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Ein Ausflug an die Atlantikküste : Erinnerungen an Albertine

Wie bitte, „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“? Drollig! Lou Alvarez als Albertine Bild: Luana Rossi/dapd

Julie Delpy beweist mit „Familientreffen mit Hindernissen“ ihr filmisches Gespür. Ohne Aufregung inszeniert sie eine leichte Reise in den Sommer von 1979.

          Am Anfang fahren, nach einem Prolog im Zug, so viele Autos vor dem kleinen Haus an der bretonischen Küste vor, dass es eine Weile dauert, bis man sich in dem Wirrwarr von Stimmen und Gesichtern zurechtfindet. Dann lichtet sich allmählich der Nebel, und man erkennt, dass es auch in Julie Delpys „Familientreffen“ im Grunde um zwei Gruppen geht: um jene, die ein Leben nach Fahrplan führen, und die anderen, die sich vom Wind treiben lassen; die Bourgeois und die Bohemiens. Und um die, die im Niemandsland dazwischen stehen, die Neulinge des Schicksals, die Kinder.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Le Skylab“ heißt der Film im Original, weil er im Juli 1979 spielt, als das Skylab der Amerikaner auf die Erde stürzte. Bei Louis Malle, der vor zwanzig Jahren in seiner „Komödie im Mai“ fast die gleiche Geschichte erzählt hat, war es der Mai 68, der die Familienverhältnisse durcheinander- oder vielmehr erst richtig ins Lot brachte. Jetzt ist es nur eine vage Drohung, die sich am nächsten Morgen in den Fernsehnachrichten schon wieder verflüchtigt. Aber immerhin hat das Skylab für eine Nacht den Himmel verzaubert, unter dem das Mädchen Albertine mit ihrem Schwarm Mathieu getanzt und ihr Cousin im Gartenzelt Gespenstergeschichten zum Besten gegeben hat.

          Auch das gehört zum Familientreffen: die ganze Sippe versammelt sich zum Gruppenbild

          Gespenstisch wirken auch die Erwachsenen, wenn man sie mit dem Blick der Kinder betrachtet, wie es Delpy und ihr Kameramann Lubomir Bakchev streckenweise tun, bevor sie wieder in die Perspektive der Älteren zurückfallen. Man kann dem Film dieses unentschiedene Wechselspiel vorwerfen, aber andererseits gewinnt er einige seiner stärksten Momente aus der Gegenüberstellung der beiden Wahrnehmungen.

          Etwa der abgebrühten Betulichkeit, mit der die Erwachsenen, und der fröhlichen Neugier, mit der die Kinder auf Hubert (Albert Delpy) reagieren, den Idioten der Familie, der dort steht, wo bei Malle Michel Piccoli gestanden hat, im Zentrum des Geschehens und zugleich an seinem blinden Fleck. Als Hubert versucht, sich im Schafstall mit einem Gummischlauch zu erhängen, sind es die Kinder, die ihm wieder auf die Beine helfen, ohne Tränen und Geschrei. Die Szene spielt hart am Klamauk, aber so beiläufig, wie Delpy sie inszeniert, passt sie haargenau in diesen Film, in dem alles Tragische untergeht im Tableau.

          Eine starke Folge banaler Momenten

          1979, das ist das Jahr, in dem sich die vereinigte Linke auf die Machtübernahme vorbereitet, die ihr durch Mitterrands Sieg zwei Jahre später glücken wird, das Jahr, in dem sich Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ mit Coppolas „Apocalypse Now“ die Goldene Palme von Cannes teilt. Beides kommt im Film vor, so wie auch die Frauenbewegung, der Algerienkrieg und die sexuelle Revolution angetippt werden, ohne das Geschehen in eine eindeutige Richtung zu ziehen. Die Stärke des französischen Kinos liegt darin, dass es Dinge in der Schwebe halten kann, die in einem deutschen Film längst krachend heruntergekommen wären, und dass es dazu keine wild fuchtelnde Handkamera braucht, sondern nur den Charme und die Virtuosität seiner Akteure.

          Alle kriegen ihren Auftritt, die Straßenkünstler und die Ex-Soldaten, die tapferen Emanzen und die frustrierten Ehefrauen, der Staubsaugervertreter, der sein neues Modell vorführen darf, und die Oma (Bernadette Lafont), um deren Geburtstag sich hier eigentlich alles dreht. Sie habe eine Geschichte erzählen wollen, die kaum dramatische Elemente enthalte, hat Julie Delpy erklärt, eine Folge von banalen Momenten, „mit denen man die stärksten Dinge ausdrücken kann“. Damit hat sie das Genre auf den Punkt gebracht, zu dem „Le Skylab“ gehört. Nur die Rahmenhandlung, in der die erwachsene Albertine (Karin Viard) für ihre Familie Sitzplätze im Zug zu ergattern versucht und dabei auf die Anspruchshaltung der anderen Fahrgäste trifft, wirkt angestrengt und gerade deshalb ausdruckssschwach. Man könnte auf diesen Rahmen glatt verzichten. Aber nicht auf den Film.

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