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Filmkritik „Sunset“ : Behütet in den Weltkrieg

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Irisz Leiter (Juli Jakab) sieht das Unheil kommen. Bild: Laokoon Filmgroup/Playtime Production

Für „Son of Saul“ wurde der Regisseur László Nemes 2016 mit dem Oscar ausgezeichnet. Sein neuer Film „Sunset“ ist ein unheimliches Vorspiel zur Urkatastrophe des modernen Europa.

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          Das Modehaus Leiter in Budapest gilt im Jahr 1913 als „bester Hutsalon der Monarchie“. Wegen der extravaganten Kreationen kommen sogar höchstgestellte Menschen aus Wien in die „staubige Stadt“. Zweimal gibt es in dem Film „Sunset“ von László Nemes einen Hut mit einem Schleier zu sehen – in dem einen Fall trägt ihn eine junge Frau namens Irisz Leiter, in dem anderen eine Prinzessin aus der Hauptstadt. Die höchste Vertreterin der Macht lüftet ihren Schleier, weil man sie an einen besonderen Ort führt: Hier war einst die Kaiserin Elisabeth (besser bekannt als Sissi) zu Gast gewesen. Nach ihrem Besuch wurde der Raum geschlossen, niemand sollte an die Stelle der melancholischen Herrscherin treten.

          Erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, wird diese „Grabkammer“ wieder geöffnet. Die Frau, die in diesem Moment zur Stelle ist, ist Irisz Leiter. Ihr Hutschleier wird schon im ersten Bild des Films gelüftet. Es ist eine sprechende Szene, denn Irisz wird für die folgenden zweieinhalb Stunden bei allem dabei sein, was sich in Budapest in diesen Tagen an Merkwürdigem und Dramatischem ereignet. Sie wird Zeugin sein, aber wenig durchschauen. Der Schleier ist nicht zuletzt der eines historischen Präsens, das für das Publikum im Kino geläufige Vergangenheit ist: Irisz Leiter weiß nicht, dass ein Jahr später der Erste Weltkrieg ausbrechen wird, und sie weiß nicht, dass ein späteres Zeitalter von ihrer Epoche einmal als einer Zeit der „Schlafwandler“ sprechen wird.

          László Nemes wiederum weiß das alles natürlich nur zu gut und noch viel mehr: Er tritt mit „Sunset“ in bewusste Konkurrenz zu den großen Erzählungen über die (vor)letzten Tage der Menschheit, wie die Chiffre von Karl Kraus für den Zivilisationsbruch von 1914 lautet. Das Budapest von 1913 ist für Nemes eine Versuchsstation des Weltuntergangs, Labor einer Gewalterfahrung, die sich zuerst einmal als Attacke auf die Sinne zeigt. In bester modernitätstheoretischer Manier lässt Nemes die Budapester Lebenswelten auf Irisz Leiter einprasseln, als stünden all die Traktate über die Stadt als Reizgewitter als Fußnoten im Drehbuch.

          Die Heldin von „Sunset“ kommt aus Triest. Sie kommt nach Hause, wie sich bald herausstellt. Zu Beginn wird sie kurz für eine Kundin gehalten. Nemes lässt das wohl absichtlich so wirken, als wachte sie aus einem Traum auf. In Wirklichkeit ist Irisz Leiter gekommen, weil sie im Hutsalon Leiter arbeiten möchte. Dass sie denselben Namen trägt, ist kein Zufall: Sie ist die Tochter der ehemaligen Besitzer. Damit ist das Motiv der Spannung etabliert, von dem Nemes danach zehrt. Irisz gehört hierher, aber sie stört ausgerechnet in der Woche, in der „Leiter Hüte“ ein Firmenjubiläum begeht. Nach dreißig Jahren konnte man in Budapest 1913 bereits ein Traditionshaus sein. So schnell ging das in der Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts, in den aufstrebenden Nationen.

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