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Grafs „Fabian“-Verfilmung : Sei ein Mann und schwimme mir nicht nach

Denn natürlich ist „Fabian“ kein Ro­man von heute, sondern ein Panorama der sterbenden Weimarer Republik, und deren Zeitzeugnisse schreibt Graf in die Er­zäh­lung ein. Schwarz-weiße Dokumentarbilder, darunter Ausschnitte aus Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“, sind wie Satzzeichen zwischen die Spielszenen ge­setzt. Hakenkreuze und kommunistische Parolen bedecken die Mauern, SA-Männer patrouillieren in den Straßen. Ein An­zug kann sich in einem Wimpernschlag in ein Braunhemd verwandeln. Fabians Sorglosigkeit wirkt vor diesem Hintergrund noch bedrückender. Ein Job als Werbetexter, ein Zim­mer in einer Pensi­on, flüchtige Af­fären, das ist sei­ne Welt. Sein Freund Labude schreibt an ei­ner Dissertation über Lessing. Der Krieg hat beide verstört, aber nicht gebrochen. Die Zukunft könnte ein Fest werden, doch die Ge­genwart ist nicht danach.

Bei Kästner lässt der Held die Geliebte ziehen

So hält der Film das Gleichgewicht zwischen Zeitbild und Bildungsroman. Aber dann kommt ihm et­was dazwischen, denn Fabian trifft Cornelia. Bei Kästner sind diese Begegnung und ihr Resultat nur ein Moment der Geschichte, die letztlich eine Charakterstudie ist. Bei Dominik Graf schiebt sich die Lovestory ins Zentrum, nicht nur, weil Tom Schilling und Saskia Rosendahl, die sie spielen, die Idealbesetzung für das Liebespaar sind und Albrecht Schuch der ideale beste Freund. Die Liebe gibt Graf auch die Gelegenheit, den Panzer von Fabians Coolness zu zerbrechen. Doch bei Kästner bleibt der Panzer intakt, der Held lässt die Geliebte ziehen, statt sie nach Babelsberg zu verfolgen. Erst als Labude sich erschießt, weil ihm ein Universitätsassistent einen üblen Streich gespielt hat, wird Fabian handgreiflich.

Die Unwucht der Erzählung kommt zu­ta­ge, als der Produzent Makart die Szene betritt. In einem Kino-Melodram wäre er der Schurke. Aber Kästner hat ei­ne sachliche Romanze geschrieben, in der die Fi­nanzlage den Ausschlag gibt. Die Heldin verlässt den Helden, weil sie Geld braucht, man trennt sich ohne Groll. Für Graf und den Drehbuchautor Constantin Lieb war das zu wenig, bei ihnen muss die Liebe am Schicksal scheitern. Das rückt auch die Szenen, die im Bordell spielen, in ein an­de­res, moralisierendes Licht. Bei Kästner ist die Prostitution nur ein weiterer Aspekt der Versachlichung aller Lebensverhältnisse. Der Film stößt sie in die Sphäre des Verruchten zurück. In diesen Szenen ist er sehr nah an „Babylon Berlin“.

Der Roman war ein Opfer der Bücherverbrennung

Walter Benjamin, der Kästner mit dem klaren Blick des Hasses betrachtete, hat dessen Dichtung als Aufruf zum Nichtstun bezeichnet: „Nie hat man in ei­ner ungemütlichen Situation sich’s ge­müt­licher eingerichtet.“ Aber so weit ging Kästners Ge­mütlichkeit nicht, dass er ihre Konsequenzen nicht begriffen hätte. Sein Held er­trinkt, als er ein Kind aus dem Fluss retten will. „Lernt schwim­men!“ steht in Fa­bians Notizbuch. Kästner selbst, dessen Bücher, ­ darunter „Fabian“, im Mai 1933 auf den Scheiterhaufen brannten, hat die Naziherrschaft mit großem Geschick als Ju­gendbuch- und pseudonymer Drehbuchautor durchschwommen. Fabian war sein Werther, er warnte die Leser vor der Untiefe, die Kästner glücklich vermieden hatte.

In Dominik Grafs Film ertrinkt Fabian, weil er zu Cornelia zurückkehren will. Das ist ein Unterschied ums Ganze, weil so aus dem sachlichen ein sentimentaler Held wird. Der wahre Werther in Grafs Ge­schichte ist Albrecht Schuchs Labude, der unter seine missglückten Liebes- und Karrierepläne ­ei­­nen Schlussstrich zieht. Alles sei für etwas gut, auch ein Opfer, er­klärt La­budes Doktorvater, als er vom Freitod seines begabtesten Schülers hört. Die braunen Sympathisanten unter den Studenten klat­schen dazu Beifall. Als Vorahnung des Künf­tigen ist das ein starkes Bild. Erich Kästner hat es nur nicht geschrieben.

Die Tragödie des Könners besteht darin, dass er nicht frei in seinen Stoffen ­he­rum­schwim­men kann. Der Widerstand, den sie ihm leisten, macht sich als Druckverlust in den Bildern bemerkbar. In der letzten seiner drei Filmstunden wirkt „Fa­bian“ beinahe so konventionell wie das Qualitätsfernsehen, das er bekämpft. Vor sechzig Jahren hat François Truffaut in einem Zeitungsaufsatz eine Form des Kinos angeprangert, das sich seine Stoffe nach Belieben aus bekannten Büchern zurechtschnitzte. Aus der Haltung seines Es­says entstand die Nouvelle Vague. Nach ihrem Ende stehen sich das Kino und die Literatur wieder in der gleichen Konstellation gegenüber wie damals. Auch das ist eine Lektion aus Dominik Grafs „Fabian“.

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