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Wagner und Bayreuth : Scheußlicher Mensch, himmlische Musik

Er sieht dich: Fenster im Hotel „Goldener Anker“. Bild: FILMWELT Verleihagentur

In Japan und Israel, bei den Schwarzen in Newark und beim Scheich von Abu Dhabi, aber auch bei einem fränkischen Metzger-Ehepaar findet man eine Faszination fürs gleiche Phänomen: Der Film „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ teilt sie instinktiv klug.

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          Man kann einvernehmlich lächeln, wenn Christian Thielemann beim Meisterkurs in Bayreuth einem nachwachsenden Kollegen während der Brautgemach-Szene aus „Lohengrin“ zuruft: „Du kannst exaltierter sein. Dirigier das doch nicht, als hätten die schon Goldene Hochzeit!“ Man kann still, aber immer noch einvernehmlich nicken, wenn Jonathan Livny, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, seinen Großvater zitiert, der über Richard Wagner gesagt habe: „Er war ein scheußlicher Mensch, der himmlische Musik geschrieben hat.“ Und man kann, heimlicher schon, mit der Metzgersfrau Ulrike Rauch aus Bayreuth gemeinsame Sache machen, die – während ihr Mann Georg in erfrischend unabhängiger Sprache ziemlich kundig die Überwältigungswellen in Wagners Musik beschreibt – drastisch direkt dazwischen plauzt mit dem Satz: „Du musst schon irre sein im Kopf.“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch der wichtigste Satz dieses Films fällt beiläufig. Und er stammt vom amerikanischen Musikpublizisten Alex Ross: „Bayreuth wird im Sommer zu einem Disneyland für ,alte Kultur’, das einer Minderheit für kurze Zeit das Gefühl gibt, in der Mehrheit zu sein.“ Wenn die Zahl von sechzigtausend Karten pro Saison bei den Bayreuther Festspielen genannt wird, so ist das angesichts von 7,9 Milliarden Menschen auf der Welt verschwindend wenig. Und global will dieser Film von Axel Brüggemann schon sein, immerhin heißt er „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“.

          Berührbar für diese Musik

          Dass die Bayreuther Festspiele ihrer Geschichte und ihrer Reichweite nach nur Herzenssache einer extrem kleinen, aber ausstrahlungsstarken Minderheit sind, was auch immer wieder Anlass zu Neiddebatten gibt, lässt sich nicht ab­streiten. In Zeiten, da sich die Ansprüche der Breitenkultur auch politisch lauter artikulieren, sind sie mehr denn je auf einen breiten Konsens angewiesen, dass ihre Existenz unterstützenswert ist. Sie leben wie die Königshäuser in konstitutionellen Monarchien vom Wohlwollen der Parlamente und des Wahlvolkes.

          Der Film hat genau dies begriffen. Und was er will, ist ganz klar: Faszination für Bayreuth und die Musik Richard Wagners wecken und teilen, die Diversität von Begeisterten dokumentieren und damit die prinzipielle Zugänglichkeit Bayreuths für alle und jeden unter Beweis stellen. Wir stoßen nicht nur auf professionelle Wagner-Interpreten wie Thielemann, Piotr Beczała oder Barrie Kosky, auf Bayreuther Metzger und Hoteliers, sondern ebenso auf einen japanischen Maschinenbaustudenten, der in seiner Freizeit als Dirigent mit seinen Kommilitonen Wagner-Aufführungen leitet; auf einen jungen israelischen Fagottisten, der über den Dächern von Tel Aviv wie in Trance Auszüge aus „Tristan und Isolde“ spielt, Musik, die in Israel wegen Wagners aktenkundig schwerem Antisemitismus noch immer tabu ist; auf einen schwarzen Baptistenprediger, der in Newark den „Ring des Nibelungen“ nur mit schwarzen Mitwirkenden Open Air aufgeführt hat; und auf den Kulturminister von Abu Dhabi, der mit größter Expertise das Entstehen von Wagners Musik mit dem Aufkommen der akademischen Orientalistik historisch parallelisiert.

          Diese Begegnungen sind für sich genommen schon erstaunlich genug. Und natürlich belegen sie, dass Menschen berührbar sind für Wagners Musik, wenn sie sich, unabhängig von ihrer Herkunft, eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit dafür nicht haben abtrainieren lassen. Eigene Bildungsanstrengungen kommen gewiss hinzu. Ganz am Rande skizziert Brüggemann auch ein Porträt der aktuellen Festspielleiterin Katharina Wagner, unter deren Führung das Unternehmen deutlich an Leichtigkeit, Heiterkeit und Menschenfreundlichkeit gewonnen hat. Einmal sagt sie: „Das Vergnügen, ein Wagner zu sein, hält sich in Grenzen. Man muss immer wieder gegen Vorurteile und Klischees kämpfen.“ Einige davon versucht dieser Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, auszuräumen.

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