https://www.faz.net/-gqz-otxx

Eichingers Hitler-Film : Wer war Traudl Junge?

  • -Aktualisiert am

Tippen für Hitler: Alexandra Maria Lara als Traudl Junge Bild: AP

Sie hat es sich nie bequem gemacht im Verschweigen der Sympathie für ihren „besten Chef“: Auf den Spuren von Hitlers Sekretärin Traudl Junge, deren Erinnerungen den Film „Der Untergang“ prägen.

          Drei junge Frauen liegen am Ufer des Ammersees, sie haben Eis gegessen und grinsen jetzt, an diesem schönen Sommertag 1940, übermütig ins Objektiv. Inge ist Tänzerin und wird später nach Australien auswandern, ihre Schwester Traudl wird Hitlers Sekretärin werden, und Ulla, die Schönste, wird das Foto in ein Album kleben und es vierundsechzig Jahre später einem Journalisten zeigen, beim Frühstück in ihrem Häuschen am Ammersee. Auf ihrem Tisch liegt die aufwendig gestaltete Einladung zur Premiere von "Der Untergang", dem Film, von dem das ganze Land spricht und den es ohne ihre Freundin Traudl nicht gegeben hätte.

          Wenn man sich auf den Spuren von Traudl Junge bewegt, dann verschwimmen die Epochengrenzen, alle Zeiten zoomen ineinander und verlieren sich wieder. Daß die Vergangenheit nicht tot ist, ja, nicht einmal vergangen, das ist ein Zitat von Faulkner; es ist auch die Moral von Traudl Junges Buch "Bis zur letzten Stunde", diesem Produkt einer lebenslangen Leidensgeschichte mit einem einzigartigen Mut zur historischen Wahrheit, auch da, wo sie die Zeitzeugin selbst belastet.

          Fünfundzwanzig Jahre alt war Traudl Junge bei Kriegsende, aber was sie in den wenigen Monaten von Dezember 1942 bis April 1945 erlebt hat, wird sie ihr Leben lang nicht mehr zur Ruhe kommen lassen: der Zwiespalt zwischen dem Horror der Naziverbrechen und dem Wohlbehagen in Hitlers Gegenwart.

          Ihr „bester Chef“

          "Das war eben ein Mann, den sie zutiefst mochte. ,Er war mein bester Chef', sagte sie immer", erinnert sich ihre Koautorin, die Historikerin Melissa Müller. Melissa Müller wurde 1967 geboren und mit einem Buch über Anne Frank bekannt. Dann suchte sie eine neue Herausforderung, etwas, das "mehr in die Grauzone" der Nazizeit hineinreicht, wo Täter und Opfer nicht mehr so leicht zu unterscheiden sind. Das führte sie auf die Spur von Traudl Junge, und man kann wohl feststellen, daß sie alle Grautöne fand, die sie suchte, und noch viele mehr.

          Traudl Junge auf einem undatierten Foto

          Am Beginn dieser Studien in Grau steht das tiefste Schwarz: Gibt es in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein obszöneres Gefühl als tiefe Sympathie für Adolf Hitler? Und was macht eine Frau, die so empfunden hat und später, in voller Kenntnis und Abscheu seiner Verbrechen, nicht lügen, nicht schweigen, sondern mit der Wahrheit aufklären will? Sie zerbricht daran. Ulla, ihre beste Freundin, sagt es in der unverblümten Sprache, die sich nur beste Freundinnen erlauben: "Traudl hat jahrzehntelang nur mit Psychopharmaka überlebt."

          Keine Vorwürfe, keine Bemerkungen

          Untereinander haben sie wenig über ihre Zeit mit Hitler geredet. Ullas Mann, Sohn eines jüdischen Vaters, war nach dem Krieg Rechtsanwalt und hat Restitutions- und Schadensersatzverfahren von NS-Opfern geführt. Er hatte viel zu tun: "Es war, als wollte er all das Unrecht an den Juden in Prozessen wiedergutmachen. Er kam jahrelang nie vor Mitternacht nach Hause. Ich frage mich, wann wir eigentlich unsere Kinder gezeugt haben." Traudl Junge arbeitete zeitweise in der Kanzlei, wurde von der Familie finanziell unterstützt, aber es gab keine Vorwürfe, keine Bemerkungen darüber, daß es ihr früherer Chef war, dem das ganze Elend zu verdanken ist. "Sie hat es sich schon allein schwer genug gemacht."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vorwürfe im Vorwahlkampf : Trumps zwielichtiges Telefonat

          Donald Trump soll den ukrainischen Präsidenten aufgefordert haben, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen Konkurrenten Joe Biden anzuschieben. Ging es auch um die Erpressung mit amerikanischen Finanzhilfen?
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.