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Ein Gespräch mit Charlotte Gainsbourg : Auch Nietzsche beantwortet keine Fragen

  • Aktualisiert am

Keine Ahnung, welche Rolle sie da spielt: Charlotte Gainsbourg in „Antichrist” Bild: dpa

Die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin wurde in Cannes für ihre Rolle in Lars von Triers Horrorfilm „Antichrist“ ausgezeichnet - und erzählt von ihren merkwürdigen Erfahrungen mit dem Regisseur.

          Die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin wurde in Cannes für ihre Rolle in Lars von Triers „Antichrist“ (siehe: Lars von Triers „Antichrist“: Satan ist eine Frau) ausgezeichnet - und erzählt von ihren merkwürdigen Erfahrungen mit dem Regisseur.

          Sie sind gerade in Cannes für Ihre kontroverse Rolle in Lars von Triers „Antichrist“ als beste Schauspielerin des Festivals ausgezeichnet worden. Herzlichen Glückwunsch!

          Ja, der Preis ist wunderbar! Ich freue mich, besonders auch für meinen Regisseur Lars von Trier. Er ist hier in Cannes in den letzten Tagen stark angegriffen worden. Da ist der Preis jetzt eine Genugtuung. Der Preis ist ein großes Kompliment für den Film. Ich bewundere Lars von Trier. Und Kontroversen sind doch immer etwas Interessantes.

          Keine Ahnung, welche Rolle sie da spielt: Charlotte Gainsbourg in „Antichrist” Bilderstrecke

          Lars von Trier wird ja gerade auch dafür kritisiert, wie er Frauen darstellt: Es heißt manchmal, er sei einfach ein Frauenhasser beziehungsweise er habe Angst vor Frauen. Hatten Sie auch diesen Eindruck?

          Ganz im Gegenteil. Er ist ganz und gar kein Frauenhasser. Man kann nicht von Hass sprechen, wenn jemand Frauen so viele schöne Momente gibt. Die Geschichte von „Antichrist“ ist visionär und erzählt doch etwas ganz Reales, Konkretes. Natürlich gibt es hier Rohheit und Gewalt, Grausamkeit und Schmerz. Aber das ist doch erst mal etwas sehr Interessantes, auch für die Frau, die das spielt. Ich sehe es viel eher so, dass Lars Frauen in seinen Filmen sehr viel Freiheit und Macht gibt. Aber vergessen Sie auch nicht: „Antichrist“ ist ein Horrorfilm. Da kann man nicht zu allen Figuren nett sein.

          Können Sie mir erklären, was Sie da genau für eine Figur spielen?

          Keine Ahnung! Ich weiß es wirklich selber nicht. Wissen Sie, meine Figur hat ja im Drehbuch gar keinen Namen. Dort steht nur „She“ und „He“. Also bin ich eine „She“.

          Und der Ort, wo Sie am Ende sind, heißt Eden. Sind Sie hier am Ende also die universale Frau? Eva?

          Nein, das wäre doch wohl zu prätentiös, so etwas zu behaupten. Aber es ist wirklich in diesem Fall besonders schwer klarzumachen, um wen es geht, weil man diese Frau ja erst in einer Extremsituation kennenlernt: nachdem sie ihr Kind verloren hat. Was davor liegt, kennt man nicht und erfährt nach und nach nur ein bisschen durch Rückblenden. Diese Figur ist wirklich für mich selbst ein Mysterium - und das gefällt mir eigentlich ganz gut. Normalerweise kann eine Schauspielerin, wenn sie von ihren Rollen erzählt, sagen, sie hat die und die Stärken, kann Schwächen benennen. Das funktioniert hier nicht.

          Der Titel des Films ist „Antichrist“. Manche Zuschauer hatten den Eindruck, die von Ihnen gespielte Frau sei dieser Antichrist. Der Film legt aber auch an manchen Stellen nahe, das Kind sei dieser Antichrist. Welche Meinung haben Sie dazu?

          Auch da muss ich leider gestehen: Ich weiß es auch nicht. Nachdem ich die Rolle für den Film bekommen hatte, habe ich unter anderem angefangen, Friedrich Nietzsches Buch „Der Antichrist“ zu lesen. Nur hat das leider kein einziges Problem geklärt.

          Wie hat von Trier Ihnen Ihre Rolle vor dem Dreh erklärt? Und wie haben Sie sich vorbereitet?

          Er hat gar nichts erklärt! Ich habe mich selbst vorbereitet, allerdings nicht völlig auf eigene Faust, sondern mit einem Schauspielcoach, den ich schon kannte, per Telefon. Ich war am Anfang extrem nervös, denn Lars hat wirklich keine einzige meiner Fragen beantwortet. Er sagte immer wieder, er wisse es auch nicht - er war so vage! Und man konnte sehen, dass er damit sehr viel Spaß hatte. Er hatte Vergnügen daran, sich dumm zu stellen. Aber ich musste mit irgendjemandem sprechen und meine Ideen teilen. Für diese Diskussionen brauchte ich einen Vertrauten. Das half mir sehr, mir den Passionsweg in seinen ganzen emotionalen Stufen klarzumachen, die dieser Frau bevorstanden. Ich habe meine Nase außerdem auch in ziemlich viel historisches Material zu historischen Hexenprozessen gesteckt. Ziemlich gespenstisch! Auch einschüchternd.

          War es dann am Drehort anders?

          Nein. Es ging einfach los, ohne Proben und andere Vorbereitungen. Wir haben ja in Deutschland gedreht. Ich kannte kaum jemanden, ich kannte auch Lars nicht und hatte umgekehrt den Eindruck, dass er auch von mir nicht viel wusste. Ich weiß gar nicht, welche Filme er von mir gesehen hat. Es gab zwar ein paar Franzosen in der Crew, aber im Prinzip hat es meiner Rolle sehr gut getan, dass ich ziemlich einsam war, die Sprache nicht verstand und mir ein bisschen verloren vorkam. In gewissem Sinn kannte ich das. Als Kind war ich ziemlich isoliert und konnte mich insofern in die Gefühlswelt meiner Rolle gut hineinversetzen.

          Es war sehr intensiv. Man begibt sich völlig in die Hände eines Regisseurs, gerade wenn man mit Lars von Trier dreht. Ich war zuerst sehr nervös. Die Nervosität hat sich dann bald gelegt. Ich habe es dann einfach laufen lassen. Dann wurde alles viel einfacher. Schmerzhaft, aber leicht. Ob ein Auftritt schwierig ist oder nicht, hat auch nichts damit zu tun, ob man in einer Szene nackt ist oder bestimmte Dinge tut, die andere verstören.

          Das heißt, jener Moment, als Sie sich, während Sie nackt sind, selbst verstümmeln, war eher ein technisches Problem?

          Völlig, genau! Da hatten sie Angst, dass der Special Effect, bei dem Blut spritzt, nicht richtig funktioniert. Die anstrengendsten Szenen waren diejenigen, die emotional sind. Ansonsten musste ich einfach den Anweisungen des Regisseurs folgen. Das war eine tolle Erfahrung, aber ich möchte sie nicht gleich noch mal machen. Es war perfekt, aber auf eine sehr bizarre, merkwürdige Weise.

          Sie sind die Tochter berühmter Eltern: Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Macht Ihnen das manches in Ihrer Arbeit leichter, oder ist es noch schwerer?

          Darüber denke ich nicht nach. Was immer ich tue: Es wird nicht an das Werk meiner Eltern heranreichen.

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