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Ein Gespräch mit Shirin Neshat : Wir sind ein Volk

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Die, die mehr in die Enge getrieben werden, haben mehr Grund, zu handeln. Die Frauen im Iran - egal unter welchem Regime - haben immer schon gegen Autoritäten gekämpft. Und für Freiheit und Unabhängigkeit. Gegen Religion oder Tradition, die Kräfte der Unfreiheit. Sie mussten immer kämpfen. Im Kleinen zuhause mit ihren Ehemännern, Vätern und Brüdern, im Großen auf der Straße, in der Arbeit. Es ging immer um Grenzen und Beschränkungen, und mit Kleidervorschriften fing es immer nur an. Sie lernten, Kämpfer zu werden - durch die kulturelle, religiöse, politische Atmosphäre, in die wir hineingeboren wurden, kam das automatisch. Keine von uns hat es leicht. Aber wir haben gelernt, sehr stark zu sein.

Sehen Sie sich eigentlich als Feministin?

Nein. Ich bin nur von den iranischen Frauen weit mehr beeindruckt, als von den Männern dort. Es geht mir Sharnush Parsipur: Sie war mehrfach im Gefängnis, einmal für fünf Jahre. Sie wurde dort krank. Sie wurde getrennt von ihrem Sohn. Sie wurde ins Exil gezwungen. Aber sie ist eine Frau mit unglaublicher Würde. Eine Überlebenskünstlerin (a „Surviver“). Sie ist wundervoll: So unglaublich positiv. Oder Marjane Satrapi, die Autorin von „Persepolis“ - eine gute Freundin. Wie sie gemeinsam mit Makhmalbaf beim Europäischen Parlament gegen das Regime aufgetreten ist - das war so tapfer. Ich schätze sie so sehr. Solche Frauen inspirieren mich so sehr.

Sie sind eine bekannte und vielfach prämierte Videokünstlerin. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie einen Spielfilm gedreht haben?

In meiner bisherigen künstlerischen Arbeit gab es schon immer eine enge Verbindung zwischen Poesie und Politik. Dadurch lag das Thema nahe. Ich bin der Kunstwelt ein bisschen müde geworden. Kino war für mich ein natürlicher Schritt, eine Weiterentwicklung meiner bisherigen Arbeit. Ich habe diesen Schritt von Anfang an sehr ernst genommen. Ich wusste: Ich müsste mir Zeit nehmen, und mich mit den richtigen Leuten zusammen tun. Der Arbeitsprozess war wie eine private Filmschule für mich. Nie habe ich so viel gelernt. Das Ergebnis ist ein richtiges Herzensprojekt geworden.

Hatten Sie es sich so vorgestellt, wie es dann wurde?

Niemals! So komplex hatte ich es mir nie vorstellen können. Es war ein wirklich langer Weg.

Was hatten Sie vor dieser ersten Film-Arbeit für eine Beziehung zum Kino? Sahen Sie sich überhaupt Filme an?

Mich interessiert das Kino als eigene Erfahrungsform. Als Erfahrung einer Gruppe. Kino ist eine der komplettesten Kunstformen: Mit dem Kino kann man malen, photographieren, Theater spielen, tanzen, Musik machen, Choreographieren… Ich hatte immer das Gefühl, die Arbeit, die ich sowieso schon in meinen Installationen mache, hier noch zu steigern und zu erweitern. Ich habe nie versucht, das konventionelle Kino einfach nachzuäffen. Julien Schnabel und Matthew Barney waren da sicher heimliche Vorbilder für mich. Ich wollte meine eigene Sprache finden, die Balance zwischen Erzählen und Bilder-machen, ich wollte auch die Herausforderung bestehen, dass mir ein Film gelingt, in dem auch meine Mutter sich nicht langweilen würde. Also Kunst zugänglich zu machen, nicht irgendetwas zu fabrizieren, dass nur exklusiv für sehr gebildete Leute verständlich sein würde. Und letztendlich glaubt die Aktivistin in mir auch an die Kraft der Gemeinschaft. Eliten und elitäre Kunst interessieren mich überhaupt nicht. Aber ich glaube natürlich auch an die Kraft der Kunst. Das heißt an die Kraft des Rätselhaften, der Phantasie, des Komplexen. Kunst darf es den Menschen nicht zu einfach machen. Es hat eine Bedeutung und soll sie auch haben. Bloße Unterhaltung wollte ich genauso wenig. Ich glaube diese Verbindung ist möglich, und in dieser Richtung möchte ich in Zukunft auch weitermachen, und mich in Richtung Popkultur bewegen. Mal sehen, ob ich das schaffe. Aber zumindest kann ich davon träumen. Wir Künstler sind am Ende alle Träumer. Und ich möchte noch ein bisschen weiterträumen.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Frauen ohne Männer

Ein klarer Favorit für den Goldenen Löwen: Die Videokünstlerin Shirin Neshat erzählt in „Zanan bedoone mardan“ (Frauen ohne Männer) vier Geschichten von weiblichem Leid im Teheran des Jahres 1953, als die CIA den Staatsstreich vorbereitete. Sie tut das in Bildern von bestechender Schönheit. Da ihr Kameramann Martin Gschlacht hier auch bei dem ähnlich beeindruckend fotografierten „Lourdes“ für die Bildgestaltung verantwortlich war, ist ein Preis für ihn eigentlich unausweichlich.

Eine betrogene Ehefrau, eine unglücklich Verliebte, eine Prostituierte und eine Selbstmörderin - schwarze Figuren in einer bleichen Erinnerungswelt, die in einem verwunschenen Garten zusammenfinden, der Dschungel und Wüste, Schutzraum und Resonanzboden zugleich ist. Auf Dauer gehen die Leidensgeschichten vielleicht etwas zu nahtlos in der Politparabel auf, und das allegorische Erzählen raubt den Figuren irgendwann die Luft, aber die Art, wie die sich immer wiederholende Geschichte von Widerstand und Unterdrückung in eine Form gegossen ist, hat selbst dann etwas Beeindruckendes, wenn man einen Preis für Claire Denis lieber sähe. (malt)

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