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Deutscher Film : Der Endmoränensaurier

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Pankraz (Josef Bierbichler) und Hanusch (Benjamin Cabuk) in dem Film „Zwei Herren im Anzug“. Bild: Marco Nagel, X Verleih AG

Das ist ein After-Herbert-Achternbusch-Bombeneinschlag ins Kino der Berliner Republik. Josef Bierbichler hat aus seinem Roman „Mittelreich“ den Film „Zwei Herren im Anzug“ gemacht.

          „Recht vielen Dank für des guade Essen, Pankraz, und gräm dich nicht so arg, ich habe es deinen beiden Schwestern auch gesagt: Die Theres is jetzt schon droben im Himmel, das weiß ich ganz gewiss. Sonst gibt es keinen Himmel, und sowas soll man nicht mal denken.“ So spricht Traute Hoess nach den zweieinhalb Minuten Anfangstiteln in ihrer sanft bestimmten hochbayrischen Diktion.

          Es ist der erste Satz des Films, und in weiterhin halsbrecherischer Geschwindigkeit fügt sie hinzu: „Übergib doch dei Sach dem Semi, dann kannst dich endlich ausruhn, hast es doch verdient.“ Fast gleichzeitig nimmt sie ein Foto aus einer geöffneten Blechkiste vor ihr und zeigt es dem hinter ihr gebeugt stehenden Pankraz in persona Josef Bierbichler: „...Des war, wie die Theres mich gfragt hat, ob du für sie der Richtige bist.“ Alles scheinbar ohne einmal Atem zu holen.

          Bang. Wie ein einziger Lindwurm-Satz, gebastelt aus bayrischer Hochsprache, scheinbar achtlos runtergerattert, trotzdem wie beiläufig geformt. Eine bessere Fremdenführerin als Traute Hoess, hinein in den Kosmos dieses Films, kann man sich kaum vorstellen.

          In bayrischer Hochsprache

          Der modern herumbildungsbürgernde BRD-Zuschauer, der hier Literaturverfilmung der bekannten Art erwartet hat, ist schlagartig irritiert. Die Figuren sind bühnenhaft zur Kamera hin angeordnet, und ihre Texte ähneln in dem, was und wie sie sprechen, Rezitationen. Die Kamera fährt zwar gleich heftig durch die Gegend, weil sie versucht – wie André Bazin („Theater und Kino“) mal schrieb – „ringsherum ein bißchen Realität herzustellen, uns eine Treppe zu bauen, damit wir auf die Bühne kommen“. Aber dieser erste kleine Monolog wirft die Frage auf: Was kommt hier jetzt auf uns zu? Guckkasten-Perspektive aus dem Zuschauerraum?

          Aber nein. Denn dafür gibt sich der Kameramann Tom Fährmann ja gleich zu Beginn den Untertitel der „Bildregie“ (den Begriff kennt man bislang eigentlich nur aus den deutschen Studio-Fernsehshows der Fünfziger bis Siebziger). Und „Zwei Herren im Anzug“ ist wahrlich ein After-Herbert-Achternbusch-Bombeneinschlag ins Kino der Berliner Republik, der sich gewaschen hat.

          Also, die Theres ist tot, es ist 1984 („Lieber Pershing II als Peter Maffay!!!“), deshalb müssen Ehemann Pankraz und Sohn Semi sich im Wirtssaal nach dem Leichenschmaus erstmal oder endlich mal einen Debatten-Bierkampf unter vier Augen liefern. Es herrscht Feindschaft zwischen Vater und Sohn. Beide haben die Theres (Martina Gedeck) geliebt, als Mutter und als Ehefrau, aber sie lieben einander nie und nimmermehr.

          Mit Bierwärmer im Glas

          Semi antwortet auf die Ansprache des Vaters (mit Bierwärmer im Glas), er solle doch wieder in den Schoß der Kirche zurückkehren: „Warum soll ich dahin zurückwollen? Wenn ich in einen Schoß zurück wollte, dann in den der Mutter, damit ich nicht auf der Welt wär’, aber das geht jetzt auch nicht mehr, die ist tot. Und ich muß mit dem Unsinn weiterleben, geboren zu sein.“ Und starrt den Vater an. Dem kommt dieser Blick plötzlich so bekannt vor, dass er ihn suchen geht auf den alten Bildern in der Blechkiste. Und, wie in „Heimat“, geht es nun zurück, zurück, zurück ... hinunter in den See.

          Der Starnberger See, diese touristisch verseuchte Vorstadtpfütze Münchens, stammend aus der geologisch jungen Zeit der Alpenfaltungen und der an ihren Rändern enstandenen „End-Moränen“ – er ist Bühne und Zuschauer zugleich. 60 Jahre Familiendrama im bäuerlichen Fischmeister-Haus – und der See schweigt. Aber nicht immer. Zwei Generationen lang Vater-Sohn-Kriege, die improvisierte Gaststätte wird derweil zur Unterkunft ausgebombter Städter und schließlich ein von Münchner Autokennzeichen umstelltes Yuppie-Öko-Lokal.

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