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Ein Filmfest: „Exit Marrakech“ Auszug in eine berauschende Welt

Die Oscar-Gewinnerin Caroline Link stellt in München ihren neuen Film vor. „Exit Marrakech“ ist eine packende Liebesgeschichte - ganz ohne Bodenhaftung.

Von Morten Freidel

In der Wüste und in gehobener Stimmung: Samuel Schneider als Ben in Caroline Links „Exit Marrakech“
© Studiocanal Filmverleih
In der Wüste und in gehobener Stimmung: Samuel Schneider als Ben in Caroline Links „Exit Marrakech“

Der eigentliche Film beginnt auf Festivals bekanntlich nicht erst mit den Vorführungen. Er beginnt auf dem roten Teppich. Hier werden Unbekannte zu Schauspielern erkoren, hier fügen sich Filmschauspieler in ihre gesellschaftliche Rolle, und hier sind selbst die hektisch um Aufmerksamkeit buhlenden Fotografen („Hier herüberschauen!“, „Einmal den Schulterblick bitte!“) Teil einer großen Inszenierung, die den Glanz Hollywoods nachzuspielen versucht.

Ob man davon genervt oder inspiriert ist, hängt entscheidend von der Qualität der echten Filme ab. So auch beim Münchner Filmfest 2013, das jetzt mit dem neuen Film der deutschen Oscar-Preisträgerin Caroline Link eröffnet worden ist. Weil „Exit Marrakech“ ein mitreißender Film ist, wirkten die Pirouetten von Schauspielern selbst der zweiten oder dritten Riege im Nachhinein plötzlich wie eine glanzvolle Darbietung, wie der angemessene Rahmen einer Kulturveranstaltung ersten Ranges.

Menschlichkeit in jeder Faser

Plötzlich erschienen auch die Ansprachen im Kinosaal, in denen die Politik den Veranstaltern dankte und die Veranstalter der Politik, wie eine notwendige Ergänzung, und man war seltsam ergriffen von einem Satz, den die Leiterin des Filmfests, Diane Iljine, über Caroline Link sagte: Sie habe erst nicht verstanden, warum die Regisseurin im Jahr 2003 ihren Oscar für den besten fremdsprachigen Film („Nirgendwo in Afrika“) nicht persönlich habe entgegennehmen wollen. Damals habe sie nur gewusst, dass Link wegen ihrer Tochter nicht nach Los Angeles geflogen sei. Wo bitte, fragte Iljine, finde sich auf der Welt ein Mann, der wegen seines Kindes nicht zur Oscar-Verleihung fliege? Erst später habe sie erfahren, dass Links Tochter damals krank gewesen sei. Caroline Link habe sich also für die Menschlichkeit entschieden: „Und das zeigt sich auch in ihrem neuen Film.“

Man muss hinzufügen: in jeder Faser ihres neuen Films. In einer seiner schönsten Szenen steht der gerade der Kindheit entwachsene Ben mit der marokkanischen Prostituierten Karima in den Gängen des Basars von Marrakesch. Ben (gespielt von Samuel Schneider, der großen Entdeckung des Films) verbringt die Sommerferien bei seinem Vater Heinrich (einfühlsam und rücksichtslos zugleich: Ulrich Tukur), der in der marokkanischen Stadt Theaterstücke inszeniert und seine Jagd nach Glamour anschließend am Hotelpool mit Bier und Cocktails abrundet. Davon zunehmend angewidert, schaut sich Ben die Stadt allein an, legt im Laufe seiner Erkundungen die europäische Vorsicht ab und lernt in einem Nachtclub Karima kennen (ebenfalls eine Entdeckung: die französische Schauspielerin Hafsia Herzi).

Mit Realismus und Unbekümmertheit

Mit ihr schläft er aber nicht und kann sich deswegen in sie verlieben. Also steht er mit Karima im Basar und schenkt ihr eine Halskette seines Vaters. Sie ist gerührt, obwohl oder gerade weil Ben freimütig zugegeben hat, die Halskette gestohlen zu haben. Trotzdem muss Karima abreisen, zu ihren Eltern aufs Land. Ben will das verhindern, fleht sie an zu bleiben und sagt schließlich, er wolle sie dafür auch bezahlen. Dafür, das ist der grandiose Abschluss dieser Szene, gibt Karima ihm eine Ohrfeige und sagt lächelnd: „Da war eine Fliege auf deiner Wange.“

„Exit Marrakech“ ist eine wunderbar unbekümmerte Liebesgeschichte und ein wunderbar unbekümmerter Film insgesamt. Er erzählt fiktive Geschichten - von Ben und Karima, vor allem aber von Ben und seinem Vater, der sich irgendwann auf die Suche nach seinem Sohn und seiner Vergangenheit machen muss -, eingebettet in realistische Bilder. Er ist eine Liebeserklärung an die arabische Welt, ihre Gerüche, Musik und Farben. Von Beginn an bleibt die Kamera in Bewegung und versucht Bens Streifzüge, später dann die Reise von Vater und Sohn mit wackelnden Bildern einzufangen, als suche sie verzweifelt nach einer Entsprechung für die Überfülle ihrer Eindrücke auf der Leinwand. Sobald nur der erste milchige Himmel Nordafrikas zu sehen ist, sind die Bilder außerdem rhythmisch unterlegt mit exzessiver, treibender Musik.

Zwischen Kritik und Rausch

Das könnte man pathetisch nennen - und mit Recht. Die Frage ist aber, wie man diesen Umstand bewerten will: ob man die Bilder, wie es einige Gäste im Anschluss an die Vorführung getan haben, als ein bisschen zu viel betrachtet; ob man moniert, dass Bens Zuckerkrankheit nur ein willkommener Anlass ist, die Dramatik des Films voranzutreiben; ob man das Coming-of-age (Ben) und Coming-of-youth (Heinrich) vor allem als Reproduktion des Klischees vom reichen, stillstehenden Europa und der armen, aber lebhaften arabischen Welt sehen will.

Oder ob man, vielleicht mit den Erfahrungen eines Gelegenheitstouristen versehen, sich an den ersten Besuch in einer arabischen Stadt erinnert: an die anstürmenden Jugendlichen, die man zunächst höflich weglächelte, mit europäischer Seriosität, man mochte ja keine falschen Hoffnungen wecken und erst recht nicht in die Klischee-Falle tappen, als gutbetuchter Europäer Geschenke zu verteilen, ehe man sich dann in einem unkontrollierten Moment doch dazu hinreißen ließ, den Fußball der Straßenjungen zurückzuspielen, um sich schließlich hemmungslos an dieser Welt zu berauschen.

Erstere Betrachter sehen mit „Exit Marrakech“ ein handwerklich gut gedrehtes Werk, mit differenzierten Figuren und einer bis zum Schluss offenen Geschichte. Letztere sehen einen großartigen Film.

Die Regisseurin Caroline Link
© dpa
Die Regisseurin Caroline Link