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„Dior und ich“ im Kino : Der Schnitt ist das Kleid

Reifeprüfung eines Modemachers: Raf Simons hatte zwei Monate Zeit, seine erste Kollektion für das Pariser Traditionshaus fertigzustellen. Bild: dpa

„Dior und ich“ ist ein besonderer Film – über Mode und Tradition, über Teamarbeit und Handwerk. Und über Raf Simons und seine erste Kollektion für das Traditionshaus. Aber wer ist dieses „ich“?

          3 Min.

          Die ersten Wörter gehören Christian Dior, die ersten Bilder auch. Die Wörter stammen aus seinen Memoiren. Sie erschienen 1956, ein Jahr vor seinem überraschenden Tod. Die Bilder zeigen das Paris seiner Zeit, Kleider, die er entworfen hat. Das alles geht langsam vor sich, schwingend, leise. Diors Sätze sprechen von den siamesischen Zwillingen, die er in sich trage – sich selbst und die öffentliche Figur, die er, ein weltberühmter, schüchterner Mann, wie einen Schild gleichsam vor sein eigentliches Ich schiebe, wenn er nach draußen gehe, vor die Presse, die Kameras.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Nur zehn Jahre hat er das Modehaus geleitet, das seinen Namen trägt, und in dieser Zeit hat er etwas geschaffen, das einzigartig war – den New Look, der den Frauen alles Soldatische der Kriegsjahre, alles Ärmliche der Nachkriegszeit nahm und ihnen eine starke, selbstbewusste und unabhängige Weiblichkeit gab, die vor dem Krieg unmöglich gewesen wäre. Minimalistisch wurde das genannt; das Erbe seines Namens aber ist gigantisch. Minimalistisch, heißt es oft, sei auch die Mode von Raf Simons, der 2012 (nach dem Rausschmiss von John Galliano, dem Bombastiker unter den Modemachern) das Haus Dior als Chefdesigner übernahm. Dior mochte das Etikett des Minimalisten nicht. Raf Simons mag es auch nicht.

          Ein bisschen mit den Kleidern leben

          Wie funktioniert Dior? Die Haute Couture, die diesen Namen immer noch trägt? Wer arbeitet dort, wie entsteht eine Kollektion? Es gibt jede Menge Berufsgeheimnisse. Der Dokumentarfilm „Dior und ich“ ist nicht darauf aus, sie zu lüften. Er will etwas verstehen – von Kreativität und Handwerk, von Zusammenarbeit, von Druck, von der Ausnahmesituation, in der sich das Haus ebenso wie auch Raf Simons befanden, als es losging, zwei Monate vor der ersten Show.

          Kinotrailer : „Dior und ich"

          Denn normalerweise entsteht eine Kollektion der Haute Couture über den Zeitraum etwa eines halben Jahres. Zwei Monate für ein Team, das zum ersten Mal zusammenarbeitet, sind logistisch schwierig, emotional aufreibend, nervlich fast unerträglich. Aber das alles, bei allem Druck, den wir sehen, ist nicht das Thema dieses Films. Er hat mehrere andere. Die Arbeit der Ateliers etwa, die Auswahl der Stoffe, das Entstehen der Kleider und welche Rolle neben dem Designer sein Assistent und die Schneiderinnen und Schneider spielen, die den Entwürfen ein erstes Leben geben. Wenn die Models die Kleider Simons’ zum ersten Mal präsentieren, sind die Menschen in den Ateliers ein bisschen traurig, dass die Kleider nun nicht mehr ihnen gehören, um sie zu verändern, zu verbessern, anzufassen und mit ihnen zu arbeiten und ein bisschen auch zu leben.

          Wer ist dieses „ich“?

          „Dior und ich“ ist ein seltsamer Titel für einen Dokumentarfilm. Wer ist dieses „ich“? Der Regisseur, der junge Frédéric Tcheng, dessen Film „Diana Vreeland: The Eye has to travel“ ebenfalls in der Modewelt spielte? Oder Raf Simons? Öffnet er sich so weit, dass von einem „Ich“ Rafs überhaupt die Rede sein kann? Oder Christian Dior selbst und seine öffentliche Persona? Von allem etwas?

          Das sind entscheidende Fragen, wenn es um einen Dokumentarfilm geht. Sie betreffen die Haltung des Films zu seinem Gegenstand, die Nähe, die Distanz, die Kumpanei, also die Frage: Erfahren wir etwas, bei dem die Marketingabteilung des Modehauses nicht die Finger im Spiel hatte?

          Sitzt alles? Haute Couture bedeutet Handarbeit.
          Sitzt alles? Haute Couture bedeutet Handarbeit. : Bild: dpa

          Wir erfahren etwas über Tradition. In den Ateliers arbeiten Schneiderinnen und Schneider, von denen manche bereits seit zweiundvierzig oder siebenunddreißig oder achtzehn Jahren bei Dior arbeiten, neben ihnen Zeitarbeiter. Wir lernen die Atelierleiterinnen Florence Chehet, die für die Anzüge, und Monique Bailly, die für Kleider zuständig ist, kennen, warmherzig, fröhlich und dynamisch die eine, die völlig verschossen ist in Pieter Mulier, die rechte Hand von Raf Simons; die andere sorgenvoll, abwägend, vorsichtig. Ihre Rollen in dem Film wie bei Dior sind denen der Designer beinahe ebenbürtig. „Dior und ich“ macht das sehr klar.

          Das ist kein Geniefilm

          Die Arbeit in den Ateliers, die Herstellung der Stoffe, die Schwierigkeit, Sterling Rubys Bilder auf einen Stoff zu drucken, all das findet die Aufmerksamkeit von Tcheng. So ist dies auch eine Hommage an das Handwerk, das in den Pariser Ateliers eine seiner letzten Hochburgen hat. Im Prêt-à-Porter wird „geklebt, aufgemalt, zusammengesteckt und fertig“, wie Florence einmal sagt, in der Haute Couture handgenäht, das wussten wir, aber was es heißt, das sehen wir hier. Was es kostet, auch. „Wenn eine Kundin für 350.000 Euro pro Saison bei uns einkauft“, sagt die Geschäftsführerin, „schlagen wir ihr eine Anprobe in Cannes nicht aus.“ Wie prekär das Ganze ist, wird auch klar. Es gibt überhaupt nur noch vier Seidendruckereien in Frankreich, die in der Lage sind, die künstlerischen Vorstellungen eines Mannes wie Raf Simons zu realisieren, und das in sehr kurzer Zeit.

          Wer dieser Raf Simons ist, das erfahren wir nicht. Das ist gut so. Er scheint in seiner großen Schüchternheit Dior ähnlich, und wenn er am Ende, als die Schau in den vollständig mit frischen Blumen verkleideten Sälen eines Pariser Stadthauses vorbei ist und er, mit den Stars im Publikum, die seine Nähe suchen, zögernd für Fotos posiert, da sieht es so aus, als könnten wir seinem siamesischen Zwilling beim Wachsen zusehen. Sharon Stone, die sich neben ihm mit routiniertem Strahlen ins Bild schiebt, sucht in diesem Augenblick die Publicity. Raf Simons erfindet sich jemanden, der aussieht wie er, um sie zu ertragen. Die Parallelen zwischen ihm und Dior sind fast gespenstisch. Tcheng schlachtet sie aber nicht aus. Dies ist kein Geniefilm. Ein Wunder, genau besehen.

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