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Dominik Graf zum Sechzigsten : Des Kinos bester Liebhaber

Er glaubt daran, dass man für das Fernsehen großes Kino machen kann: Dominik Graf ist die Ausnahmefigur im deutschen Film. An diesem Donnerstag wird er sechzig Jahre alt.

          Man muss sich nur die letzten zweieinhalb Jahre anschauen, um zu erahnen, was Dominik Graf dem deutschen Film, dem deutschen Fernsehen ist. In diesem Zeitraum hat er, 2010, die bahnbrechende Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ gedreht, die zeigte, dass episches Erzählen mit Spannungsexplosionen, Sex-Appeal und zwielichtig-komplexen Charakteren auch im deutschen Fernsehen möglich ist. 2011 folgte das dreiteilige Fernsehprojekt „Dreileben“ (die beiden anderen Episoden drehten Christian Petzold und Christoph Hochhäusler), in dem Grafs Beitrag von einer beglückenden Leichtigkeit war, einer an Altman erinnernden Beiläufigkeit in der Beobachtung von drei Menschen, die einander erst vertrauen, dann belauern.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im selben Jahr führte er Matthias Brandt als Münchener Kommissar in der Fernsehreihe „Polizeiruf 110“ ein, die aus diesem Schauspieler am Ende einen Tänzer machte. Es wird sowieso immer wieder getanzt bei Graf, vor allem von Männern in oft nur ganz kurzen Sequenzen, sinnlich, verträumt, verführerisch. 2012 kam dann „Das unsichtbare Mädchen“ ins Fernsehen, noch ein Thriller, direkt, brutal, geheimnisvoll, und dann die liebevolle Erinnerung an den Fernsehregisseur Oliver Storz, die Graf „Lawinen der Erinnerung“ nannte. Im selben Zeitraum hat Graf drei Grimme-Preise gewonnen, den Schwabinger Kunstpreis, einen Bayerischen Fernsehpreis und einiges mehr. Einen Stern auf dem Boulevard der Stars der Stars in Berlin hat er seit kurzem auch.

          Kein Selbstbedienungsladen

          Graf ist, nicht nur wegen seines Produktionstempos und seiner Preise, die Ausnahmefigur im deutschen Film. Er ist, als bekennender Nicht-Autor in einem Umfeld von Autorenfilmern, dem Genre verfallen - was einerseits bedeutet: Er ist ein Routinier. In Deutschland kriegt ein Filmemacher Routine aber nur im Fernsehen, auch deshalb ist Graf dort so regelmäßig zu finden. Dass er in Mustern denkt, die das Kino im Laufe seiner Geschichte und vor allem in den glorreichen siebziger Jahren entwickelt hat, Muster, die er in seinen hinreißenden Texten zum Film (von denen viele in dieser Zeitungen erschienen und erscheinen) immer wieder aufs Neue beschrieben hat, bedeutet ja nicht, dass er keine Handschrift hätte. Er hat nur auch eine Liebe zu den Wurzeln des Kinos im Trivialen und eine Abneigung gegen das weithin geförderte „Relevanzkino“, dem er aus Anlass der Verleihung des Deutschen Filmpreises vor einigen Monaten ein wütendes Grabgebrüll entgegengeschleudert hat.

          Graf will den ganzen Spaß, den das Kino verspricht, das Gelächter und die Tränen, das große Melodram, die Verbrechergeschichten, die Partyerzählungen, Horrormärchen, Psychothriller. Wenn man sich heute noch mal seinen 1987 entstandenen „Tiger, Löwe, Panther“ anschaut, kann man in den Partyszenen schon erkennen, was in „Dreileben“ dann in Vollkommenheit inszeniert war - das Schweifen der Kamera, als sei auch sie ein Gast, die Flüchtigkeit des Blicks, der nicht interesselos ist, aber nirgendwo Anker werfen will, den musikalischen Rhythmus, den die Regie sofort unterbricht, wenn es zu gemütlich wird.

          Im deutschen Filmmuseum in Frankfurt hatte Dominik Graf kürzlich die „Carte Blanche“: Er durfte einen Film aussuchen, von dem er meint, er sei es wert, wiedergesehen zu werden. Graf wählte Veit Harlans „Opfergang“ von 1944 und erklärte dazu, die Farbenspiele und Lichtreflexe seien einmalig wie das „Melodram hoch zehn“ und die Ansichten von Hamburg vor der Bombardierung. Und er plädierte dafür, Harlan, immer noch weithin geächtet wegen seines „Jud Süß“, als Regisseur wiederzuentdecken. Auch das ist Graf: einer, der die Tradition des deutschen Films nicht als Selbstbedienungsladen ansieht, sondern als die einzige Geschichte, die wir haben. Was nicht bedeutet, dass er nicht auch das amerikanische, englische, französische, dänische, italienische und überhaupt das ganze Kino liebt. An diesem Donnerstag wird er sechzig Jahre alt.

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