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Dustin Hoffman im Gespräch : Als man mich für mein Lebenswerk lobte, wurde ich depressiv

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Es erfordert Mühe, dorthin zu kommen, wo es mühelos wird: Dustin Hoffman, Jungregisseur Bild: dapd

Als Schauspieler hat der 1,66 Meter große Gigant alles gegeben, nun wagt er einen Neuanfang als Regisseur: Für eine Bilanz fühlt sich Dustin Hoffman eindeutig noch zu jung. Ein Gespräch.

          Wissen Sie noch, wie und wann Ihr Berufswunsch geweckt wurde?

          Ich bin Schauspieler geworden, weil ich ein totaler Versager war. Das schwarze Schaf der Familie. Im Gegensatz zu meinem Bruder, einem Einser-Schüler und Baseball-Crack, brachte ich nur miserable Noten nach Hause. Ich ging aufs Konservatorium, weil meine Eltern hofften, ich hätte das Talent zum Konzertpianisten, doch sie irrten sich. Ich versuchte, ins Jazzfach zu wechseln, aber es stellte sich heraus, dass ich auch dafür nicht gut genug war. Ich schrieb mich am städtischen College ein - und rasselte dort ebenfalls durch sämtliche Prüfungen. Schließlich gab mir ein Freund den Tipp, einen Schauspielkurs zu belegen: „Da fällt niemand durch“, sagte er. Und siehe da: Es fiel mir leicht, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Endlich fühlte ich mich zu etwas nütze. Ich habe quasi meine eigene Identität gefunden, indem ich fremde Identitäten angenommen habe.

          Stimmt es, dass Sie seit Ihrem Schauspielstudium mit Gene Hackman und Robert Duvall befreundet sind?

          Ja. Hackman hatte ich schon in meinem ersten Semester in Kalifornien kennengelernt; als er seine Ausbildung in New York fortsetzte, folgte ich ihm und schlief drei Wochen lang in seinem Zimmer auf dem Fußboden, ehe er mich als WG-Partner an seinen Kumpel Duvall vermittelte. Zehn Jahre lang zogen wir drei gemeinsam um die Häuser und versuchten vergeblich, von unserem Beruf zu leben. Stattdessen musste ich die meiste Zeit kellnern, Duvall schob Nachtschichten auf dem Postamt, und Hackman schleppte als Möbelpacker Kühlschränke treppauf und treppab. Wir vegetierten am Rande des Existenzminimums dahin, doch wir hatten das Gefühl, in Würde zu scheitern, unsere Schauspielerfreunde waren ebenfalls arbeitslos. Unser größtes Ziel war ein festes Engagement an einem Off-Broadway-Theater. Wenn uns damals jemand prophezeit hätte, wir würden eines Tages Filmstars werden, dann hätten wir nur schallend gelacht.

          Wieso? Weil Sie glaubten, Sie wären nicht gut genug?

          Nein, weil Filmstars damals so aussahen wie James Dean oder Robert Redford. Wir hingegen galten als „Charakterdarsteller“ - soll heißen: Wir waren zu hässlich für Heldenfiguren in Hollywood. Nie hätte ich gedacht, dass ein kleiner, schmächtiger Jude mit einer so riesigen Nase wie ich jemals eine Kinohauptrolle spielen würde. Doch dann engagierte mich Regisseur Mike Nichols für „Die Reifeprüfung“ - und von da an änderte sich alles. Man hielt ihn für verrückt und mich für eine Fehlbesetzung, aber ich wurde über Nacht berühmt und fortan mit Angeboten überschüttet. Noch immer habe ich Angst davor, dass ich eines Tages aufwache und ein Arzt mir erklärt, ich sei ein arbeitsloser Schauspieler, der fünfzig Jahre lang im Koma gelegen habe. Meine Karriere kommt mir wie ein Traum vor. Ein Traum mit einer fatalen Kehrseite.

          Inwiefern?

          Der Erfolg versaut dich. Es gibt kein Entrinnen: Du wirst unweigerlich korrumpiert. Wenn man einmal vom Ruhm gekostet hat, dann will man immer mehr davon. Wir alle wollen geliebt werden - und dafür zahlen wir einen Preis: Wir beginnen, Kompromisse einzugehen. Salvador Dalí hat es sogar zugegeben: Nachdem er herausgefunden hatte, was die Leute von ihm wollten, hat er es ihnen immer wieder geboten. Der Erfolg ist verführerisch. Er schmeichelt der Eitelkeit, die in jedem von uns steckt und sich extrem schwer kontrollieren lässt. Deshalb fragen Männer ja auch nach dem Sex: „War ich gut?“

          Haben Sie das etwa auch schon gefragt?

          Aber natürlich! Auch ich habe eine gehörige Portion Eitelkeit abbekommen. Und Agenten und Manager, die nach meinem kometenhaften Aufstieg plötzlich an meiner Seite waren, kitzelten diese Eitelkeit. Wenn ich etwa andeutete, dass ich ein bestimmtes Filmangebot gern annehmen wollte, weil ich die Rolle großartig fand, dann sagten sie: „Nein, du musst das ablehnen. Man bietet dir nicht genug Gage. Du darfst dich nicht unter Wert verkaufen!“ Oder: „Du musst darauf bestehen, dass dein Name im Vorspann als erster genannt wird! Das erhöht deinen Wert bei den nächsten Verhandlungen.“ Solche Sätze fressen sich langsam in dein Unterbewusstsein. Sie vergiften dich. Irgendwann sitzt du im Kino und siehst, wie dein Name in riesengroßen Lettern noch vor dem Filmtitel auf der Leinwand erscheint. Und du denkst: „Wow!“

          Da hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass der Erfolg Sie verdorben hat?

          Nein, das habe ich erst später bemerkt. Ich versuchte jahrelang, mir ein hohes Ethos zu erhalten; ich schlug eine Menge Blockbuster-Angebote aus, weil ich sie für Schrott hielt, und drehte stattdessen „Asphalt-Cowboy“, obwohl jeder meinte: „Du kannst doch als großer Star nicht mehr so eine kleine Rolle annehmen!“ Aber dann verliebte ich mich in eine Ballerina, wir wurden ein Paar, schmiedeten Pläne für unsere Zukunft, und mein Manager legte mir ein lukratives Filmprojekt ans Herz. Ich sagte: „Du spinnst wohl - das Drehbuch ist ja fürchterlich!“ Und er: „Von der Gage für diesen Film kannst du euch beiden das Stadthaus kaufen, von dem du immer geträumt hast.“ Peng! Da hat es mich erwischt: Vorbei war es mit meiner Integrität.

          Um die Jahrtausendwende sind Sie für mehrere Jahre völlig von der Leinwand verschwunden. Wo waren Sie da?

          In einer Krise. Der Preis des Amerikanischen Filminstituts für mein Lebenswerk löste bei mir eine Depression aus. Ich dachte: „Jetzt ist alles vorbei, und du hast noch gar nicht richtig gelebt!“ In den Jahren zuvor hatte ich ein paar Filme gedreht, mit denen ich sehr unzufrieden war. Die Angebote, die ich bekam, kotzten mich an. Als Darsteller jenseits der fünfzig kommt man meist nur noch für Nebenrollen in Betracht - und die tendieren nun einmal dazu, nicht besonders vielschichtig zu sein. Schließlich erkannte ich, dass ich meine bisherigen Auswahlkriterien über Bord werfen musste. Seitdem ist es mir schnurz, wie groß oder bedeutsam eine Rolle ist. Es kommt mir nur noch darauf an, ob ich mit den betreffenden Leuten arbeiten will oder nicht.

          Heißt das, Sie spielen notfalls auch in schlechten Filmen mit?

          Ja. Soll ich stattdessen etwa zu Hause herumsitzen? Nein, dann werde ich zappelig. Entspannen, locker lassen, einfach nur leben - das ist mir nie leichtgefallen. Wenn ich nichts zu tun habe, komme ich mir vor wie ein Versager. Besonders schwierig ist es im Urlaub. Ich denke: „Du musst etwas tun! Mach dir wenigstens ein paar Notizen!“ Es ist, als ob ich von einer unsichtbaren Peitsche angetrieben würde. Gestern, als ich hier in San Sebastián für mein OEuvre ausgezeichnet wurde und aus diesem Anlass auf mein Leben zurückblickte, wurde mir eine Tatsache bewusst: Richtig wohl gefühlt habe ich mich immer nur, wenn ich vor der Kamera oder auf der Bühne stehen durfte.

          Hängt es mit den ausbleibenden Rollenangeboten zusammen, dass Sie nun mit „Quartett“ im Rentenalter noch Ihre Reifeprüfung als Regisseur abgelegt haben?

          Nein. Schon als Schauspielschüler wollte ich Regie führen. Damals habe ich gern Kommilitonen geholfen, Szenen einzustudieren, und bekam oft zu hören: „Dustin, du solltest Regisseur werden!“ Ich traute mich indes nicht, die Schauspielerei aufzugeben - das hätte sich wie ein erneutes Scheitern angefühlt. Ende der siebziger Jahre produzierte ich den Film „Stunde der Bewährung“, an dessen Drehbuch ich mitgearbeitet hatte und bei dem ich Regie führen sollte. Doch wir hatten keinen Monitor, auf dem man das gefilmte Material begutachten konnte, und ich war nach jeder Szene völlig verunsichert: War das jetzt gut oder nicht? Nach drei Tagen warf ich als Regisseur das Handtuch. Diese Entscheidung habe ich später sehr bereut. Aber wir alle haben Dämonen in uns, und manchmal dauert es eben lange, bis wir sie besiegen.

          Woher kamen diese Dämonen? Aus Ihrer Kindheit?

          Vermutlich. Mein Vater hatte selbst Regieambitionen, brachte es in Hollywood jedoch nur zum Requisiteur. Irgendeine teuflische Stimme in meinem Hinterkopf hat mir offenbar jahrzehntelang eingeflüstert, ich sollte bei meinen Leisten bleiben und lieber nicht versuchen, meinen Vater zu übertrumpfen. Als ich das Drehbuch zu „Quartett“ las, kamen mir die Tränen, und ich war davon überzeugt, der richtige Regisseur für dieses Projekt zu sein. Meine Frau und meine Agentin hatten allerdings bis zum Schluss Angst, ich könnte im letzten Moment wieder abspringen. Sie nahmen mich in die Zange und beschworen mich: „Diesmal kneifst du nicht!“

          Was war Ihnen bei der Inszenierung des Films besonders wichtig?

          Die schlimmsten Fehler zu vermeiden, die ich bei anderen Regisseuren beobachtet hatte. Viele frickeln stundenlang herum, um einen Ort perfekt auszuleuchten, holen dann die Schauspieler hinzu und erwarten, dass die Szene beim ersten Versuch im Kasten ist. Wenn man um eine Wiederholung bittet, weil man sicher ist, dass man seinen Part noch besser hinbekommt, heißt es: „Nein, keine Zeit, wir müssen die nächste Szene ausleuchten.“ Ich finde es katastrophal, Darsteller lediglich als Handlanger zu missbrauchen. Für mich lautet die oberste Regel am Set: Der Schauspieler hat immer recht. Er verfügt über ein Gespür für Wahrhaftigkeit. Wenn etwas nicht funktioniert, ist es nicht seine Schuld - dann muss man die Szene so verändern, dass er sich wohl fühlt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein Akteur dann am besten ist, wenn er sich nicht anstrengen, verbiegen und krampfhaft „spielen“ muss. Aber es erfordert oft Mühe, um dahin zu kommen, wo es mühelos wird!

          Ihr Film suggeriert, dass die Kunst uns erstens zu besseren Menschen und zweitens unsterblich machen kann. Glauben Sie das auch?

          Nein, das bezweifle ich. Unter den Künstlern gibt es einen Haufen Kotzbrocken - denken Sie nur daran, wie schäbig Picasso seine Frauen behandelt hat. Und dass wir durch unsere Kunst unsterblich werden, bleibt wohl auch ein Wunschtraum. Wenn ich meinen Kindern von einem Schauspieler erzähle, der einst weltberühmt war, muss ich meistens feststellen, dass sie dessen Namen noch nie gehört haben. Arthur Miller fand ein schönes Bild für unsere zum Scheitern verurteilte Sehnsucht nach Unsterblichkeit: „Wir denken, wir würden unseren Namen in Stein meißeln, doch wir schreiben ihn nur an einem heißen Tag auf eine Torte aus Eis.“

          Was treibt Sie dann noch an, Filme zu drehen?

          In meinem Alter gibt es nur zwei Möglichkeiten - entweder man zieht sich aufs Altenteil zurück, was bedeuten würde, dass man verkümmert und verdorrt, oder man sagt: Das ist ein neuer Anfang! Mein Hauptdarsteller Billy Connolly hat das Thema von „Quartett“ auf den Punkt gebracht: „Sieh zu, dass du nicht vor deinem Tod abstirbst!“ Dein Körper mag zwar im Lauf der Zeit in seiner Beweglichkeit eingeschränkt werden - doch im gleichen Maße kann dein Geist sich ausdehnen. Nachdem wir wissen, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, wäre es bescheuert, auch nur eine Minute davon zu vergeuden. Für mich ist das Leben eine Art Wettstreit mit Gott: „Sei mal nicht so sicher, dass du mich so früh aufhalten kannst! Ich werde mich nicht kampflos ergeben!“

          Soll das heißen, dass Sie so lange weitermachen, bis Sie tot umfallen?

          Das wäre jedenfalls ganz nach meinem Geschmack. Meine jüngste Tochter möchte, dass ich ihren fünfzigsten Geburtstag noch erlebe. Ich muss also mindestens hundert Jahre alt werden. Und ich habe nicht vor einzurosten. Meine Vorbilder sind Künstler wie Picasso, der mit über neunzig Jahren noch malte, oder Buñuel, der mit über achtzig noch inszenierte, oder mein Freund Sam, der mit über siebzig noch masturbierte. Als der göttliche Komiker George Burns neunzig wurde, wollte man von ihm wissen, ob er denn immer noch Sex habe. Er bejahte, und man fragte ihn: „Wie fühlt sich das an?“ Er entgegnete trocken: „Haben Sie je versucht, mit einem Seil Billard zu spielen?“

          Und Sie? Haben Sie das Seil-Stadium schon erreicht?

          Nein. So weit, so gut! Ich danke meinem Schöpfer dafür, dass ich nach wie vor unter Akne leide - denn das bedeutet, dass ich auch noch ein paar Spritzer Testosteron in petto habe. Als Jugendlicher habe ich Akne gehasst, doch jetzt sage ich: „Bleibt bei mir, liebe Pickel!“ Noch Fragen?

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