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Filmfestival Cannes : Ein Fall von zu viel Schönheit

Der Schneidermeister weiß, wie man die Fäden einer Geschichte zusammenhält: Szene aus Hirokazu Kore-edas Wettbewerbsbeitrag „Broker“ Bild: Festival de Cannes

Geschichten kommen leicht in Gang, die Kunst besteht darin, sie in der Spur zu halten: Über Filme aus Südkorea, Frankreich und Belgien im Wettbewerb an der Croisette.

          3 Min.

          Nachts in Busan. Eine Frau legt ein Neugeborenes in einer Ba­byklappe ab. Zwei andere Frauen im Auto sehen ihr dabei zu. Hinter der Babyklappe sitzen zwei Männer. Einer der beiden, dem eine Schneiderei ge­hört, nimmt den Säugling mit zu sich. Die zwei Männer wollen das Baby an den Meistbietenden verkaufen. Der Schneidereibesitzer wird von Gangstern erpresst, denen er Geld schuldet. Dann kommt die Mutter des Kindes den beiden auf die Spur. Sie ist mit dem Verkauf einverstanden, will aber am Erlös beteiligt werden. Im Vorbeifahren erkennt sie einen der Erpresser.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist leicht, eine Geschichte in Gang zu bringen. Schwerer ist es, sie in der Spur zu halten. Jede falsche Bewegung führt ins Klischee. Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda schickt die Figuren seines Films „Broker“ auf eine Reise durch Südkorea ohne festes Ziel. Die drei fahren mit einem Minibus an der Küste entlang, um ein Käuferpaar für das Neugeborene zu finden, verfolgt von den Polizistinnen, die vor der Babyklappe ge­lau­ert haben. Unterwegs enthüllt jeder und jede von ihnen, was ihn und sie an­treibt, wonach sie sich sehnen, wovor sie sich fürchten. Das ist das Gesetz des Kinos. Oder besser: des guten Kinos. Denn was in den Zeiten der Studiofilme galt und auch die Werke der Rebellen gegen das System beflügelt hat, ist nicht mehr selbstverständlich. Viele Geschichten ha­ben einen An­fang und ein Ende, und dazwischen wird viel erklärt und wenig ge­zeigt. Auch in Cannes.

          „Danke, dass du geboren bist“

          Hirokazu Kore-eda aber beherrscht das Metier. Dass sein Film nicht auf ein Happy End zuläuft, ist von Beginn an klar. Dass er in eine Gangstertragödie mündet wie etwa der matte Wettbewerbsbeitrag „Nostalgia“ von Mario Martone, vermeidet der Regis­seur von „Broker“ mit viel Geschick. Er hält das Geschehen in der Schwebe, bis eine Lösung unvermeidlich wird. Auf dem Weg dorthin sammelt der Film Augenblicke und Orte ein, die ebenso zu seiner Er­zäh­lung gehören wie zur Welt da draußen. Ein Waisenhaus am Strand. Eine Hafenstadt. Ein Riesenrad in einem Freizeitpark. Einmal, als die Reisenden in Hotelbetten liegen, sagt jeder von ihnen zu den anderen: „Danke, dass du geboren bist.“ Technisch betrachtet ist das nur eine Drehbuchidee. Aber es gehört zu den Dingen, die man im Kino noch nicht gehört hat.

          Man wünschte sich, mehr Regisseure in Cannes hätten die inspirierte Professionalität eines Hirokazu Kore-eda. Etwa die Französin Claire Denis, die in „The Stars at Noon“ eine Amerikanerin und einen britischen Spion in einem mittelamerikanischen Militärstaat aufeinandertreffen lässt. Als wir Trish (Margaret Qualley) zum ersten Mal begegnen, ist es wie ein Moment aus einem Tarantino-Film, so schlafwandlerisch cool läuft sie auf die Kamera zu. Als Trish dem blonden Da­niel (Joe Alwyn) zum ersten Mal begegnet, ist es schon wie ein Bild aus einem jener Agentenfilme, die mit vielfarbigen Drinks ein schwarz-weißes Weltbild begießen. Von da an nimmt „The Stars at Noon“ bei jeder Wendung der Story die Kurve zum Belanglosen. Der Film will eine Liebesgeschichte vor politischem Hintergrund sein, aber was wir sehen, ist vor allem der Versuch, das Fehlen von Hintergründen durch Zurschaustellung nackter und knapp bekleideter Körper zu überdecken.

          Dass Claire Denis die Vorlage von Denis Johnson aus dem Nicaragua von 1984 in ein unklares Jetzt verlegt hat, in dem die Figuren mit Mobiltelefonen und Laptops hantieren, nimmt dem Geschehen endgültig jede Plausibilität. „The Stars at Noon“ war eine jener Enttäuschungen, die sich auf einem Festival nicht vermeiden lassen, wo man von großen Namen immer auch Großes erwartet. Dass der Tiefschlag ausgerechnet von Claire Denis kam, schmerzt dennoch. Ihr hätte man einen Preis in Cannes gegönnt.

          Zum Schluss eine Umarmung

          Der Belgier Lukas Dhont ist durch sein Regiedebüt „Girl“ bekannt geworden, das von der qualvollen sozialen und körperlichen Verwandlung eines Transmädchens erzählt. In Cannes zeigte er seinen zweiten Spielfilm „Close“. Zwei Jungen, Léo und Rémi, sind Freunde seit frühester Kindheit und gehen zusammen zur Schule. Ihre Um­ar­mun­gen, Spiele und Raufereien sind das, was man unschuldig nennt, aber als die Pu­ber­tät am Horizont auftaucht, ändert sich der Ton zwischen ihnen. Léo geht jetzt auf Distanz, er tritt einem Eishockeyverein bei, und auch der Körperkontakt zwischen den beiden wird rauer, gewalttätiger. Als Rémi die Gewalt gegen sich selbst kehrt, wird Léo von Schuldgefühlen zerrissen. Zuletzt vertraut er sich der Mutter seines Freundes an. Mit ihrer Umarmung endet der Film.

          Man sieht, dass Lukas Dhont seine Art des filmischen Erzählens bei den Dar­denne-Brüdern gelernt hat. Aber man sieht und hört auch, dass Dhont der Reduktion, die das Prinzip der Dardennes ist, nicht ganz traut. Sein Soundtrack trieft vor Pa­thos, seine Bilder schwelgen in Schönheit. „Close“ bleibt hinter den Möglichkeiten seiner Geschichte zurück, indem er sie zu sehr auskostet. Zum Glück gibt es im Wettbewerb an der Croisette auch noch ei­nen echten Dardenne-Film. Das Original.

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