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Filmfestival Venedig : Ein Zeugnis von Können und Schönheit

  • -Aktualisiert am

George MacKay spielt die Hauptrolle in „Bypass“, einem der Höhepunkte der Seitensektion „Orizzonti“ beim Filmfestival von Venedig. Bild: Filmfestival Venedig

Der Regisseur Duane Hopkins verschmäht kein Kunstmittel, um uns die Armut nahezubringen. Sein Film „Bypass“ ist ein Glanzlicht des Festivals. Im jungen George MacKay hat er einen Hauptdarsteller, der bis auf Haaresbreite brilliert.

          3 Min.

          Unterm Autobahnzubringer stehen ist wie in der Eiswüste stehen. Die Menschen haben die Welt in eine zweite Wildnis verwandelt, die sich für Menschen noch weniger interessiert als die erste, natürliche. Tim, gehetzt, bleich, mit Schatten von Pubertätsakne und Zeichen einer lebensbedrohlichen Krankheit um die Augen, steht unterm Autobahnzubringer und sieht einen Fuchs. Eben noch hat er einen blutbesudelten Menschen am Boden liegen gesehen. Tim hat dem Menschen nicht geholfen; der Fuchs hilft Tim nicht: Gleichgewicht der Indifferenz.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Tim wird Vater, Tim ist zu jung, Tim bringt seine Schwester und sich mit Einbrüchen durch, weil keine Eltern da sind und der ältere Bruder Greg auf Bewährung mit einer elektronischen Fessel am Körper nicht viel tun kann, was Geld bringt. Die Tür der Wohnung, in der Tim und seine Schwester hausen, muss stets fest verschlossen sein, sonst holen sich Gläubiger, was nicht festgenagelt ist. Der Film, der all das zeigt, heißt „Bypass“, was nicht nur „Umweg“ bedeutet. Es geht um Armut, obwohl diese Armen Fernseher haben und Handys und Schlafplätze.

          Schön inszenierte Unerträglichkeit

          Was macht die Armut der Armen aus, wenn nicht Hunger und Obdachlosigkeit? Die Armen kümmern sich in diesem herben England nicht um ihre tödlichen Krankheiten, nicht um ihre Schulausbildung, nicht mal umeinander - selbst die ältere Generation, die noch erlebt hat, dass man ins Stahlwerk ging, zum Arbeiten, ist nur dazu da, der jüngeren zu beweisen, dass es auch früher schon Menschen gab, deren Träume langsam gestorben sind, Leute, die irgendwann keinen Grund mehr hatten, morgens aufzustehen - Aufstehen, das ist, sagt die Kamera, wenn in der Wohnung der Nebel steht, der eigentlich nach draußen gehört, und die Armen sich durch diesen Nebel kämpfen müssen, ins Bad, unter die Dusche.

          Wäre „Bypass“ ein Dokumentarfilm, so bestünde die Gefahr, dass aus solcher Darstellung zentnerschwerer Tristesse, Verwahrlosung und Gewalt eine Botschaft gelesen würde, die ein halbwegs versorgtes, kleinbürgerliches Publikum immer gerne hört: Da unten im Dreck geht’s furchtbar zu, ein Glück, dass wir es besser haben und so sensibel sein dürfen, das zu wissen.

          Aber „Bypass“ ist eben kein Dokumentarfilm, sondern ein Zeugnis von Können und Schönheit. Diese beiden dementieren jede gönnerhafte Sicht auf das, was hier passiert. Denn wo etwas gekonnt wird und wo etwas schön ist, gibt es nichts zu bemitleiden, sondern nur etwas zu entscheiden: Lasse ich mich durch dieses Können, diese Schönheit dazu bewegen, die gesellschaftliche Unerträglichkeit des Abgebildeten für voll zu nehmen, statt zu bedauern, oder ziehe ich mich aufs Kulinarische zurück und genieße den guten Film?

          Schauspielkunst in Perfektion

          Beides ist übrigens legitim; die Weltpremiere von „Bypass“ hat ja auf dem Filmfest von Venedig stattgefunden, im Schaukasten der „Orizzonti“-Reihe, nicht beim Weltsozialforum. Der Hauptwettbewerb, auf den alle starren, in allen Ehren, aber die „Orizzonti“ verdienen es diesmal wirklich, gesondert gelobt zu werden. Was man da sehen darf, von der österreichischen Horrorperle „Ich seh ich seh“ des Duos Veronika Franz und Severin Fiala über die ländliche nordamerikanische Musikromanze „Jackie & Ryan“ von Ami Canaan Mann bis zur dunklen georgischen Satire „The President“ von Mohsen Makhmalbaf, ist vom Besten.

          Zweisamkeit im stumpfen Tageslicht: Realismus und Kunstmittel gehen in „Bypass“ zusammen.

          Der zweiundzwanzigjährige George MacKay zum Beispiel, der in „Bypass“ den vermutlich ein paar Jahre jüngeren Tim im Wortsinn verkörpert - inklusive Verfall des Leibes - , ist ein sehr guter Schauspieler. Das schreibt sich nett hin, aber wie misst man so etwas? Ganz einfach: Es gibt eine Unter- und eine Obergrenze für Schauspielkönnen. Die Untergrenze ist unterschritten, wenn man merkt: Das ist kein Schauspieler, der begreift den Text nicht, der schämt sich seiner Bewegungen, hat keinen Zugang zur Figur. Die Obergrenze ist überschritten, wenn man merkt: Ja, klar, das ist ein Schauspieler, der kaut eitel auf dem Text rum, stellt die Bewegungen souverän aus, zwingt die Figur unter seinen Willen. Exakt dazwischen, oft auf Haaresbreite, liegt das, was MacKay hier macht: der Figur Platz frei räumen. MacKay spielt diesen Tim so, dass man Angst um ihn hat. Um welchen von beiden? Um beide.

          Der Pullover wird zur Blütenwiese

          Können und Schönheit: Unter Realismus verstehen Filmschaffende leider viel zu oft ein strenges Verschmähen von Kunstmitteln. Der Regisseur und Autor Duane Hopkins und sein Kamerachef David Procter sehen das anders. Von den zarten Nahaufnahmen bis zum harten Schlag eines Polizeiknüppels auf ein vor Kälte rotes Ohr, von der gedrängten Nachtwelt bis zum stumpfen Tageslicht, vom stillen Liegen auf einem Liebeslager, bei dem für Tim und die sommersprossige, aber berückend ernste Lilly (Charlotte Spencer) Pullover das sind, was früher Blütenwiesen waren, bis zur Hetzjagd der Fahnder auf Greg (Benjamin Dilloway) und Tim sieht das alles nicht nur gut aus, sondern wach und wahr angeschaut. Keines der Mittel ist Mätzchen: Wenn etwa eine kriminelle Vereinbarung mehrmals gezeigt wird, leicht anders geschnitten, so bildet das exakt ab, wie Menschen zu Entscheidungen gelangen, bei denen sie Gesetze übertreten: Soll ich? Soll ich nicht? Die Frage wird wiederholt, bis es zu spät ist.

          Auf dieser Höhe also wird derzeit im Kino über Dinge geredet, die man nicht gern hört und sieht, aber nicht ignorieren sollte, so wenig wie Tim sein Leiden und die Liebe, die ihm angeboten wird: Wenn du dir nicht helfen lässt, weil du zu beschäftigt bis mit dem Überleben, wieso willst du dann eigentlich nicht sterben?

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