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Dokumentation über Woody Allen : Sein Geheimnis ist die Ungeduld

Selbstbetrachtung mit den Augen des Clowns: Woody Allen in seinem Film „Der Schläfer“ von 1973 Bild: dpa

Woher kommt Woody Allens stupende Produktivität? Treibt den Regisseur wirklich die Suche nach dem einen großen Meisterwerk? Ein Dokumentarfilm blickt hinter die Fassade des Kinogenies.

          Erst haben wir über ihn gelacht. Dann haben wir ihn bestaunt, bewundert, geliebt, und schließlich haben wir uns an seine Filme gewöhnt, Jahr für Jahr. Und doch ist uns etwas immer fremd und rätselhaft geblieben an Woody Allen. Es ist die Art, wie er sich künstlerisch verausgabt. Andere scheue Meister seines Metiers wie Scorsese, Malick, von Trier offenbaren und verbergen sich hinter Wolken aus Zelluloid, die sie alle drei, vier Jahre in die erwartungsvolle Welt hinausstoßen. Woody aber dreht alle zwölf Monate einen Film, wie ein Uhrwerk, das nicht anders kann als zu schlagen, wie eine Pflanze in ihrem natürlichen Zyklus. Er redet in Wölkchen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und dabei beklagt er sich unaufhörlich, dass ihm das große, ewige Meisterwerk, das er seit Jahrzehnten vollbringen will, allemal nicht gelingt. Das ist Koketterie, gewiss, aber unterlegt mit Verzweiflung. Allen ist wie ein Maler, der zu einem Kuppelfresko Anlauf nimmt, aber dann doch immer wieder nur Seestücke malt. Und jedes, oder jedes zweite oder dritte, ist ein Wunderding des Kinos, und keines ist ganz misslungen. Und dennoch hat man das Gefühl, dass hier einer - wie in jenen autobiographischen „Stardust Memories“ von 1980, die das Publikum gehasst hat und die Woody Allen selbst bis heute für seinen besten Film hält - sein eigenes Scheitern inszeniert, ein Scheitern auf höchstem Niveau, ein gelingendes Misslingen sozusagen, eine Selbstverkleinerung als Zaubertrick.

          Das Kino als Achtstundenjob

          Ein Dokumentarfilm, der den Lebensweg dieses seltsamsten aller Kinogenies nachzeichnen will, sollte imstande sein, wenigstens zeitweise hinter die Kulissen jenes Tricks zu schauen, den Allen seinen Verehrern wie Verächtern immer wieder vorführt und mit dem er mal den einen, mal den anderen recht zu geben scheint. Das tut Robert B. Weides „Woody Allen - A Documentary“ auch, aber erst nach gut hundert Minuten (in der dreistündigen Fernsehfassung dauert es noch länger). Da zeigt er Woody Allen bei Dreharbeiten mit Naomi Watts und Josh Brolin für „Ich sehe den Mann deiner Träume“, und man spürt, dass der kleine Mann mit der großen Brille es eilig hat. Er spricht wenig und schnell, er geht rasch von einer Szene zur nächsten, er möchte bald fertig werden.

          Robert B. Weide, der Regisseur der Dokumentation, unterhält sich im Film auch persönlich mit Woody Allen

          Das bestätigen auch Watts und Brolin im Interview und dann sogar der Regisseur selbst. Er warte ungern beim Drehen, sagt Allen, weil er anschließend nach Hause wolle, um die New York Yankees spielen zu sehen oder in seiner Band die Klarinette zu blasen oder um sich einen schönen Abend mit Freunden zu machen. Woody Allen ist der Mann, der das Kino als Achtstundenjob betreibt, mit festen Schreib-, Dreh- und Schneidetischzeiten und regelmäßigen, ungeliebten, doch professionell absolvierten Festival-Auftritten. Wer redet hier noch von Inspiration? Das künstlerische Geheimnis Woody Allens lautet: Ungeduld.

          Angst vor dem Publikum

          Dies alles kommt tief aus der Kindheit - weniger aus den demütigenden Erlebnissen von Woodys Schulzeit, denen der Dokumentarist Weide mit Filmausschnitten aus „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“) nachspürt, als aus der Erfahrung des Siebzehnjährigen, der mit eilig hingetippten Witzen, die er an Zeitungskolumnisten verkaufte, mehr Geld verdiente als seine hart arbeitenden Eltern. Die deutsche Reiseschreibmaschine, die er damals kaufte, läuft noch immer „wie ein Panzer“, sagt Allen, und auch die Zettelwirtschaft mit Klebstoff und Schere, die er bei seinen ersten Drehbüchern für Comedy-Shows und Filmkomödien entwickelte, blüht und gedeiht wie einst.

          Woody Allen am Set seines aktuellen Films „To Rome With Love“

          Die Passagen, die Weide diesen frühen Jahren widmet, sind die interessantesten des Films, denn sie zeigen, wie sehr der Autor Woody Allen bis heute seine Kraft und Routine aus seiner Zeit als Stand-up-Komiker und Gagschreiber zieht. Die einzige echte Klippe, die Allen überwinden musste, war seine Angst vor dem Publikum, das er allabendlich im „Bitter End“ am Broadway unterhielt. Jack Rollins, sein langjähriger Manager und Produzent, erzählt, was damals passierte: „Eines Abends sprang er einfach auf die Bühne, und es war Woody.“ Dieser magische Moment war auch die Geburt des Regisseurs Woody Allen, er hat die Person geschaffen, die vor und hinter der Kamera in seinen Filmen die Fäden zieht.

          Mit den Augen des Clowns

          Auch in Weides Film gibt es eine traumatische Klippe, die er leider nicht ganz so elegant überspringt, und das ist der Skandal, den Allens Trennung von Mia Farrow und seine Liebesbeziehung zu deren Adoptivtochter Soon-Yi vor zwanzig Jahren erregte. Dass es Weide nicht gelungen ist, Mia Farrow vor die Kamera zu holen, kann man verschmerzen. Aber er macht auch keinen Versuch, die Spuren der Ereignisse von 1992 in Woody Allens filmischem Werk zu verfolgen.

          Der Regisseur selbst hat den Bruch mit Farrow immer als Befreiung hingestellt. Doch es gibt auch eine Kehrseite dieser späten Freiheit. Seit den neunziger Jahren dehnt sich das Kino des Woody Allen in alle Himmelsrichtungen aus, zuletzt bis nach London, Barcelona und Rom. Die Schönheit, die Genauigkeit, auch die innere Konsequenz der Filme von „Annie Hall“ bis „Ehemänner und Ehefrauen“ ist dabei ein Stück weit verlorengegangen. Robert Weide selbst gibt zu, dass er Allens Gesamtwerk mehr schätzt als dessen einzelne Filme. Aber er sucht keine Antwort auf die Frage, warum das so ist.

          Da liegt ein kleiner Mann mit großer Brille auf einem Bett und sortiert Zettel, gelbe, weiße, große, kleine. Jedes Mal, bevor er ein Filmprojekt beginne, lese er in seinen Notizen, erzählt er. Und: „Ich wünschte, ich wäre als großer und begnadeter Tragiker geboren worden.“ Stattdessen sei er dazu verflucht, mit den Augen des Clowns auf die Welt zu schauen. Woody Allen werde „einen netten kleinen Platz in der Geschichte“ bekommen, sagt der Filmkritiker Richard Schickel. Das klingt wie ein Kompliment. Aber es hat einen Stachel.

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