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Ein Gespräch mit Spike Lee : Ein Wunder ist für Amerika nicht genug

  • Aktualisiert am

Überzeugter Obama-Anhänger: Spike Lee Bild: dpa

Obama als Präsident? Für Spike Lee, den erfolgreichsten schwarzen Filmregisseur, ist das ein Wunder. Im Interview erklärt er, was Obama mit seinen Filmen verbindet und warum alle Schauspieler einen Sprung in der Schüssel haben.

          Obama als Präsident? Für Spike Lee, den erfolgreichsten schwarzen Filmregisseur, ist das ein Wunder. Im Interview erklärt er, was Obama mit seinen Filmen verbindet und warum alle Schauspieler einen Sprung in der Schüssel haben.

          In Ihrem Kriegsepos „Miracle at St. Anna“ heißt es am Ende: „Wunder sind das Einzige im Leben, auf das man sich verlassen kann.“ Glauben Sie das selbst?

          Als religiöser Mensch glaube ich selbstverständlich an Wunder. Und es ist ja ein Wunder, dass dieser Film überhaupt entstehen konnte: Seit Jahren wollte ich ein großes Kriegsdrama über die von Hollywood bisher völlig ignorierten 1,1 Millionen afroamerikanischen Soldaten drehen, die im Zweiten Weltkrieg für die Vereinigten Staaten gekämpft hatten. Aber das wollte zunächst niemand finanzieren. Geld für derart aufwendige Produktionen bekommen Sie in der Regel nur, wenn Sie einen Superhelden-Comic verfilmen wollen.

          Was ist das größte Wunder, das Sie je erlebt haben?

          Der sensationelle Erfolg von Barack Obama. Meine Mutter wurde als Sklavin geboren und hat es bis zum Uni-Abschluss gebracht. Aber selbst sie hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, dass ein Abkömmling der Sklaven eines Tages zum amerikanischen Präsidenten gewählt werden könnte. Die Verfassung unseres Landes verheißt die Gleichheit aller Menschen, und heute sind wir diesem Ziel näher als je zuvor. Es ist verrückt, was Barack schon jetzt alles bewirkt hat.

          Zum Beispiel?

          Er hat Amerika wieder neue Hoffnung gegeben. Vor allem den Minderheiten: Es gibt bereits Berichte darüber, wie farbige Kinder sich plötzlich in der Schule mehr anstrengen und bessere Leistungen bringen. Barack elektrisiert uns alle; er spornt uns dazu an, unser Bestes zu geben. Seine Vereidigung ist die Morgenröte für einen weltweiten Neubeginn: Man wird einmal die Geschichte in die Epochen „vor Barack“ und „nach Barack“ einteilen. Habe ich das nicht wunderbar poetisch ausgedrückt?

          Ja. Aber sind Sie sicher, dass auch die Rednecks in den Südstaaten reif sind für einen schwarzen Präsidenten?

          Natürlich gibt es noch eine Menge Rassisten. Aber sie haben Obama bis jetzt nicht stoppen können, und sie werden ihn auch in Zukunft nicht aufhalten. George W. Bush hat höchstpersönlich dafür gesorgt, dass die Menschen reif für Barack sind: mit seiner katastrophalen Politik, von der ausschließlich Leute mit fettem Bankkonto profitierten. Alle anderen hatten irgendwann die Schnauze voll und sagten: Lasst uns um Himmels Willen etwas Neues versuchen, selbst wenn dieses Neue schwarz sein sollte!

          Juckt es Sie nicht in den Fingern, eine Dokumentation über Obama zu drehen?

          Nein, gar nicht. Denn es gibt schon mindestens drei Filmemacher, die sich seit einem Jahr an seine Fersen geheftet haben.

          Kennt Obama Ihre Filme?

          O ja. Er hat mir sogar erzählt, dass er seine heutige Ehefrau Michelle 1989 bei ihrem allerersten gemeinsamen Date ausgerechnet in „Do the Right Thing“ geschleppt hat. Nach dem Kinobesuch gingen die beiden zum Eisessen und diskutierten stundenlang darüber, warum meine Filmfigur, der besonnene Pizza-Bote Mookie, schließlich die Scheibe der Pizzeria einschlägt und dadurch Rassenunruhen auslöst.

          Viele waren damals der Meinung, Sie hätten sich mit diesem provokanten Schluss auf die Seite von Malcolm X geschlagen, der im Gegensatz zu Martin Luther King Gewalt als Mittel zum Zweck befürwortet hatte. Würden Sie den Film heute wieder genauso drehen?

          Ich glaube nicht. „Do the Right Thing“ entstand während einer sehr explosiven Phase in New York. Der damalige Bürgermeister Ed Koch hatte das Klima zwischen den Rassen vergiftet. Heute herrscht in der Stadt eine ganz andere Stimmung. Und Barack Obama ist der lebende Beweis dafür, dass die amerikanische Nation sich mittlerweile ein ganzes Stück weit in die richtige Richtung bewegt hat: vorwärts!

          Das klingt ja fast so, als seien Sie nicht mehr ganz so wütend wie früher. Dabei sind Sie doch bekannt als „zorniger schwarzer Filmemacher“.

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