https://www.faz.net/-gqz-7viwo

Dokumentarfilm „Citizenfour“ : Was Snowden nicht für möglich hielt

Der Patriot sieht zu Boden: Edward Snowden in „Citizenfour“. Bild: AP

Der Dokumentarfilm „Citizenfour“ von Laura Poitras ist in New York aufgeführt worden. Er zeigt Edward Snowden als Patrioten und macht klar, dass nun auch andere seine Arbeit fortsetzen.

          5 Min.

          „Citizenfour“, der Dokumentarfilm von Laura Poitras über ihre Arbeit mit Edward Snowden, endet mit einem Cliffhanger. Glenn Greenwald, der Journalist, der gemeinsam mit Laura Poitras die Weltöffentlichkeit mit den von Snowden sichergestellten Dokumenten aus den elektronischen Schubladen der National Security Agency bekannt machte, besucht Snowden in dessen russischem Exil und bringt ihm die neuesten aus dem Inneren des Staatssicherheitsapparats herausgeschmuggelten Informationen mit. Snowden ist erschüttert und begeistert. Ob sie mehr über die von dieser Szene versprochenen Enthüllungen verraten könne, wurde die Filmemacherin im Anschluss an die Vorpremiere in der Brooklyn Academy of Music gefragt. Laura Poitras wollte nur so viel sagen: Die Recherchen gehen weiter und müssen weitergehen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Rezensenten aus dem Freundeskreis der „intelligence community“, der unüberschaubaren Gemeinschaft der professionellen Staatsgeheimnisträger, haben hämisch dargelegt, der Film gehe mit den Neuigkeiten von gestern hausieren. Drei Komplexe behandelt die nur fragmentarisch gezeigte Unterrichtung Snowdens durch Greenwald, und alle drei waren in den vergangenen Monaten Gegenstände von Berichterstattung. Die Kommandozentrale des globalen Drohnenkriegs der Amerikaner soll ihr Luftwaffenstützpunkt im pfälzischen Ramstein sein. An der Spitze der Befehlskette der Drohneneinsätze steht der Präsident persönlich. Eine Liste irgendwie verdächtiger Subjekte, die staatlicher Beobachtung ausgesetzt sind, führt 1,2 Millionen Personen auf. Über diese „watchlist“ berichtete „The Intercept“, das von Greenwald gegründete Internetmagazin, Ende Juli. Aber hätte Greenwald diese Geschichte bis zum Start des Films zurückhalten sollen? Wäre ihm dann nicht vorgeworfen worden, das Interesse der Öffentlichkeit hinter die Werbung für seine Verbündete zurückzustellen?

          „Citizenfour“ – unter diesem Decknamen nahm Snowden Anfang 2013 mit Laura Poitras Verbindung auf – ist ein Werk des Journalismus. Der Film zeichnet aus der Nähe ein Porträt des Mannes, dessen Persönlichkeit seit seinem Hinaustreten auf die weltpolitische Bühne ebenso abwegigen wie anmaßenden Ferndiagnosen ausgesetzt war. Bündig informiert der Film über elementare Sachverhalte wie den Nutzen von Metadaten und die rechtliche Lage von Staatsbediensteten, die Journalisten auf Missstände hinweisen. Aber die Funktion des letzten Dialogs in einem Film über die vorsichtige Anbahnung und gründliche Absicherung der riskanten Kommunikation unter Aufklärern ist eine ästhetische.

          Protokoll der acht Tage

          Dankbar nimmt der Zuschauer Abschied von den beiden Hauptfiguren. Die Geschichte Edward Snowdens, seiner spektakulären Flucht in die Öffentlichkeit, wird dadurch zu einer Art Abschluss gebracht, dass gezeigt wird, was er angestoßen hat. Snowden und Greenwald haben die Rollen getauscht. Das Herz des Films, eine Stunde der 113 Minuten, ist das Protokoll der acht Tage, in denen Snowden sich in seinem Hotelzimmer in Hongkong von Greenwald, Laura Poitras und einem Reporter des „Guardian“ befragen ließ. Nun ist Greenwald der Bote mit den explosiven Exklusivinformationen, und an Snowden ist es zu staunen.

          Dass der Hüter der Daten über Datenzugriffe, deren Häufigkeit jede Vorstellungskraft übersteigt, angesichts der Länge der Liste der zur Beobachtung freigegebenen Bürger ausruft, diese Zahl sei ja wohl absolut lächerlich, nicht lächerlich klein, sondern unglaublich groß, ist ein wunderbarer Moment. Er dient der Vermenschlichung des Helden, der sich als Stoiker um der Selbstbeherrschung willen vorher jede komische Entlastung versagt hat, der immer mit dem Schlimmsten rechnet, aber nun noch einmal wirklich überrascht ist. Die Vignette hat aber auch einen politischen Sinn. Snowdens Verblüffung wiederholt eine Urszene der NSA-Affäre. Die tatsächlichen Dimensionen der Überwachung machten auch Insider sprachlos. Das Dokument, dessen Veröffentlichung das Vertrauen in die Regierung zerstörte, war der geheime Gerichtsbeschluss, der die Telefonfirma Verizon anwies, sämtliche Verbindungsdaten ihrer Kunden zu offenbaren.

          Alle Beschwichtigungsversuche erübrigten sich, als der frühere Chefjurist der NSA, Stewart Baker, in der Zeitschrift „Foreign Policy“ bekannte, auch er habe es zuerst nicht glauben können, als er gesehen habe, wie umfassend diese Ermächtigung sei.

          Pantomimisch verständigen

          Die letzte Szene mit Greenwald und Snowden ist virtuos geschnitten. Sie kennen sich inzwischen so gut, dass sie sich pantomimisch verständigen können. Greenwald spricht halbe Sätze, weil er die entscheidenden Wörter nicht aussprechen will. Er schreibt sie auf Zettel, die er Snowden reicht. Snowden hat ihm in Hongkong geduldig beigebracht, wie man Botschaften verschlüsselt. Der eifrige Greenwald hat seine Lektion gelernt. Die Furcht, abgehört zu werden, ist ein Leitmotiv des Films. Wenn man sieht, wie Snowden im Hotelzimmer die Telefonschnur aus der Wand zieht, kommt einem das Schlagwort „Paranoia“ in den Sinn. Aber am Ende ist aus der Vorsicht eine fast schon gelassene Routine geworden, ein Spiel, wie es die Höflinge in den Fürstenstaaten der Renaissance trainiert haben.

          Auf einem der Zettel findet sich nichts außer einer Kette von Kästchen. Nur im obersten Kästchen steht etwas, eine Abkürzung: POTUS. So heißt für den Dienstgebrauch der Präsident der Vereinigten Staaten. Poitras und Greenwald erweisen hier den Watergate-Aufklärern Bob Woodward und Carl Bernstein ihre Reverenz, die entdeckten, dass die Spur des dilettantischen Hoteleinbruchs bis ins Weiße Haus führte. William Binney, ein Vorgänger Snowdens, der seinen viel höher angesiedelten Posten in der NSA am 31. Oktober 2001 räumte, gibt Greenwald im Film den Rat, mit seinen Quellen nur von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, am besten in einer Tiefgarage wie Woodward und Bernstein mit ihrem Hauptinformanten „Deep Throat“.

          Wie kann es sein, möchte ein Zuschauer in Brooklyn von Laura Poitras erfahren, dass gegen Richard Nixon ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wurde, weil er die Telefonate von 120 Amerikanern mitschneiden ließ, aber die von den obersten Geheimdienstchefs im Kongress geleugnete Überwachung des gesamten Telefonverkehrs für Barack Obama ohne Folgen bleibt? Mit bitterem Hohn nennt Laura Poitras Nixon einen Kleinkriminellen – gemessen an den legalen Möglichkeiten seines Nachfolgers.

          Irrtum nach dem 11. September

          Mit „Citizenfour“ bringt Poitras eine Trilogie von Filmen über die Folgen des 11. September 2001 zum Abschluss. „My Country, My Country“ dokumentiert das Leben einer Arztfamilie im besetzen Irak, „The Oath“ begleitet einen Taxifahrer im Jemen, der in Guantánamo eingeperrt war. Die Ausweitung der exekutiven Macht bei gleichzeitiger Zurückdrängung ihrer Kontrolle erklärt Laura Poitras mit Bedacht sehr schlicht: mit einem Irrtum nach dem 11. September. Ein falscher Schritt, und die Nation befand sich auf einer schiefen Bahn, einer „moral drift“. Wegen ständiger Schikanen bei der Ein- und Ausreise hat Laura Poitras ihrem Land den Rücken gekehrt. Sie lebt in Berlin.

          In ihrem Film über Snowden kommt nicht nur Snowden zu Wort. Er ist schon einsam genug. Es ist bewundernswert, wie er in der Isolation des schmalen Hotelzimmers seine Ruhe bewahrt. Die Bestimmtheit seines Willens gerät nicht ins Wanken, die Klarheit seiner Einschätzung der eigenen Lage trübt sich nicht ein. Laura Poitras hat ihn gefilmt, wie er fernsieht, wie er Zeuge ist, als er nach der von ihm selbst unbedingt gewollten Offenbarung seines Namens zum Medienereignis und Debattenthema wird. Auf dem Bildschirm rattert die Maschine des Nachrichtensenderbetriebs mit den endlosen Befragungen vermeintlicher Experten, eine Maschine, die sich ein Thema einverleibt, um es bei nächster Gelegenheit wieder auszuspucken. In Snowdens Zügen zeichnet sich das Bewusstsein ab, dass er etwas Unwiderrufliches getan hat.

          Nebenfiguren wie Binney und der Wikileaks-Aktivist Jacob Appelbaum machen zwanglos deutlich, dass Snowdens Handlungen einen sozialen Kontext haben. In der Auswahl dieses ergänzenden Materials beweist Laura Poitras ein Gespür für vielsagende Gesten und verräterische Tonfälle. Barack Obama klingt unerträglich selbstgerecht, wenn er Snowden den Namen eines Patrioten abspricht, weil er den Dienstweg nicht eingehalten habe. Man halte Snowdens Satz dagegen, dass er die Übermacht der Regierung fürchtet, die Verwandlung der Gewählten und Wähler in Herrscher und Beherrschte.

          Hat Laura Poitras eine Erklärung dafür, dass Snowden in Hongkong Zuflucht suchte, wo die asylrechtliche Situation sich als ungünstiger erwies als gedacht? Sie hat mit ihm nur über die Sache beraten, nicht über seine persönliche Lage. Und ihm war seine Person offenbar nicht so wichtig. Selbstlosigkeit war einmal die Definition des Patrioten. Eine Enthüllung haben Laura Poitras und Glenn Greenwald sich aufgespart. Die Informationen auf den Zetteln, die Greenwald nach getaner Arbeit zerreißt, stammen dem Anschein nach von einem neuen Informanten. Auf Bürger Nummer 4 folgt Bürger Nummer 5.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erinnerung an eine „Ikone“

          Tod von Ruth Bader Ginsburg : Kampf um Amerika

          Die Ernennung von Richtern am Obersten Gericht ist so etwas wie der große Preis für Präsidenten. Donald Trump will die Gunst der Stunde nutzen und auf lange Zeit eine konservative Mehrheit durchsetzen. Das mobilisiert – auf allen Seiten.
          Corona-Debatte bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

          Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.