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Zum Tod von Albert Finney : Vom zornigen jungen Mann zum wehrhaften Wildhüter

Albert Finney, geboren am 9. Mai 1936 in Salford, England, gestorben am 7. Februar 2019 in London Bild: AP

Mit „Samstagnacht bis Sonntagmorgen“ wurde er 1962 zum Gesicht des jungen britischen Kinos – und prompt von Hollywood entdeckt. In „Skyfall“ kämpfte er an der Seite von James Bond. Zum Tod des Schauspielers Albert Finney.

          Es sind nicht wenige Szenen, die man sofort bei der Nachricht vor Augen hat, dass der britische Schauspieler Albert Finney im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Ein alter Vater, der seinen Sohn im Krankenhaus mit einem Kissen erstickt, nachdem dieser Sohn die Mutter versehentlich erschossen hat: verzweifelt, aber zugleich hart und kaltblütig, weil er, um nicht vom Personal entdeckt zu werden, sich an ein Beatmungsgerät anschließt und bei gleichmäßigem Puls den richtigen Moment abwartet. Das war, 2007, in Sidney Lumets „Tödlicher Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead“.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Oder der britische Konsul in Mexiko, der Trinker am Tag der Toten, der auf Briefe seiner Frau wartet und weitertrinkt, der in seinem hellen Anzug durch diesen Film geht, kaum schwankend, mit Bitterkeit und einem unzerstörbaren Rest von Würde. Das war, 1984, in John Hustons Adaption des Romans von Malcolm Lowry, „Unter dem Vulkan“. Man könnte immer so weitermachen, und es würde einem nie langweilig, man würde immer wieder aufs Neue staunen, wie gut dieser Albert Finney war in all den Charakteren, denen er sich anverwandelte, als junger Wilder wie als erwachsener Mann.

          Der alte, etwas knurrige, aber sehr wehrhafte Wildhüter mit dem weißen Vollbart in dem Bond-Film „Skyfall“ fällt einem ein, Finneys letzte Rolle; aber auch der zornige junge Mann aus der Arbeiterklasse in Karel Reisz’ „Samstagnacht bis Sonntagmorgen“ (1962), einem jener Filme über das Aufbegehren in einer tristen, monotonen Welt, deren Stil man „kitchen sink realism“, Spülbeckenrealismus, taufte.

          Zorniger junger Mann

          Nach diesem Film wurde Finney so etwas wie das Gesicht des jungen britischen Kinos, das aufräumen wollte mit Papas Kino, das sich der französischen Nouvelle Vague verwandt fühlte. Und da Finney nicht nur gut spielte, sondern auch gut aussah, da er auch in der Verfilmung von Henry Fieldings Schelmenroman „Tom Jones“ eine blendende Figur machte, interessierte sich natürlich auch Hollywood für den Mann, der eine klassische Schauspielausbildung an der Royal Academy of Dramatic Art absolviert hatte.

          Nach der Hochzeit mit der französischen Schauspielerin Anouk Aimée im August 1970 in London

          Den Oscar für „Tom Jones“ allerdings bekam er so wenig wie bei den vier weiteren Nominierungen im Laufe seiner Karriere. Er wird das verschmerzt haben. Zum Ritter wollte er sich nicht schlagen lassen, er lehnte die Ehrung ab. Denn Finney liebte es, das Unerwartete, das Überraschende zu tun. Er nutzte seinen Ruf und sein Geld, um Filme wie Lindsay Andersons „If“ (1968) zu produzieren, er führte einmal Regie, bei „Ein erfolgreicher Blindgänger“ (1966).

          Und wenn man sich jetzt noch einmal seine komplette Filmographie ansieht, merkt man auch, dass er eigentlich immer gefragt war. Weil sie die Arbeit des jungen Mannes in den Sechzigern bewundert hatten, wollten die Regisseure der Neunziger unbedingt mit dem älteren Herrn arbeiten. Die Coen-Brüder machten ihn in „Miller’s Crossing“ (1990) zum irisch-amerikanischen Mobster, Tim Burton verpflichtete ihn unter anderem für „Big Fish“, und bei Steven Soderbergh war er der Anwalt, der Julia Roberts als Erin Brockovich in dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2000 zur Seite stand.

          Natürlich war er in seiner im Alter ausgeprägteren Bulligkeit dann auch ein überzeugender Winston Churchill in dem Fernsehfilm „The Gathering Storm“ (2003). Und es wird ihn, den lebenslangen Fan von Manchester United, gefreut haben, dass er noch erleben durfte, wie sein Club José Mourinho rausschmiss. Man hätte sich Albert Finney gut vorstellen können in der Rolle desjenigen, der den arroganten Selbstdarsteller zu sich zitiert und ihm sehr, sehr unmissverständlich klarmacht, dass seine Vorstellung vorbei ist.

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