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„Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

Sorgenvoller Blick in die Zukunft des englischen Adels: Lady Mary beim Tee Bild: AP

„Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.

          4 Min.

          Was unterscheidet „Downton Abbey“, die weltbekannte Fernsehserie des britischen Senders ITV, von „Downton Abbey“, dem jetzt anlaufenden Film? Nun, Regisseur Michael Engler hatte ein Budget für Luftaufnahmen, die einen aus dem Kinosessel heben. Eine Freundin, die das historische Anwesen in Yorkshire als Fan der Serie besucht hatte, sagte einmal, das Haupthaus sei in Wirklichkeit viel kleiner, als es auf dem Bildschirm wirke. Nach den opulenten Kamerafahrten und der vollen Streicherbesetzung der von „Downton“-Erfinder Julian Fellowes mitproduzierten Kinofortsetzung will man das einfach nicht mehr glauben: Downton atmet und strahlt. Downton ist riesig, grün und üppig, weil diesmal das Geld dafür da war.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch wenn die Blicke lange genug über kostbar schimmerndes Holz und blitzendes Teegeschirr geglitten sind, will man als Zuschauer vielleicht doch eine etwas tiefere, sagen wir: transzendentere Frage beantwortet bekommen als jene, die aus der 2015 verabschiedeten Serie in den Film hinüberschwappt: „Was machen wir mit Downton?“

          Ja, was sollen sie, die verarmten Crawleys, mit Downton machen? Das, was sie immer mit Downton gemacht haben, Dummchen! Sich daran klammern. Die Bräuche der englischen Aristokratie bewahren, als gäbe es keine Zeit, keine Geschichte, keine Veränderung. Und die harte Wirklichkeit von Downton fernhalten, so gut und lange es eben geht. Insofern benutzt der Film durchaus dieselben Motive wie die Fernsehserie: Abermals liefern sich die Lady Dowager Violet Crawley (die formidable, inzwischen 84 Jahre alte Maggie Smith) und ihre bürgerliche Verwandte Isobel Grey (Penelope Wilton) scharfzüngige Wortgefechte, mit weitem Abstand das Aufregendste, was in den sonst tantenhaften Dialogen zu hören ist. Abermals blickt der ältliche Hausherr Robert Crawley (Hugh Bonneville) mit routinierter Besorgtheit über die Szenerie, als wäre von ihm irgendetwas anderes gefordert, als routiniert besorgt zu blicken. Und auch diesmal gibt es hübsche Reibungen, aber auch subtile Echos zwischen der oben residierenden aristokratischen Familie und dem unten herumwuselnden Gesinde in Küche und Keller.

          Ein Attentat zum Lachen

          Nur dass dem schlichten Plot – wir befinden uns im Jahr 1927, das Königspaar hat seinen Besuch angekündigt, und Downton „wants to look its best“ – jegliche epische Weite fehlt. Und damit gehen auch die dramatischen Verknüpfungen zwischen den geduldig über sechs Staffeln hinweg geflochtenen Figurenbeziehungen verloren. Diesmal dreht es sich wirklich nur darum, ohne Blamage den Tag und die Nacht zu überstehen, und man verrät nicht zu viel, wenn man andeutet, dass die Downton-Dienerschaft um den aus dem Ruhestand zurückgeholten Chefbutler Carson (Jim Carter) sich mit List und Pfadfinderenthusiasmus gegen die Entourage des Königshauses durchsetzt: country beats city. Das lachhafte Attentat auf König George V. dagegen, das der vormalige irische Revoluzzer und jetzt zur englischen Oberklasse bekehrte Tom Branson (Allen Leech) verhindert – es bekommt im Film weniger screen time als die Patzer eines nervösen Dieners beim Servieren.

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