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Ein Film wie keiner : „Southland Tales“: Schnee des Vergessens

Solange es Science-Fiction gibt wie Richard Kellys „Soutland Tales“ können wir von der Zukunft träumen. Das wird dem Zuschauer aber nicht leicht gemacht, der Film hat nach seiner Cannes-Premiere eine lange Odyssee voller Missverständnisse hinter sich.

          Ein Spielzeugsoldat robbt, eher kraftlos und verwundet als kampfentschlossen, im Dunst einer breiten südkalifornischen Strandstraße auf die Kamera zu. Nebel ist Qualm ist Dampf ist weißliche Dämmerung. Ein Schrank von Mann (Dwayne Johnson) namens Boxer Santaros, dessen Körperpanzer wie zerbrochen wirkt, liegt in Embryonalhaltung in der Wüste. Der Kerl ist Kino-Actionheld und hat die Tochter eines republikanischen Politikers geheiratet, der kurz vor einer Art legaler Machtergreifung im Rahmen der kontrollgesellschaftlichen Teilverstaatlichung des World Wide Web („USIDent“) steht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Gegen seinen Willen wird Santaros, gebaut wie Schwarzenegger, aber beim Eingriff in Staatshändel zögerlich wie Hamlet, in ein brezelartig verschlungenes Geschehen gezerrt. Das Chaos überfordert bald seinen armen Verstand; nur ein tausend Spiegelflächen reiches Facettenauge könnte es überhaupt überblicken: In den Vereinigten Staaten der nahen Zukunft kollabiert die Außenpolitik nach einem von Terroristen verübten atomaren Doppelschlag in konfuse Innenpolitik. Verbleibende linksliberale Kräfte werden ins extremistische Abseits gedrängt („Neo-Marxists“).

          Die Entdeckung: Justin Timberlake

          Eine auf Gezeitenkraft, Quantenverschränkung und drahtlose Stromübertragung gegründete neue Energieversorgungstechnik („Fluid Karma“) verspricht, die Weltordnungsfrage neu - und völlig anders als ihre Vorgängerin, die Erdölwirtschaft - auf die Tagesordnung zu setzen. Dabei hat Santaros, der diesen ganzen Wahnsinn mit seinen Schaufelbaggerhänden ordnen soll, viel persönlichere Probleme: Kaum findet er, mit schwerem Gedächtnisschaden, seinen Weg aus der Wüste zurück in die Zivilisation, muss er sich mit einer nach gesellschaftlicher Anerkennung lechzenden Pornodarstellerin (Sarah Michelle Gellar), die ebenso gerissen wie naiv ist, über die angemessene Tiefencharakteristik einer Frauenrolle im geplanten gemeinsamen Film „The Power“ herumstreiten: „Ozeanographische Katastrophenspezialistin!“ „Astrophysikerin!“ „Nein, ozeanographische Katastrophenspezialistin!“

          Die Situationskomik solcher Dialoge (man merkt der Regie eine tiefe Liebe zur in verzögerten Reaktionszeiten der Figuren aufgehobenen Slapstick-Konvention des „Slowburn“ an) verleiht den gelegentlichen Längen des sich auf Apokalyptisches zuwälzenden Handlungsgangs eine eigenartige, von Understatement gefütterte Würde. Aber dies ist, so kulinarisch man als Zuschauer damit umgehen kann, nicht das Entscheidende. Es ergänzt und schützt vielmehr nur die in zahllose solcher hübschen Details wie zwischen Styroporkügelchen erschütterungssicher verpackte melancholische Grundgestimmtheit der Figuren und ihres Erfinders - da schaut etwa ein junger Irak-Veteran (die verwirrendste, bezauberndste Entdeckung im ganzen Film: Justin Timberlake) sein Publikum plötzlich von der Leinwand aus an, als wüsste er bereits von all den posthistorischen Katastrophen, die wir noch werden erleben müssen, und singt mit lüsternem Grinsen, aber kummerdunklen Augen einen Song der „Killers“: „I got soul but I'm not a soldier.“

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