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„Jupiter’s Moon“ im Kino : Ein Engel genügt nicht

Fliegen heißt leider nicht entkommen, in Syrien so wenig wie in Ungarn: Zsombor Jéger in Kornél Mundruczós Film „Jupiter’s Moon“. Bild: Proton Cinema/Match Factory Productions/KNM

Kornél Mundruczós neuer Film ist ein seltsamer Zwei-Stunden-Versuch, von Menschen zu erzählen, die keinen Ort haben. Am meisten beeindruckt an „Jupiter’s Moon“ ein simpler Einfall.

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          Ein Arzt fragt auf Ungarisch: „Wie heißt du?“ Der Angesprochene, ein Junge, dessen Kopf zuckt, weil sein ganzer Leib ihm weh tut, antwortet falsch: „Vater!“, in der Sprache, die man bei ihm daheim spricht, in Syrien. Der Junge müsste tot sein. Als er aufsteht, sieht der Arzt Einschusslöcher vorn in Brust und Bauch, Austrittslöcher hinten. Dann fängt der Junge an zu schweben. Der Film „Jupiter’s Moon“ ist ein seltsamer Zwei-Stunden-Versuch, von Menschen zu erzählen, die keinen Ort haben. Realistisch ist diese Übung in Phantastik, weil das Schicksal, nicht dahinzugehören, wo man ist, immer mehr Menschen einerseits trennt, andererseits zusammenzwingt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Nichts passt in diesem Film: weder der raffiniert fotografierte und orchestrierte Kitsch voller Hoffnung zum trockenen Sozialdrama, noch der ungeheuer wirksame, minimalistische Schauspielstil des großartigen Merab Ninidze, der den Arzt spielt, nicht zur herzzerreißenden Intensität des auf ganz andere Art genauso wirkungsvollen Zsombor Jéger, der den Jungen darstellt. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó hat vor vier Jahren mit „White God“ eine bemerkenswerte Sozialallegorie darüber ins Kino gebracht, dass der Mensch dem Menschen ein Hund ist, den er ohne Leine und Besitztitel nicht erträgt. Damals passte ästhetisch alles; selbst die Hunde beeindruckten mit Ausdrucksleistungen, für die Zweibeiner lange üben müssen.

          Dass Mundruczó, der „Jupiter’s Moon“ auf der Grundlage eines gemeinsam mit der Dramatikerin Kata Wéber verfassten Drehbuchs inszeniert hat, sich auf der seinerzeit erreichten Höhe der Meisterschaft nicht ausruht, sondern sein Können in große Unstimmigkeiten wirft, um dort eine von glatterer Kunst nicht erreichbare Wahrheit zu bergen, ehrt ihn. Am meisten beeindruckt an „Jupiter’s Moon“ ein simpler Einfall: Der Film kontert die Bilder, die in fremdenfeindlichen Köpfen nisten, nicht mit visueller Widerrede, sondern nimmt sie alle für voll: Ja, das sieht aus wie eine Invasion an der Grenze, ja, da kommen hauptsächlich junge Männer, ja, die schauen hiesigen Frauen auf die Körper, ja, unter denen, die den Ankömmlingen hier helfen, sind Gauner, Heuchler und Profiteure, ja, auch Terroristen kommen so ins Land – und dann schält sich aus alledem die Frage: Wenn man weiß, was geschieht, gibt es dann nicht immer noch mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen? Menschen sind essbar, aber daraus folgt ja auch nicht zwingend, dass Hungerprobleme mittels Kannibalismus zu lösen wären.

          Phantastische Kunst kann das gestalten, während Realismus hier passen muss. Einmal fragt der Arzt: „Wenn noch nie jemand einen Engel gesehen hat, wieso stellen wir sie uns dann vor, wieso steht etwas über sie in der Bibel? Ein einziger würde als Beweis genügen.“ Eben nicht. Mundruczós Film beweist nichts, sondern endet als inkongruente Mischung aus Krimi-Showdown, Passionsspiel und Science-Fiction. Niemand sieht erlöst aus, alle staunen. Wer könnte je sicher sein, sich am richtigen Ort zu befinden?

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