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Film „Love, Cecil“ : Die Bosheit in der Schönheit

Er war einfach zu gut für mehr als einen kleinen Karriereknick: Cecil Beaton im Selbstporträt. Bild: StudioCanal Deutschland

Lisa Vreelands Dokumentarfilm „Love, Cecil“ über den Fotografen Cecil Beaton zeigt einen Künstler, dessen Werk bis heute quicklebendig ist.

          2 Min.

          „Ich hatte gehört, er sei eine alte Tunte.“ Breit grinsend erzählt David Hockney von seiner ersten Begegnung mit dem Fotografen Cecil Beaton, und auch wenn er kein weiteres Wort mehr dazu sagt, merkt man ihm an, dass er das Gerücht durchaus bestätigt fand. Ihr Treffen erfolgte in den sechziger Jahren, als Hockney ein Jungstar der britischen Malerei war und selbst wegen seiner ziemlich offen ausgelebten Homosexualität bekannt – damals wohl eher: berüchtigt. Das genoss er, und Beaton wiederum, der mehr als dreißig Jahre Ältere und in noch rigideren Zeiten Aufgewachsene, bewunderte den jungen Mann dafür. Diese Faszination fand ihren Ausdruck in den Fotoporträts von Hockney, die das Image des Künstlers seinerzeit mindestens so prägten wie dessen Werk. Denn Cecil Beaton war bereits ein Altstar und als Hoffotograf des britischen Königshauses die Nummer eins seiner Zunft.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wie der 1904 geborene, auch als Autor und Zeichner begabte Sohn einer Londoner Mittelstandsfamilie dazu wurde (und zum 1972 schließlich geadelten Sir Cecil), das erzählt Lisa Vreeland in ihrem amerikanischen Dokumentarfilm „Love, Cecil“. Die Grußformel als Titel trägt einem zentralen Antrieb des Fotografen Rechnung: der Liebe, allerdings oft enttäuschter, ob nun zum englischen Millionär Peter Watson, zum amerikanischen Fechter Kinmont Hoitsma oder auch zur „göttlichen“ Greta Garbo.

          Ein Album der Schönheit

          Das zweite Movens von Beatons Kunst war Spott, und das machte seine Texte und Zeichnungen so reizvoll. Und so riskant: Kaum war er 1937 auf Betreiben der damaligen Königin Elisabeth (der späteren „Queen Mum“) zum Hoffotografen aufgestiegen, entließ ihn ein Jahr später der amerikanische Verlag Condé Nast wegen antisemitischer Anspielungen in einer publizierten Zeichnung. Dass daraus nicht mehr wurde als ein Karriereknick, lag an Beatons Können – und an seinem Naturell, das man nur lieben oder hassen konnte. Die, die ihn liebten, sahen ihm die Geschmacklosigkeit nach.

          Als Hoffotograf: Porträt zum 25. Geburtstag von Princess Margaret. Bilderstrecke
          Dokumentarfilm „Love, Cecil“ : Die Bosheit in der Schönheit

          „Love, Cecil“, gedreht von einer Frau, die noch nicht geboren war, als Beaton lebte, ist ein aus Archivaufnahmen und neuen Gesprächen mit dessen Weggefährten montiertes Anekdotenfeuerwerk und zugleich ein Porträt der englischen guten Gesellschaft mit ihren abgeschiedenen Landsitzen, auf denen frei ausgelebt wurde, was in der Öffentlichkeit als inakzeptabel galt. Sittenloses Treiben lehnte man pro forma ab, war aber im Entsagen nicht gerade reich, dafür im Ertragen stark und in der Arbeit unermüdlich. Beaton blieb bis in die siebziger Jahre aktiv und starb hochgeehrt, aber krank und einsam 1980.

          Wie quicklebendig sein Werk im kollektiven Gedächtnis ist, führt Vreeland vor: mit den Aufnahmen von der Krönung Elisabeths II. oder Filmen wie „My Fair Lady“ und „Gigi“, die Beaton ausstattete. Diese 95 Minuten Kino sind ein Album der Schönheit, ergänzt um viele böse Sätze.

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