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Dustin Hoffman im Gespräch : Als man mich für mein Lebenswerk lobte, wurde ich depressiv

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Da hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass der Erfolg Sie verdorben hat?

Nein, das habe ich erst später bemerkt. Ich versuchte jahrelang, mir ein hohes Ethos zu erhalten; ich schlug eine Menge Blockbuster-Angebote aus, weil ich sie für Schrott hielt, und drehte stattdessen „Asphalt-Cowboy“, obwohl jeder meinte: „Du kannst doch als großer Star nicht mehr so eine kleine Rolle annehmen!“ Aber dann verliebte ich mich in eine Ballerina, wir wurden ein Paar, schmiedeten Pläne für unsere Zukunft, und mein Manager legte mir ein lukratives Filmprojekt ans Herz. Ich sagte: „Du spinnst wohl - das Drehbuch ist ja fürchterlich!“ Und er: „Von der Gage für diesen Film kannst du euch beiden das Stadthaus kaufen, von dem du immer geträumt hast.“ Peng! Da hat es mich erwischt: Vorbei war es mit meiner Integrität.

Um die Jahrtausendwende sind Sie für mehrere Jahre völlig von der Leinwand verschwunden. Wo waren Sie da?

In einer Krise. Der Preis des Amerikanischen Filminstituts für mein Lebenswerk löste bei mir eine Depression aus. Ich dachte: „Jetzt ist alles vorbei, und du hast noch gar nicht richtig gelebt!“ In den Jahren zuvor hatte ich ein paar Filme gedreht, mit denen ich sehr unzufrieden war. Die Angebote, die ich bekam, kotzten mich an. Als Darsteller jenseits der fünfzig kommt man meist nur noch für Nebenrollen in Betracht - und die tendieren nun einmal dazu, nicht besonders vielschichtig zu sein. Schließlich erkannte ich, dass ich meine bisherigen Auswahlkriterien über Bord werfen musste. Seitdem ist es mir schnurz, wie groß oder bedeutsam eine Rolle ist. Es kommt mir nur noch darauf an, ob ich mit den betreffenden Leuten arbeiten will oder nicht.

Heißt das, Sie spielen notfalls auch in schlechten Filmen mit?

Ja. Soll ich stattdessen etwa zu Hause herumsitzen? Nein, dann werde ich zappelig. Entspannen, locker lassen, einfach nur leben - das ist mir nie leichtgefallen. Wenn ich nichts zu tun habe, komme ich mir vor wie ein Versager. Besonders schwierig ist es im Urlaub. Ich denke: „Du musst etwas tun! Mach dir wenigstens ein paar Notizen!“ Es ist, als ob ich von einer unsichtbaren Peitsche angetrieben würde. Gestern, als ich hier in San Sebastián für mein OEuvre ausgezeichnet wurde und aus diesem Anlass auf mein Leben zurückblickte, wurde mir eine Tatsache bewusst: Richtig wohl gefühlt habe ich mich immer nur, wenn ich vor der Kamera oder auf der Bühne stehen durfte.

Hängt es mit den ausbleibenden Rollenangeboten zusammen, dass Sie nun mit „Quartett“ im Rentenalter noch Ihre Reifeprüfung als Regisseur abgelegt haben?

Nein. Schon als Schauspielschüler wollte ich Regie führen. Damals habe ich gern Kommilitonen geholfen, Szenen einzustudieren, und bekam oft zu hören: „Dustin, du solltest Regisseur werden!“ Ich traute mich indes nicht, die Schauspielerei aufzugeben - das hätte sich wie ein erneutes Scheitern angefühlt. Ende der siebziger Jahre produzierte ich den Film „Stunde der Bewährung“, an dessen Drehbuch ich mitgearbeitet hatte und bei dem ich Regie führen sollte. Doch wir hatten keinen Monitor, auf dem man das gefilmte Material begutachten konnte, und ich war nach jeder Szene völlig verunsichert: War das jetzt gut oder nicht? Nach drei Tagen warf ich als Regisseur das Handtuch. Diese Entscheidung habe ich später sehr bereut. Aber wir alle haben Dämonen in uns, und manchmal dauert es eben lange, bis wir sie besiegen.

Woher kamen diese Dämonen? Aus Ihrer Kindheit?

Vermutlich. Mein Vater hatte selbst Regieambitionen, brachte es in Hollywood jedoch nur zum Requisiteur. Irgendeine teuflische Stimme in meinem Hinterkopf hat mir offenbar jahrzehntelang eingeflüstert, ich sollte bei meinen Leisten bleiben und lieber nicht versuchen, meinen Vater zu übertrumpfen. Als ich das Drehbuch zu „Quartett“ las, kamen mir die Tränen, und ich war davon überzeugt, der richtige Regisseur für dieses Projekt zu sein. Meine Frau und meine Agentin hatten allerdings bis zum Schluss Angst, ich könnte im letzten Moment wieder abspringen. Sie nahmen mich in die Zange und beschworen mich: „Diesmal kneifst du nicht!“

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