https://www.faz.net/-gqz-13uu2

Ein Gespräch mit Shirin Neshat : Wir sind ein Volk

  • Aktualisiert am

Zur gleichen Zeit haben Sie Ihren Film fertiggestellt. Worum geht es in „Women Without Men“?

Um vier Frauen im Iran. Und um ein politisches Schlüsselereignis. Ironischerweise muss man eigentlich nur das Bild von Mossadegh, seinerzeit der demokratische Führer, durch das von Mussawi ersetzen. Ich konnte nicht anders, als mich sehr stark mit der Mossadegh-Bewegung zu identifizieren. Wir kämpfen im Sommer 2009 für die gleichen Ziele wie im Sommer 1953. Eine erstaunliche, erschreckende Koinzidenz. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Dieser Teufelskreis muss frustrierend sein...

Nicht nur. Die Wiederholung zeigt auch: Man kriegt uns nicht so leicht unter. Wenn unsere Herrscher ein bisschen cleverer wären, würden Sie begreifen, dass wir eigentlich nur unsere Ruhe wollen, Keine Revolution, sondern nur ein bisschen Freiheit. Aber das ist offenbar zu viel verlangt. Natürlich gibt es auch heute das Gefühl der Niederlage, nachdem die Regierung Gewalt einsetzte. Aber es ist offen, ob es sich wirklich um eine Niederlage handelt. Wir alle fühlen: Wir werden weiter kämpfen.

Der Film geht zurück auf Sharnush Parsipurs Roman „Women Without Men“...

Parsipur schrieb verschiedene Kurzgeschichten, die unabhängig voneinander bestehen. Im Zentrum steht jeweils eine Frau. Aber die Geschichten hängen alle miteinander zusammen. Der Verbindungspunkt ist ein Garten, in dem sich alle treffen, in den alle irgendwann hinkommen. Den hat Parsipur in dem Buch kombiniert.
Mir gefällt an dem Buch seine surreale Komponente: Der Garten ist ein Ort des Exils, der Flucht, er ist völlig zeitlos. Fast wie ein Garten Eden - ein Ort von Unschuld und Erkenntnis. Das Buch ist auch visuell sehr stark, es hat Poesie. Ich nahm alles aus dem Buch, was ich mochte und kombinierte es neu. Grundsätzlich habe ich das Politische etwas erweitert, und den Surrealismus, die Magie etwas reduziert. Das Buch ist durchzogen von produktiven Gegensätzen, die mich angezogen haben: Stadt-Land, Geschichte-Zeitlosigkeit, Natur-Kultur - das ist sehr konzeptionell, und ähnelt meiner bisherigen eigenen Arbeit. Die einzelnen Frauen sind sehr verschieden: Ein normales Mädchen, das heiraten will, eine westlich orientierte, eine religiös erzogene, eine Prostituierte. Mir war wichtig, dass sie nicht als Opfer dastehen, ich wollte, dass man auch ihren Mut sieht, die Freiheit, die sie sich nehmen.

Es muss eine merkwürdige, aber auch sehr schöne Erfahrung für Sie sein, wie nahe Sie selbst da plötzlich Ihren Figuren kommen...

Es ist unglaublich! Schauen Sie auf die Filmfigur Munez, eine politische Aktivistin. Im Film stirbt sie, und ich konnte es nicht glauben, als ich wieder die Bilder ihres sterbenden Körpers sah, wie sehr diese Bilder jenen von Neda Agha-Soltan glichen, die zur Ikone der Juni-Proteste wurde. Beide sind sich so ähnlich: Als Menschen, als Frauen, auch als schöne Frauen. Beide sind in gewissem Sinn naiv, beide kämpfen wie Jeanne d'Arc für soziale Gerechtigkeit, sie sind keine gebildeten Frauen. Aber sie sind erfüllt von einem ehrlichen ernsthaften Verlangen nach Veränderung. Beide werden zu Märthyrerinnen. Der Symbolismus meiner Charaktere - Munez steht für den Geist der Revolution - fand seine Entsprechung in der Wirklichkeit.
Die Idee des Feminismus in dieser „Grünen Bewegung“ ist sehr bemerkenswert: Wie präsent hier Frauen wurden! Mit großem Sinn für Schönheit, mit viel Stolz, auch mit Gewalt und Aggression gegen ihre Unterdrücker. Mit Lippenstift, Mascara, wunderschönen Haaren - aber auch einem Stein in der Hand. Es liegt eine Ironie in dieser neuen Repräsentation iranischer Frauen: Weiblichkeit, Fragilität und Emotionen.

Woran liegt es überhaupt, dass auch in der „Grünen Bewegung“ wie unter den iranischen Künstlern und Intellektuellen so auffallend viele Frauen hervorstechen?

Weitere Themen

Die Frau, die in Kabul drehte

Sahraa Karimi : Die Frau, die in Kabul drehte

Sahraa Karimi ist die erste afghanische Regisseurin, die sich traute, in ihrem Heimatland einen Film zu drehen. „Hava, Maryam, Ayesha“ erzählt die Geschichte dreier Frauen – das begeisterte sogar Angelina Jolie.

Topmeldungen

Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen

Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.
Michael Jürgs starb im Juli mit 74 Jahren

Michael Jürgs’ letztes Buch : Wer tot ist, muss sehen, wo er bleibt

Eine Seele wirft keinen Schatten: Der Journalist Michael Jürgs hat zwei Wochen vor seinem Ableben sein letztes Buch beendet. In „Post mortem“ surft er durchs Jenseits und trifft dort höchst lebendige Tote.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.