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Drehverbot für Risikogruppen : Zu alt für den Film?

  • -Aktualisiert am

Harrison Ford (rechts) mit Ryan Gosling in „Blade Runner 2049“ Bild: AP

Weil Menschen über sechzig Jahre zur Risikogruppe für Corona-Infektionen zählen, sollen Drehbücher jetzt so umgeschrieben werden, dass Schauspieler in diesem Alter gar nicht mehr vorkommen. Aber wollen wir wirklich auf Helen Mirren, Judi Dench und Harrison Ford verzichten?

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          Auch wenn Harrison Ford sich erst neulich wieder mit seinem Flugzeug auf die falsche Startbahn verirrte, darf er trotz seines Alters weiterhin fliegen. So sehr wir uns aus naheliegenden Gründen daher wünschen, ihm im wirklichen Leben niemals auf einem Flughafen zu begegnen, so bedauerlich wäre es, wenn den Siebenundsiebzigjährigen das Spielverbot im Film erreicht – kein ergrauter Indiana Jones (Teil 5, ja, so alt sind wir mit ihm geworden) mehr, wie angekündigt?

          Im Film geht derzeit die Sorge vor einer drastischen, wenngleich unfreiwilligen Verjüngungskur um, worauf die Schauspielerin Renan Demirkan aufmerksam macht. Da Menschen von sechzig Jahren an zur Risikogruppe von Covid-19 zählten, würden deren Rollen aus den Drehbüchern herausgeschrieben. Das finanzielle Risiko im ohnehin teuren Filmgeschäft wäre zu hoch. Doch stellen wir uns das nur einmal vor: Keine Filme mehr mit Helen Mirren und ihren eleganten Charakterstudien? Keine Hannelore Hoger mehr mit ihrem rauhen Charme? Keine Judi Dench, kein Peter Simonischek, kein John Malkovich? Nicht nur würde ein ganzes Genre, die Seniorenfilme, verschwinden, aus dem so hervorragende Dramen wie „Best Exotic Marigold Hotel“ ebenso hervorgegangen sind wie überflüssiges Blödelkino à la „Sein letztes Rennen“.

          Ohne die Alten, Michael Caine, Dustin Hoffman, Robert Redford, Meryl Streep, würde einer ganzen Generation das filmische Gesicht genommen. Welche Geschichten würden daraus hervorgehen, wenn sie auf der Leinwand nur noch am Telefon oder via Bildschirm in Erscheinung treten darf? Man mag nicht glauben, dass es soweit kommt. Zumal, wenn man an einem gewöhnlichen Abend öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut: Die erzählten Geschichten sind für die betagte Zielgruppe gemacht. Die meistgesehene Serie hierzulande heißt „Um Himmels Willen“ und wird seit 2002 wöchentlich ausgestrahlt. Sie erzählt von einer streitlustigen Nonne und einem zänkischen Bürgermeister irgendwo im Niederbayerischen – sie wird von Jutta Speidel gespielt, 66 Jahre alt, er von Fritz Wepper, 78 Jahre. Das wird sich die ARD nicht nehmen lassen, und schaut ganz sicher auch künftig lieber alt aus.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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