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„Body“ im Kino : Seelen hungern nach Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Jenseitige Wahrheiten über diesseitige Menschen: Die polnische Filmemacherin Malgorzata Szumowskas erzählt in „Body“ die Geschichten dreier Menschen in Warschau. Ein Film über Verluste, die einen fast zerreißen.

          Irgendwo in dem schmalen Körper von Olga steckt ein Schrei. Sie weiß es, aber sie findet und findet ihn nicht. Alles an ihr ist dazu angetan, das Leben herauszukotzen, und sie tut das auch immer wieder, wenn sie sich über die Toilette beugt und das bisschen Gegessene, zu dem sie sich überwindet, erbricht. Nur dieser Schrei, der etwas öffnen könnte, der steckt fest. Heraus kommt nur ein verschrecktes Krächzen.

          Olga ist in einer Gruppe bei der Therapeutin Anna. Die weiß, wie das geht. Anna hat ihren Schrei trainiert, als wäre er ein Muskel. Man würde nie denken, dass so eine sanfte Person so etwas hervorbringen kann. Aber das Leben ist ja auch sonst voller Abgründe, und der Körper ist nur das verletzliche Gefäß, mit dem wir unsere Seelen zu schützen versuchen. Eine schlechte Konstruktion, wenn man sie spontan beurteilen müsste. Doch sie ergibt bewegende Geschichten. Die polnische Filmemacherin Malgorzata Szumowska erzählt in „Body“ von drei Menschen in Warschau, von den Kreuzungspunkten ihrer Geschichten und von ihren je eigenen Leib-Seele-Problemen. Im Zentrum steht etwas, was sich nur indirekt zeigen lässt: Erfahrungen von Verlusten, die einen Menschen fast zerreißen könnten.

          Unglück in Sachverhalte zerlegt

          Olga hat einen Vater, den sie hasst, weil er noch da ist, und die Mutter ist tot. Dieser Janusz trauert auch, und zwar schon einige Jahre, aber er hat noch einen anderen Grund, sich gegen den Schmerz zu wappnen. Er arbeitet für die Staatsanwaltschaft, man ruft ihn, wenn wieder irgendwo etwas Schlimmes passiert ist. Zum Beispiel das tote Baby in der Bahnhofstoilette. Szumowska macht daraus eine mustergültige filmische Szene, denn wir sehen dieses Baby nie, wir sehen nur, wie Janusz es erblickt, wie er sich bemüht, professionell zu bleiben, wie er mit katalogisierenden Augen ein himmelschreiendes Unglück in Sachverhalte zerlegt. Als er fertig ist, kommt noch der Polizeifotograf und drückt ab. Aber auch dieses Bild bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen.

          Dass Janusz (Janusz Gajos, bekannt aus polnischen Klassikern von Andrzej Wajda oder Krzysztof Kieslowski) abends ein Hähnchen isst, dass er das tote Tier mit seinen Zähnen regelrecht vom Knochen reißt, das fasst Olga nicht. Sie hasst ihn dafür, dass er dick ist, dass er sich im Leben breitmacht, schnaufend und schlurfend, dass er in sich hineinfrisst und nicht aus sich herausgeht. Ein typischer Mann eben, und dann versteckt er sich auch noch hinter seiner Vernunft, hinter seiner Illusionslosigkeit.

          Versteckt hinter einer schweren Eisengittertür

          Zwischen die Rumpffamilie Olga und Janusz gerät Anna, die Therapeutin. Sie ist die wunderlichste Gestalt dieses Films, und die Schauspielerin Maja Ostazewska vergisst man nicht so schnell wieder. In Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ hatte sie ihren ersten Auftritt, dort als eine namenlose „frantic woman“. Hier hat sie alles Exaltierte eingezogen und aus Anna eine Frau gemacht, die leicht als Konstruktion durchschaubar ist. Das aber macht gerade den Reiz dieser Figur aus, die so gut helfen kann, sich selbst und ihr Schicksal aber hinter einer schweren Eisengittertür versteckt. Die Wohnung und das Bett teilt sie mit einem Hund, der so groß ist wie sie selbst. Wenn sie auf dem Heimweg nach der Arbeit durch einen Park geht, murmelt sie, wie großartig alles duftet – als müsste sie sich selbst zu erhöhter Lebensfreude anfeuern.

          Anna ist nicht nur Therapeutin, sie hat auch noch eine andere Begabung, eine, die Erlösung aus dem Leib-Seele-Zusammenhang verspricht. Als Medium kommuniziert sie mit Verstorbenen, rasend fliegt ihre Schrift über das Papier, wenn sie Botschaften empfängt. Mit dieser Idee versetzt Malgorzata Szumowska ihren eigenen Film so in Schwingung, dass er an manchen Stellen fast transparent wird, als wäre die Geschichte selbst das Medium für eine metaphysische Wahrheit. Dann aber setzt sich doch das wieder durch, was im Kino allein zählt: Das Sichtbare enthält die Signatur der Dinge.

          Bis auf ein, zwei entbehrliche Szenen, in denen „Body“ ein wenig auf die Sensationslust eines an allerlei krudes Zeug gewöhnten Weltkinopublikums spekuliert, ist dies ein klug komponierter, durchdachter, exzellent gespielter Film, der bei der Berlinale aus guten Gründen einen „Silbernen Bären“ für die beste Regie bekam. Herausragend ist das Ende, es setzt, wie das idealerweise ist, alles noch einmal in ein neues Licht: die drei Figuren in einer Konstellation, in der Anna wahrhaft, aber auf unerwartete Weise, zu einem Medium wird, so dass im Gesicht von Olga nicht mehr klar erkennbar ist, ob sie lacht oder gerade zu weinen beginnt. Ein Moment, in dem alles auf der Kippe steht und in dem das Leben leibhaftig und schmerzhaft zu leuchten beginnt.

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