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Dokumentation über Wim Wenders : Drei Kekse für ein Halleluja

„Von einem, der auszog“: Marcel Wehns Dokumentarfilm über die frühen Jahre des Wim Wenders zeigt den Regisseur als Mann, mit dem man keinen richtigen Krach anfangen kann. Was, wie der Film zeigt, oft zum Nachteil seiner Freunde und Mitarbeiter gereichte.

          Der Porträtierte soll über dieses Porträt nicht durchweg entzückt gewesen sein. Das kann man verstehen. Marcel Wehns Wenders-Film ist keine Huldigung, sondern ein Helldunkelbild: Auch die Schatten seines Gegenstands bekommen Kontur. So kann man Wenders sehen - nicht den großen, nicht den heiligen, nicht den offiziellen, sondern den ganzen Wim Wenders. Einen derart genauen Blick hat zuletzt Peter Buchka in seinem Buch „Augen kann man nicht kaufen“ auf Wim Wenders geworfen. Das war vor dreißig Jahren. Marcel Wehn kam damals gerade auf die Welt, er gehört zu einer Generation, die die meisten Wenders-Filme nur aus dem Fernsehen und von DVDs kennt. Wer so jung ist, muss richtig tief graben, um zu Wenders' Kino zurückzufinden. Dafür kann er aber auch ganz von neuem fündig werden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Wim Wenders' frühe Jahre“ ist ein Untertitel wie für einen Klassenaufsatz. Und so beginnt der Film auch: mit einem Regisseur, der alte Fotos betrachtet, die in Reihen von der Decke hängen, und dabei artig seine Lebensstationen abhakt. Dann kommen Originaldokumente ins Bild: der erste Schmalspurfilm des Schülers W., der strenge Vater - ein Chefarzt -, der Bruder, die schweigsame Mutter. Wim Wenders ist im Haus eines Patriarchen groß geworden, wie sein Alter Ego Sam Farber in „Bis ans Ende der Welt“, und seine Helden sind verlorene Söhne wie Travis in „Paris, Texas“; nur die Engel unter ihnen gründen eine Familie. Man weiß es längst; bei Marcel Wehn sieht man nun, woher es kommt. Seine Bilder passen zu denen, die wir kennen.

          Durchsetzungsfähiger Bummler

          Auch die Zeitzeugen fügen sich in den Rahmen der Selbstbespiegelung. „Es ging so eine warmherzige Einsamkeit von ihm aus“, sagt Peter Handke, Rüdiger Vogler schwärmt von einem Jungregisseur, „großer Mann, große Brille, große Nase, viel Haar, sanftes Wesen“, und Yella Rottländer erzählt von den Dreharbeiten zu „Alice in den Städten“, dem Film, der sie 1973 mit neun Jahren unsterblich gemacht hat. Dazu laufen Szenen aus „Alice“, „Summer in the City“, der „Angst des Tormanns“, dem „Scharlachroten Buchstaben“. So weit, so gut, so hagiographisch.

          Aber dann tritt ein anderer Wenders ins Bild, einer, der plötzlich, mitten in seinen Bummeljahren in Paris, ganz genau weiß, was er will, und es auch durchsetzt. Ulrike Sachweh, seine erste Liebe, hat ihn für einen anderen Mann verlassen, doch von da an ist es Wenders, der die Frauen verlässt, die Freunde, die Mitarbeiter, die Schauspieler. Und so reden sie in die Kamera: als Verlassene und Verletzte, als Wenders-Material, zurückgelassen auf der Straße zum Ruhm. Am meisten verletzt ist der Kameramann Robby Müller, der sich mit dem Regisseur bei den Dreharbeiten zu „Bis ans Ende der Welt“ verkracht hat; gleich dahinter kommt Lisa Kreuzer, von der sich Wenders trennte, als ihm sein „Hammett“-Projekt in Hollywood wichtiger war. Man sieht den beiden an, dass sie den Streit, den Wenders ihnen nicht gegönnt hat, immer noch gern mit ihm austragen würden. Aber mit Wim Wenders kann man keinen richtigen Krach anfangen, auch im Kino nicht, wie der Fall von „In weiter Ferne, so nah!“ beweist, der zwar viele Verrisse, aber keine Debatte ausgelöst hat. „Die innere innige Ruhe“, die Edda Köchl-König, Wenders' erste Ehefrau, ihrem Exmann bescheinigt, ist seinen Filmen gleichfalls eingeprägt.

          Die Anstrengung hinter der Seelenruhe

          Und so sind auch die zwei Spazierfahrten, die Marcel Wehn mit dem auf Motivrecherche weilenden Wim Wenders an der Nordseeküste und am Steinhuder Meer unternommen hat, scheinbar eitel Friede, Freude, Bildersuchen mit kurzen Stopps am Wege, wenn der Regisseur einen „super Waldrand“ ablichten will („besseren Waldrand gibt's gar nicht“) - bis auf einmal, einen kurzen Moment lang, die Anstrengung sichtbar wird, die hinter dieser Seelenruhe steckt. Da steht Wenders in dem Dorf Himmelreich, auf das er sich, vom klingenden Namen angelockt, die ganze Zeit gefreut hat - und zu sehen ist ein trauriges Kaff mit leeren Kreuzungen und Klinkerfassaden, tot und zersiedelt. Wenders aber wird richtig sauer, er verflucht dieses niedersächsische Nest, und man sieht, dass er erst jetzt wirklich in Gang kommt. Aus dem Hass auf Himmelreich wird Wenders etwas machen, so wie er aus dem Hass auf Hollywood in „Der Stand der Dinge“ und aus dem Brass auf die Provinz im „Lauf der Zeit“ etwas gemacht hat. Man müsse ihn gehen lassen, wenn er so mit sich selbst und der Welt kämpfe, sagt seine heutige Ehefrau Donata, die seit fünfzehn Jahren an Wenders' Seite und somit seine standhafteste Lebensgefährtin ist. Statt ihn zu einer Aussprache zu zwingen, bittet sie ihn dann, ein Strichmännchen zu zeichnen. Und es funktioniert: Der Bildermacher erklärt sich mit einem Bild.

          Zum Glück gibt es in diesem biographischen Kinodrama auch einen richtigen Bösewicht (sonst hätte man glatt den Titelhelden für den bad guy halten können). Er heißt Heinz Badewitz und hat dem jungen Wim Wenders vor knapp vierzig Jahren in einem Münchner Café drei Haschkekse angeboten, die dieser gierig verschlang. Anschließend trank Wenders in einer Diskothek noch ein paar Wodka, bis er am späten Abend mit Herzrasen auf der Intensivstation landete. Monatelange Depressionen und eine siebenjährige Psychotherapie folgten. Badewitz aber musste sich am nächsten Morgen als „Heinz, du Wim-Mörder!“ beschimpfen lassen, ein Ehrentitel, den er seither nicht ohne einen Anflug von Täterstolz herumzeigt. Inzwischen ist er als Gründer und Leiter der Hofer Filmtage längst selbst eine Institution im deutschen Film.

          Marcel Wehn, der dies alles fast beiläufig einfängt und arrangiert, ist ein Absolvent der Filmhochschule in Ludwigsburg; „Von einem, der auszog“ war seine Abschlussarbeit. Das sieht man dem Film nicht an. Er ist ein Stück aus einem Guss, stilsicher, unaufgeregt und mit einem klaren Blick für das Wesentliche begabt. Möge sich Marcel Wehn diesen Blick, wie sein Vorbild Wim Wenders, noch lange bewahren.

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