der zweite Film unter der Rubrik „Vom Suchen und Finden des Kinos“ dazu passt: „Horse Tail“ von Manoj Leonel Jahson und Shyam Sunder erzählt von einem indischen Bankangestellten namans Saravanan, dessen Leben zunehmend aus dem Lot gerät. Das sichtbarste Zeichen ist der Pferdeschwanz, der ihm eines Morgens gewachsen ist.

          Eine Verwandlung wie bei Kafka, die hier aber zuerst einmal dazu führt, dass er zwischen Mythologie und Wissenschaft die Orientierung verliert. Er sucht eine Wahrsagerin auf, nimmt das Pseudonym Freud an, und wird zu einer Art Medium einer außergewöhnlichen Wirklichkeit neben der „normalen“. Gefilmt ist „Horse Tail“ auf eine Weise, die man auf die Überwachungsbilder von „An Unusual Summer“ beziehen könnte, eine Perspektive, die man spontan keinem menschlichen Blick zuordnen würde, sondern eben einer technischen Instanz. Oder einer psychotischen. In täglichen Debatten versucht die Woche der Kritik, ihre Assoziationen argumentativ zu erweisen. Das Programm geht noch bis zum 7. März. Alle Filme sind für das Publikum zugänglich und können bundesweit gestreamt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Helden Russlands“: Putin stößt mit Soldaten nach ihrer Auszeichnung am 08. Dezember 2022 im Kreml an.

          Russlands Ukrainekrieg : Prosit für Putin

          Moskaus Gerichte verurteilen einen Oppositionellen nach dem anderen. Und Russlands Präsident verleiht Auszeichnungen wie am Fließband. Weiterhin behauptet der Kreml, auf dem einzig richtigen Kurs zu sein.
          Im Vergleich: Welche Bank zahlt jetzt wie viel Zinsen?

          Zinswende : Welche Bank jetzt wie viel Zinsen zahlt

          So langsam kommt auch bei den großen Banken Fahrt in die Zinswende. Zahlen Commerzbank und Deutsche Bank für Tages- und Festgeld mehr als die Sparkasse von nebenan?
          „Choking under Pressure“: Der spanische Weltstar Sergio Busquets scheitert im Elfmeterschießen gegen Marokko.

          Umgang mit Drucksituationen : Wie beim Elfmeterschießen

          Wie besteht man in extremen Drucksituationen wie etwa im Elfmeterschießen? Fachleute haben einige wertvolle Tipps, die weiterhelfen – nicht nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.